Klaus Einspieler im Gespräch:
Advent - die Zeit der Vorbereitung

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Christkönig: Ende und Krönung des Kirchenjahres, bevor wir mit dem Advent das neue beginnen.
Einspieler: Der Übergang zwischen Ende und Anfang ist ein sehr fließender: Das Motiv von Christus dem König zielt auf den wiederkommenden Christus am Ende der Zeiten, verbunden mit dem Jüngsten Gericht. Schon die Evangelien der letzten Sonntage im November sind davon geprägt. Das ist zugleich auch das Thema der ersten Phase des Advents. Advent heißt Erwartung – des Weihnachtsfestes, aber auch des kommenden Christus.

Die Endzeitstimmung, die angesichts der explodierenden Corona-Zahlen auftaucht, ist also auch im Advent geborgen?
Einspieler: Krisen sind nie angenehm, aber, so abgedroschen das auch klingen mag, sie bergen hin und wieder auch eine Chance. Im Advent lesen wir zum Beispiel häufig den Propheten Jesaja. Sein Buch ist von der Erfahrung geprägt, dass Juda mit Jerusalem das Heil erst erlangen wird, wenn es durch das Gericht, also die Krise, gegangen ist. Es ist für Jesaja die Folge des aufgestauten Unrechts. Die billige Erlösung, die sich um die wunden Punkte drückt, gibt es in der Bibel nicht. Die Krise kann uns zum Guten führen, wir können die Chance aber auch vertun. Nehmen wir die ökologische Frage als Beispiel. Was wir in den nächsten Jahrzehnten erleben werden, wird wohl die Züge des Gerichts – ich sage bewusst nicht der Strafe! – tragen. Die Folgen vergangener Fehler lassen sich nicht einfach wegwischen. Das werden wir schmerzlich spüren. Bleibt zu hoffen, dass sich die Art, wie wir mit unserer Welt umgehen, nachhaltig zum Positiven verändern wird und diese Zeit zumindest in der Rückschau als Phase des Neubeginns wahrgenommen werden wird.

Eine Chance also, heuer dem Wesentlichen an Weihnachten wieder näher zu kommen?
Einspieler: Der erzwungene Rückzug birgt die Gelegenheit, zu schauen, was wir eigentlich wollen, was wir uns erhoffen. Was ist mir wichtig und kostbar? Was bin ich bereit, dafür einzusetzen? Andererseits verstärkt eine Krise auch das Negative, die nicht gelebte Solidarität, wie wir sie z. B. bei Corona-Partys sehen. Ich habe in den letzten Wochen aber auch nicht verstanden, dass manche Mitchristen die Mundkommunion erzwungen haben. Im Gegenzug haben nämlich einige Leute aus Vorsicht auf den Kommuniongang verzichtet. Hätte Jesus das gewollt? Ist das wirklich fromm? Und dennoch sind Krisen auch eine Zeit, in der das Gute im Menschen sichtbar werden kann. Immer mehr Menschen geraten in Not. Ist das nicht der Kairos, Solidarität zu üben und zu helfen?

Mit dem Advent kommen auch sehr bekannte Heiligengestalten: Martin, mit dem früher die Adventzeit begann, Barbara, Nikolaus ... Hilfen auf diesem Weg?
Einspieler: Es sind vor allem große Heilige der Nächstenliebe dabei. Nehmen wir als Beispiel den Heiligen Nikolaus. Die meisten Legenden ranken sich nicht um seine Rechtgläubigkeit, für die ihn die Kirche schon früh als Heiligen verehrt hat, sondern um seine Bereitschaft, die Not anderer zu sehen und zu handeln. Das war es, was ihn in den Augen des Volkes zu einem großen Heiligen gemacht hat. Einander zu beschenken hat wesentlich damit zu tun.

