Bernhard Ungericht im Gespräch mit Susanne Huber
Wirtschaften mit Maß und Verantwortung

Als Nachhaltigkeitsforscher und Wirtschaftsethiker übt Bernhard Ungericht Kritik an unserer Überkonsumgesellschaft. Bei der Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg sprach er sich für ein verantwortungsvolles Wirtschaften aus und regte zu einer Vision eines Lebensstils an, der nicht auf Kosten anderer geht.

Um Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen, braucht es Ihrer Meinung nach eine andere Wirtschaft als jene, die wir heute haben. Was läuft schief?
UNGERICHT: Die Art und Weise, wie gegenwärtig global gewirtschaftet wird, ist die Ursache von vielen krisenhaften Erscheinungen und Bedrohungsszenarien. Nur ein paar Stichworte: Ressourcenverknappung, Klimaveränderung, Verschlechterung von lebenserhaltenden Systemen wie fruchtbarer Boden, Trinkwasser, Artenvielfalt.
Versorgungssicherheit ist nicht gegeben durch die instabilen internationalen Produktions- und Lieferketten – das hat sich unter anderem gezeigt in der Corona-Pandemie und das zeigt sich auch durch globale Migrationsbewegungen, geopolitische Spannungen und Kriege, die zunehmend Kriege um natürliche Ressourcen wie Wasser, Land, Nahrung und wertvolle Bodenschätze sein werden. Das ist der Status quo.

Was steckt dahinter? Der Drang nach übersteigertem Haben-wollen?
Ungericht: Das Dogma vom ewigen Fortschritt auf Basis vom permanenten ökonomischen industriellen Wachstum. Dieses Dogma ist allerdings eine irrige Hoffnung und widerspricht den objektiven biophysikalischen Belastbarkeitsgrenzen eines lebendigen Planeten. Deshalb muss man sagen, dass dieses Modell von industrieller Zivilisation gescheitert ist – erstens ökonomisch gescheitert, weil es auf Raubbau beruht. Es ist eine Plünderökonomie. Für die globale Wirtschaft eines Jahres würde man zwei Planeten und ihre Ressourcen brauchen. Für die Abfälle, die wir dabei produzieren, bräuchten wir vier Planeten. Zweitens ist es moralisch gescheitert, weil trotz einer noch nie da gewesenen Produktivität und extremen Übernutzung von Ressourcen wir nicht in der Lage sind, ein menschenwürdiges Leben für alle zu garantieren. Und drittens ist es auch spirituell gescheitert, weil nicht die Achtung und Bewahrung des Lebendigen im Mittelpunkt der Schöpfung steht, sondern die Ausbeutung und die Verwandlung in Totes.

Verwandlung in Totes – was heißt das?
Ungericht: Es gibt eine interessante Untersuchung des Weizmann Instituts für Wissenschaft, die besagt, dass im Jahre 2020 das erste Mal alle von Menschen gemachten Artefakte – Häuser, Maschinen, Plastik, Straßen, Bücher, Waffen usw. – die Biomasse überstiegen haben. Das heißt, das Tote, das wir aus dem Lebendigen entnehmen – aus Wäldern, Böden, Meeren,– hat rasant zugenommen. Im Jahr 1900 lag die tote Masse noch bei drei Prozent der lebendigen Biomasse, mittlerweile sind wir bei über 50 Prozent. Klar, wenn das Tote mehr wird, dann muss auf einem endlichen Planeten, der keine unendlichen Ressourcen hat, das Lebendige notgedrungen schrumpfen.

Der Papst betont immer wieder, „diese Wirtschaft tötet“. Ich nehme an, Sie sehen das auch so?
Ungericht: Auf alle Fälle. Ich habe mich mit der Thematik einige Jahre sehr intensiv beschäftigt und auch ein Buch darüber geschrieben. Meiner Meinung nach liegt die Wurzel des Problems in der Maßlosigkeit unseres derzeitigen expansionistischen Wirtschaftssystems, wo alles immer mehr werden muss und nichts genug zu sein scheint – ob Wirtschaftswachstum, Produktivität, Fleischertrag pro Schwein oder Hektarertrag pro Grund und Boden. Das ist nicht nur die tiefere Ursache von unseren Problemen und Bedrohungen, sondern auch der Ansatzpunkt für einen fundamentalen Pfadwechsel.

