Der Wiener Pastoraltheologe Johann Pock über Wandlungsprozesse in Kirche und Gesellschaft und ihre Bedeutung für die Pfarrgemeinderatswahlen im kommenden Frühjahr
Kirche leben in Zeiten der Veränderung

Wandlung und Transformation, nochmals akzentuiert durch die Pandemie: Welche Prozesse beobachten Sie derzeit auf gesellschaftlicher Ebene?
Pock: Wandlungen und Veränderungen gehören zur Weiterentwicklung der Gesellschaft. Die größten Transformationen sehe ich zunächst in der verschärften Klimakrise und ihren Auswirkungen. Dies wird unsere Welt in der nächsten Zeit am nachhaltigsten verändern. Das ist ein Antreiber für Migrationen, Ursache für verschiedenste Katastrophen, verändert unsere Lebensumstände.
Damit verbunden ist die immer weiter aufgehende Schere von Armen und Reichen, vor allem im weltweiten Vergleich. Dies zeigt sich nicht zuletzt im Blick auf die Verteilung der Impfstoffe und die Möglichkeiten, auf die Pandemie zu reagieren.
In unserer österreichischen Gesellschaft zeigt sich dies durch stärkere Radikalisierungen, die viele Ursachen haben. Nicht zuletzt aufgrund der neuen Möglichkeiten der Social Media bilden sich immer mehr gesellschaftliche „Blasen“, und der Dialog zwischen „rechts“ und „links“ wird schwerer, die Gräben und die Unversöhntheiten tiefer.

Was bedeutet das für die Kirche in Österreich, die zusätzlich an der Last von Skandalen trägt?
Pock: Kirchen und Religionsgemeinschaften verlieren an Einfluss in der Gesellschaft, wie religionssoziologische Studien beweisen. In Deutschland sieht z. B. nur mehr ein Viertel der Menschen die Kirchen als politisch oder gesellschaftlich relevante Akteure. Der Bedeutungsverlust der Kirchen liegt dabei zum einen an den Prozessen der Pluralisierung: Es gibt nicht mehr nur die eine, christliche Deutung des Lebens oder der Welt, sondern unterschiedliche Angebote, aus denen frei gewählt wird. Zum anderen hat sich gerade die römisch-katholische Kirche in den vergangenen Jahren zu wenig mit den brennenden Lebensfragen und zu viel mit sich selbst beschäftigt: Nicht nur der massive Vertrauensverlust aufgrund der Missbrauchsfälle spielt hier eine Rolle. Die Menschen verstehen immer weniger die internen Streitigkeiten: Ob nun homosexuelle Paare gesegnet werden sollen; ob Zölibat oder Weiheamt für die Frauen – das interessiert nicht die Gesellschaft, sondern am ehesten noch sehr kirchenverbundene Personen. Und durch starre Haltungen in solchen internen Fragen kommt es in der letzten Zeit auch zum Kirchenaustritt von Personen, die zum innersten Kern kirchlicher Gemeinden und Strukturen gehören.

Welche Bedeutung haben diese Prozesse für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in der Kirche? Identitäten und Rollenbilder sind in Bewegung gekommen.
Pock: Jeder und jede, der oder die sich in einer Organisation wie einer Kirche engagiert oder beruflich dort tätig ist, identifiziert sich zu einem gewissen Teil mit dieser Organisation. Umso schmerzlicher ist es dann, wenn sich das Ansehen z. B. der Kirche verändert.
Änderungen machen immer auch Angst, weil das Bisherige nicht mehr so zählt. Innerkirchlich merken wir das durch Veränderungen von Pfarrstrukturen; durch eine geänderte Zusammensetzung des Klerus; durch neue Verantwortungsträgerinnen und -träger in den Kirchen. Es entstehen neue Berufe – und die bisherigen verändern sich.