Wenn das geschieht, ist – biblisch gesprochen – das Reich Gottes schon unter uns?
Einspieler: Genau: Der Christ weiß, dass er ohne Wenn und Aber von Gott angenommen ist. Er ist deshalb keiner, der aus dem Mangel heraus lebt, sondern der aus dem Vollen schöpft. Viele haben heute Schwierigkeiten mit dem Wort Opfer. Setzen wir das Wort Hingabe an diese Stelle. Ohne diese geht es nicht. Wir alle sind wohl in unserem Leben mehrmals auf Menschen getroffen, die etwas, besser: sich für uns hingegeben haben. Auch Gottes Sohn hat zunächst einmal von der Hingabe seiner Eltern gelebt. Vor allem Josef wird das vermutlich nicht immer leicht gefallen sein. Matthäus nennt ihn einen Gerechten. Offenbar hat er sich nicht von Emotionen, sondern von dem, was er als richtig erkannt hat, leiten lassen.

Wie unterstütze uns die Rituale und Zeichen des Advents bei der Vorbereitung auf Weihnachten?
Einspieler: Adventkranz wie Christbaum kommen zu uns zu Gast, wir nehmen sie in unserem Haus auf Zeit auf, sie prägen diese Zeit. Damit stehen sie stellvertretend für Gott, der zu uns kommen möchte. Sie sind Symbole dafür, dass wir unsere Tür aufmachen und ihm mehr Zutritt zu unserem Leben lassen, als es sonst der Fall ist. Es geht aber nicht nur um das Private. Der Glaube will auch das gesellschaftliche Zusammenleben prägen. Die Botschaft des Advents ist sehr politisch. Es geht um Frieden und Gerechtigkeit. Der Öffentlichkeit scheint dies nicht zu behagen. Man drängt die Religion immer häufiger ins Private ab.

Und dennoch machen Sie sich für die Hauskirche stark?

Einspieler: Hier beginnt es. In etlichen Haushalten wird gerade im Advent und zu Weihnachten versucht, den Glauben zu leben. Ein Zugang, der den Menschen sehr nahe ist, sind die Advent- und Weihnachtslieder, die man singen oder anhören kann. Man kann sich in die Texte vertiefen und darüber nachdenken. Auch die biblischen Lesungen dieser Zeit sind sehr schön. Für das gemeinsame Gebet gibt es auf der Homepage der Diözese kürzere und längere Vorschläge. Zu Hause kann und soll man kreativ damit umgehen und das tun, was passend ist. Kein Grund also für einen religiösen Lockdown. Im Gegenteil!

Das Glockenläuten in der Früh, zu Mittag und auf Nacht lädt uns zum Gebet des „Engel des Herrn“ ein. Es bezieht sich auf die Ankündigung der Menschwerdung, auf den 8. Dezember – ein vergessener Feiertag?
Einspieler: Das Thema Menschwerdung bezieht sich auf unser gesamtes Leben. Ich bin von Geburt an Mensch, zugleich aber entwickeln wir uns Tag für Tag. Auch wenn vieles vorgegeben ist, können wir einen Teil unserer Menschwerdung mitgestalten! Da wird uns mit Maria ein schönes Bild vor Augen gestellt. Auf manchen Darstellungen ist zu sehen, wie sie in der Heiligen Schrift liest, als der Erzengel Gabriel zu ihr kommt. Sie hat sich offenbar so intensiv mit dem Wort beschäftigt, dass es durch sie tatsächlich „Hand und Fuß“ bekommen hat. Das ist auch für uns die Herausforderung: In der Bibel steht für jeden zumindest ein prägender Satz, der mit Leben erfüllt werden will. Das Glockenläuten will uns daran erinnern.

Gibt es etwas Wichtiges, das wir noch nicht angesprochen haben?
Einspieler: Man hört jedes Jahr, wie hektisch der Advent ist. Heuer wird es anders sein. Wir können ausprobieren, ob es tatsächlich auch anders geht. Wenn wir zur Erkenntnis kommen, dass das besser ist, zwingt uns niemand, nächstes Jahr in den alten Trott zu verfallen. Auch das Schenken wird heuer vermutlich anders sein. Unter Umständen nicht so teuer, vielleicht aber herzlicher. Im besten Fall bleibt so auch mehr für jene übrig, die es dringender brauchen. Der Advent ist eine Zeit der Hoffnung. Das heißt, dass man etwas Gutes ersehnt, das aber noch nicht da ist. Jesaja, der große Prophet des Advents, lädt uns ein, das Vertrauen nicht zu verlieren, aufzustehen, der Angst zu wider-stehen, um zu be-stehen.

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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