Ein solcher dürfte nicht so einfach umzusetzen sein. Oder geht es Ihnen darum, einen Perspektivenwechsel anzuregen?
Ungericht: Genau. Wichtig ist für mich erst einmal die Vision eines Pfadwechsels als Anregung, um zu wissen, wo wir hinwollen. Dazu braucht es auf gesellschaftlicher Ebene ein wichtiges Fundament mit entsprechenden Grundhaltungen wie Mitgefühl für sämtliches Leben auf der Erde und Solidarität sowohl mit denen, die heute schlechter gestellt sind als wir, als auch mit der nächsten Generation, deren zukünftige Lebensgrundlagen wir gerade zerstören. Wenn wir diesen Anspruch haben wollen, braucht es allerdings auch den Willen zur Selbstdeprivilegierung. Das heißt, unsere Überkonsumgesellschaft müsste sich radikal auf einen Lebensstil beschränken, der nicht auf Kosten anderer geht, der mit einem Planeten auskommt und der global gerecht ist. Ein solcher Lebensstil, auch „One Planet Living“ genannt, würde bedeuten, dass wir in der westlichen Welt unseren Ressourcenverbrauch um bis zu 90 Prozent reduzieren müssten.

Puh. Das klingt radikal ...
Ungericht: Ja, das wäre allerdings notwendig, ist aber natürlich schwierig anzugehen, denn unsere gegenwärtige Art zu wirtschaften und zu konsumieren, ist tief in gesellschaftliche Strukturen, in Institutionen, in Praktiken, in Gewohnheiten, in Karriereerwartungen, in Vorstellungen von einem guten Leben eingewoben. Dennoch ist es möglich, unsere Bedürfnisse stabil und sicher zu befriedigen und dabei innerhalb der Grenzen zu bleiben, die einen lebendigen Planeten auch für die nächsten Generationen erhält. Konkret würde das bedeuten: eine Kultur der regionalen Selbstversorgungskompetenz, eine Kultur des Maßhaltens und der Genügsamkeit. Dazu zählt zum Teil auch ein Rückbau von industriellen Produktionsstrukturen, die sinnlos und schädlich sind. Wer braucht eine eigene Industrie für Privatjets und für Superyachten? Um das zu ändern, müssten sich tatsächlich neue Praktiken, neue Prozesse, neue Beziehungsmuster, andere Institutionen und andere Vorstellungen von einem guten Lebensstil herausbilden.

Die Kirche könnte hier mit positivem Beispiel vorangehen, oder?
Ungericht: Ja, denn Seelenheil und Wohlbefinden hängen nicht von einem permanent steigenden materiellen Wohlstand ab. Insofern könnte die Kirche geistiges und spirituelles Zentrum sein, das die Stimme erhebt für ein verantwortungsvolles Witschaften, auch wenn es unbequem ist. Denn der Wille zur Selbstdeprivilegierung ist nicht bequem. Es braucht ein Bewusstsein dafür, welche Werte uns wichtig sind. Ich finde, da gibt es in der Kirche viele Ansatzpunkte zur Bewahrung der Schöpfung, wie etwa das Gebot, du sollst nicht töten.Glauben Sie, dass die Vision eines Pfadwechsels tatsächlich real werden kann?
Ungericht: Ja. Für mich ist es äußert unbefriedigend, dass Maßlosigkeit, Gier, Wettbewerbs- und Durchsetzungsfähigkeit dominante Wertigkeiten in unserer Gesellschaft sind.
Da gibt es, denke ich, eine Alternative dazu. Ich bin davon überzeugt, dass das Leben besser sein könnte und wir als menschliche Wesen zu mehr in der Lage wären. Wir dürfen uns nur nicht einreden lassen, dass es wegen Sachzwängen und internationaler Wettbewerbsfähigkeit unmöglich scheint.

Autor:

Carina Müller aus Kärnten | Sonntag

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