Das hat auch Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Priester und die Erwartungen an sie.
Pock: Im Blick auf die Priester bedeutet die Entwicklung, dass sie nicht mehr automatisch als Priester eine allgemein anerkannte Autorität und Würde haben – sondern sich diese durch ihr persönliches Wirken gewissermaßen erarbeiten müssen. Ganz im Gegenteil: Immer häufiger wird Priestern mit Skepsis begegnet als sichtbarste Vertreter einer Organisation, die einerseits hohe Moral predigt und andererseits selbst Verbrechen begangen und vertuscht hat. Dieses Misstrauen schmerzt.
Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Ausgehend vom Verständnis des „pilgernden Gottesvolkes“ und dem Anerkennen der gemeinsamen Berufung zum Priestertum durch die Taufe sind viele Christinnen und Christen selbstbewusster geworden. Die Kirche gehört weder dem Papst noch den Bischöfen – vielmehr besteht sie aus lebendigen Gliedern, die sie mitgestalten können und wollen. Damit haben sich mittlerweile vielerorts Gruppen und Strukturen entwickelt, die von Ehrenamtlichen sehr selbstständig und toll geleitet werden. Sie schaffen es, dass der christliche Glaube bei uns lebendig bleibt.

Was kommt auf die Pfarren zu?
Pock: Wir reden gerne davon, dass sich eine christliche Gemeinde durch vier große Bereiche auszeichnet: den Gottesdienst, den Dienst am Nächsten, die Weitergabe des Glaubens und das Leben in Gemeinschaft. Und die Fäden dazu hat bisher großteils der Priester als Leiter in der Hand gehabt.
Ich meine, dass diese Zeit vorbei ist. Auf die Pfarren kommt eine größere Selbstverantwortung zu – die zugleich von Kirchenleitungen, also Bischöfen und Priestern, auch freigelassen werden muss. Die Menschen heute sind sehr sensibel, ob eine echte Mitverantwortung gegeben ist oder nur eine paternalistisch gewährte Beteiligung. Ein Buch der 1990er-Jahre hieß: „Pfarrer, lass die Laien los!“

Welche Chancen erkennen Sie in den gegenwärtigen Wandlungsprozessen?
Pock: Die aktuellen Wandlungsprozesse ermöglichen es, nachzudenken: Wozu braucht es uns als katholische Kirche? Wofür setze ich meine Ressourcen, meine Fähigkeiten ein?
Und hier zeigt Papst Franziskus, dass es nicht um die Nabelschau gehen darf, sondern darum, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein: Also hinauszugehen und uns einzumischen in die Entwicklungen der Gesellschaft.

Stichwort Pfarrgemeinderatswahl: Was liegt Ihnen noch am Herzen?
Pock: Ich finde das Motto „Mittendrin“ sehr gut gewählt: Unsere Kirche darf sich nicht zurückziehen in die Kirchenräume und sich von der Welt abschotten. Vielmehr bedeutet es: Mischt euch ein! Gottesdienst lebt vom Nächstendienst – und umgekehrt. Unsere Welt wird vielfältiger, bunter – und so hoffentlich auch unsere Kirche.
Und schließlich gibt es kirchlich immer auch noch die Frage der Option: die Option für die Schwachen, Ausgestoßenen, Armen – und dies innerhalb wie außerhalb der Kirche.

Interview: Georg Haab

Zur Person: Johann Pock, geb. 1965, wurde 1993 zum Priester geweiht und studierte in Graz und Rom. Von 1992 bis 2007 war Pock als Seelsorger in der Diözese Graz-Seckau tätig. 2005 habilitierte er sich im Fach Pastoraltheologie und Homiletik. Ab 2007 war Pock Professor für Pastoraltheologie in Bonn, seit 2010 lehrt er Pastoraltheologie in Wien und ist seit 2018 Dekan der Theologischen Fakultät.
Bei den Pastoraltagen 2021 „Pfarre mittendrin – Lust und Frust in Zeiten der Veränderung“ im Bildungshaus Sodalitas/Tainach (11./12. Oktober) sind Johann Pock (Wien) und Klara A. Csiszar (Linz) Vortragende.

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Sonntag Redaktion aus Kärnten | Sonntag

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