Memoiren eines unbeugsamen Christen, Folge 10
Abbé Pierre

Wenn meine Gefährten auf den Glauben zu sprechen kommen, kommt es oft vor, dass sie mich fragen: „Was ist denn ‚Gott‘“? Gewöhnlich gebe ich ihnen in etwa zur Antwort: „Erinnere dich daran, wie du eines Tages todmüde zu uns heimkamst. Es war frostig kalt, du hattest nichts im Magen und brachtest für unsere Emmaus-Gemeinschaft auch gar nichts mit. Den ganzen langen kalten Tag hatten wir mit dem Tapezieren einer kläglichen Man­sarde verbracht, um für ein paar verlotterte Greise eine einigermaßen bewohnbare Unterkunft herzurichten.

Bei der Heimkehr sagtest du mir: ‚Pater, das war ein glücklicher Tag!‘ Und jetzt kannst du mich noch fragen, was Gott sei! Hast du denn jenen Freudentag vergessen, eine so eigenartige, von den gewöhnlichen Vergnügungen so völlig verschiedene Freude, die du an jenem Abend verspürtest? Damals hast du das herrlichste Geschenk erlebt, das einem Menschen zuteilwerden kann. Theologen geben ihm den Namen ‚Gabe der Weisheit‘; das heißt nicht etwa, dass man keine Dummheiten mache. Das Wort ‚Weisheit‘ (im Französischen sagesse) kommt vom lateinischen Wort ,sapere‘, und dieses Wort heißt ,verkosten‘ oder ‚gustieren‘. In jener Stunde hast du nämlich gekostet, wie herrlich es ist, jemandem Liebe zu schenken. Damals bist du deinem Gott begegnet, der in deinem Herzen sein Lied gesungen hat. Du kannst ganze theologische Bibliotheken studieren und deinen Kopf mit Ideen über Gott füllen, doch würdest du Ihn noch ganz und gar nicht kennen.

In der Erfahrung jener eigenartigen Freude, einer unbeschreiblichen und unsagbaren, hast du jedoch deinen Gott gekostet. Nach der christlichen Botschaft gibt es keinen Unterschied zwischen Glauben und Lieben, denn der christliche Gott ist die Liebe selbst.“

Ich glaube nicht an Gott. Hingegen glaube ich, dass Gott Liebe ist, trotz allem, was dem zu widersprechen scheint. Sein Sein selbst ist Lieben. Die Liebe ist sozusagen seine Substanz. Das ist auch der Grund, weshalb ich meine, die einzige fundamentale Kluft, die die Menschheit in zwei Lager trennt, verläuft nicht zwischen denen, die man „Gottgläubige“, und jenen, die man wie sie sich selber „Ungläubige“ nennt. Sie verläuft vielmehr zwischen egozentrischen „Selbstanbetern“ und den solidarisch sich verschenkenden „Gemeinschaftsmenschen“, die sich anderen zur Verfügung stellen. Das heißt zwischen solchen, die der Not ihrer Mitmenschen den Rücken kehren, und jenen, die kämpfen, um sie davon zu befreien. Zwischen solchen, die lieben, und denen, die ihr Herz verschließen. Nie werde ich Michel Coluche (1944-1986, populärer Fernsehentertainer, Gründer der franz. Aktion „Restaurant du Coeur“, die Wikipedia zufolge noch zwanzig Jahre nach dem Tod des Gründers mithilfe von 40.000 freiwilligen Helfern sechzig Millionen kostenlose Mahlzeiten im Jahr an hungernde Einkommenslose verteilte, also im Schnitt täglich an die 180.000, Anm.) vergessen können.

Ein paar Monate vor seinem frühzeitigen Tod trafen wir uns bei der „Aktion für die Hungernden“. Ich feierte auf Verlangen seiner Mutter seinen Trauergottesdienst. Die Jugend trauerte um ihn dankbar, dass er unsere selbstsüchtige und hochnäsige Gesellschaft wirkungsvoll entlarvt hatte. Er war ein Zeuge, der unsere kollektive Heuchelei denunzierte und zur Tat schritt. Er war ein ech­ter „Gemeinschaftsmensch“, ein sich solidarisierender „Mann für den Nächsten“.

Besteht nicht die übergroße Zahl der scheinbar „Ungläubigen“ bei uns aus Menschen, die im Gottesbild der „Gläubigen“ nur ein falsches Bild zu sehen bekommen? Die Gotteslästerungen, die massenweise von der Erde zum Himmel geschleudert werden, richten sich oft nicht an den wirklichen Gott, den Gott der Liebe. Sie werden falschen Göttern entgegengeschleudert, den Götzen unserer Egoismen, unserer Heucheleien, unserer politischen Interessen. Die einzige wirkliche Blasphemie ist die gegen die Liebe. Es ist gut, uns die Seligpreisungen des Evangeliums in Erinnerung zu rufen, die zu den kraftvollsten Jesusworten gehören. Wir können sie nie genug meditieren. (…)

Seit langer Zeit habe ich diese Botschaft immer wieder meditiert. Es sind fünfzehn Jahre her, dass ich zu einer Jugendfeier in der Arena in Verona in Italien eingeladen wurde. Jesu Seligpreisungen waren auf riesige Spruchbänder geschrieben. Während ich auf meinen Auftritt wartete, hatte ich genügend Zeit, diese acht Proklamationen wieder und wieder zu lesen. Da entdeckte ich plötzlich zu meinem Erstaunen zum ersten Mal, dass sie alle im Futur verfasst sind, nur die erste und die letzte stehen im Präsens. Die erste: Glücklich die mit armem Herz, denn ihnen gehört die Himmelsherrschaft. Die letzte: Glücklich, wer Verfolgung leidet um der Gerechtigkeit willen, denn schon haben sie die Herrschaft des Himmels. Das ist also nicht mehr bloße Vertrös­tung auf die Zukunft, nein, diese himmlische Herrschaft ist ja schon da!

„Arm im Geist“ – was soll denn das schon heißen? Sicher nicht, all sein Vermögen zu verteilen, wie ein Franziskus es getan hat. Das heißt doch heute: Ob ich Staatsoberhaupt oder Firmenboss oder Gewerkschaftssekretär oder Schullehrer bin, habe ich mich abends zu fragen: „Wie bin ich heute mit meiner Verantwortung umgegangen, wie habe ich meine soziale Stellung ausgefüllt? Was habe ich mit meiner Bildung, meinen Talenten, meinem Wissen angefangen, um den Schwächsten und Mittello­ses­ten unter meinen Mitmenschen zu Hilfe zu kommen und um meine Gaben in sie zu inves­tieren?“ Wer solche alltägliche Gewissenserforschung hält, der ist „arm im Geist“, der hat sein Herz bei den Armen.

Auch die letzte der Seligpreisungen will nicht sagen, dass man sich für das Martyrium bereitmachen müsse. Sie besagt, dass an jenem Tag, da drei Menschen sich zusammenfinden und der Mächtigste der drei den Schwächsten zu demütigen und auszubeuten beginnt, der Dritte zwischen die beiden tritt und ihm erklärt: „Das kannst du dir nicht leisten, ohne dass du mir mein Leben nimmst!“ Da beginnt Gott zu herrschen hier auf Erden.

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Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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