Memoiren eines unbeugsamen Christen, Folge 12
Abbé Pierre

Herrlichkeit und Elend der Kirche

Wenn man einen Blick auf die lange Geschichte der Kirche wirft, auf die zwanzig Jahrhunderte, die seit Jesu Tod verflossen sind: Wie kann man da nicht zwei Linien unterscheiden, die einander völlig widersprechen?
Einerseits einige skandalöse Päpste, Zwangsbekehrungen, die Scheiterhaufen der Inquisition, die Exzesse der Kreuzzüge, alle Kompromisse mit weltlichen Machthabern etc., doch anderseits eine leuchtende Botschaft, das Evangelium, das dank der Kirche durch all diese Jahrhunderte wanderte, außergewöhnliche Heilige, eine selbstlose Opferbereitschaft in unzähligen karitativen Institutionen und Bewegungen, Tausende von Männern und Frauen, die auf andere, aber nicht weniger heroische Art ihr Leben Gott in der Anbetung weihten …

Kurz, die Kirche brachte das Herrlichste und zugleich das Schlimmste hervor. Heutzutage hat man meist die Tendenz, nur über ihre schlimmen Seiten zu berichten. Bevor ich darauf zurückkomme, möchte ich vom Besten in der Kirche sprechen.

Leichtfertig konstruiert man einen Gegensatz zwischen Kirche und Evangelium. Um das berühmte Wort Loisys zu zitieren: „Die Kirche hat die schwere Aufgabe, eine Botschaft zu verkünden, die sie selber allermeist verdammt.“ Tatsächlich sind ja die Evangelien und alle Schriften des Neuen Testaments Werke der Kirche. Jesus hat keine davon verfasst, noch hat der Heilige Geist sie auf Steintafeln graviert. Wie man heute zur Genüge weiß, wurden diese Texte von den ers­ten Christengemeinden verfasst. Sie sind das direkte Produkt des konkreten Lebens der Urgemeinde, die der Apos­tel und ihrer unmittelbaren Nachfolger. Das Evangelium ist ein Gedanke, eine Botschaft, ein Glaube, die gelebt wurden, bevor sie niedergeschrieben wurden. Es ist der Glaube der ersten Christen.
In der Folge haben die Christen nie aufgehört, diese Botschaft zu vertiefen und zu bereichern. Die große Tradition der Kirche, die ihrer Heiligen, ihrer Kirchenväter, ihrer Kirchenlehrer, ihrer Mystiker, das ist das Evangelium, das sich immer weiter entfaltet und entwickelt, um den sich wandelnden Bedürfnissen der verschiedenen menschlichen Gesellschaften und Zeiten zu dienen. In diesem Sinn ist die Kirche eine Mutter, die uns seit zwei Jahrtausenden die welterschütternde Botschaft Christi vermittelt. Ohne die Kirche hätte ich diese Botschaft nie vernommen, ohne sie hätte ich mich mit der Frohbotschaft weder nähren noch sie zu meiner eigenen machen können.

Deshalb kann ich es nicht ertragen, zu sehen, wie die Kirche verhöhnt wird, wie man sich auf ihre kleinsten Unvollkommenheiten stürzt und sie wegen ihrer Vergehen verspottet. Es gibt eine satirische Zeitschrift, die von Chris­ten herausgegeben wird. Ursprünglich beabsichtigten ihre Gründer, sie als eine Art kirchliches Witzblatt zu gestalten. Eines Tages baten mich die Herausgeber um einen kurzen Beitrag. Ich entsprach dieser Bitte, als ich ihre Publikation noch nicht kannte. Sie brachten meinen Beitrag und sandten mir die Nummer, die ihn enthielt. So lernte ich ihre Publikation kennen. Ich antwortete ihnen sogleich: „Ich werde Ihr Blatt nie abonnieren, denn Sie tun ja nichts anderes, als die Kirche aufgrund ihrer Fehler in den Dreck zu ziehen und sie lächerlich zu machen.“
Man kann sich natürlich über das eine oder andere kirchliche Geschehen ärgern oder darüber lachen, doch die Kirche permanent nur zu verhöhnen, das schockiert mich. Das ist, als ob ich eine Mutter hätte, die zur Alkoholikerin geworden ist, und ich sie, statt ihr zu helfen, auf dem Dorfplatz dem Gespött der Menge aussetzen würde. Diese Zeitschrift habe sich inzwischen gehörig gebessert, wie man mir sagt.

Trotz ihrer unzähligen Fehler ist die Kirche meine Mutter in dem Sinn, dass ich ihr die drei Wahrheiten verdanke, die sie mir vermittelt hat: Der Ewige ist trotzdem Liebe; ich bin gleichwohl geliebt und du ebenso; und schließlich bin ich, bist du, sind wir alle mit Freiheit beschenkt, um diese Liebe Gottes mit unserer Gegenliebe zu vergelten.
Davon abgesehen ist es klar, dass die Regierung der Kirche – so notwendig eine globale Leitung ist – und die Weise, wie bestimmte ihrer Repräsentanten handeln, zuweilen recht weit vom Geist des Evangeliums entfernt sind.

In diesem Zusammenhang kann ich nicht vergessen, was ich mit eigenen Augen in einem südamerikanischen Land mit ansehen musste. Man errichtete in dessen Hauptstadt eine neue Nuntiatur. Dieses Gebäude war derart luxuriös, dass die Armen nachts kamen und mit Teer an die Wände schrieben: „Selig die Armen!“ Der Prälat, der das Gebäude errichten hatte lassen, alarmierte daraufhin tatsächlich die Polizei, um zu verhindern, dass das Wort des Evangeliums auf dem Haus des Papstes geschrieben stehe!

Persönlich habe ich alle Päpste seit Pius XI. getroffen, mit Ausnahme Johannes Pauls I., dessen Pontifikat nur sehr kurz war. Die Begegnung mit Pius XI. im Jahr 1926 hatte den Charakter eines Bubenstreichs. Ich war vierzehn Jahre alt, und mit einem Pfadfinderfreund hatte ich mich verschworen, den Papst beim Vorbeigang anzuhalten, damit er den Wimpel unserer Patrouille Les Hirondelles/Die Schwalben segne. Das gelang uns tatsächlich. Er sprach ausgezeichnet Französisch und sagte: „Lyon! Betet für den Papst in Notre Dame de Fourvière, denn ich habe einen Bruder, der in Lyon arbeitet. Ich war mehrere Male dort, und jetzt segne ich euren Wimpel.“ Natürlich wurden wir schwer gescholten wegen unseres Verstoßes gegen die Disziplin, doch strahlten wir vor Stolz.
Fortsetzung folgt

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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