Reportage in burgenländischen Pfarren
Zwischen Sorge und Seelsorge

Bischof Ägidius J. Zsifkovics appelliert, die Kirchen weit aufzumachen, „damit die Menschen in ihnen daheim sein können und ahnen dürfen, dass Gott sich nicht einsperren und der Mensch nicht aussperren lässt.“
  • Bischof Ägidius J. Zsifkovics appelliert, die Kirchen weit aufzumachen, „damit die Menschen in ihnen daheim sein können und ahnen dürfen, dass Gott sich nicht einsperren und der Mensch nicht aussperren lässt.“
  • Foto: Kathbild.at / Franz Josef Rupprecht
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In Krisenzeiten werden Gotteshäuser zu Zufluchtsorten – viele Gläubige wollen ein Kerzerl anzünden oder ein Gebet sprechen. Doch offene Kirchentüren sind aus Sorge vor Vandalismus und Einbrüchen längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Wie bewältigen burgenländische Pfarren den Spagat zwischen Offenheit und Sicherheit?

Gerald Gossmann

Wenn Wirtshäuser und Boutiquen verschlossen bleiben, kommt Kirchen eine noch bedeutendere Rolle zu: Sie sind begehrte Zufluchtsorte in der Pandemie. Abzulesen ist das derzeitige Verlangen nach dem bloßen Betreten eines Gotteshauses auch an Profanem: In der Wallfahrtskirche von Maria Bild kamen der Pfarrer und sein Team zuletzt mit dem Auffüllen der Desinfektionsmittelspender kaum nach. Und in der Basilika Loretto geben die Opferlichter Aufschluss über den Krisen-Trend: Es werden – trotz eingeschränkter Bewegungen in der Bevölkerung – so viele Kerzen angezündet wie noch in belebten Vor-Corona-Zeiten. Allem Bedürfnis zur Einkehr zum Trotz: Offene Kirchentüren sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Einbrüche, Diebstähle und Vandalismus haben Pfarren vorsichtig werden lassen. Weniger in großen Wallfahrtsorten, die oft gut geschmierte Betriebe mit dazugehöriger Infrastruktur vorweisen. Mehr in kleinen Pfarren mit wenigen Ehrenamtlichen, fehlender Videoüberwachung und einem abgelegenen Kirchlein. Die Botschaft der Diözese Eisenstadt ist klar: „Es wäre fatal, wenn wir unsere Kirchen und Gotteshäuser außerhalb der Gottesdienstzeiten zusperren würden“, betonte Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics. Man würde „Gott einsperren und die Menschen aussperren“. Die Kirchen seien „keine sakralen Museen, sondern müssen belebte und durchbetete Räume bleiben. Gerade in dieser schwierigen, ausgrenzenden Pandemiezeit haben wir neu erfahren dürfen, dass es diesen Pulsschlag des Lebens braucht“. Wie sieht das in der Praxis aus? martinus hat sich in burgenländischen Pfarren umgehört, wie der Spagat zwischen Offenheit und Sicherheit, zwischen Sorge und Seelsorge bewältig wird.

Eines zeigt sich schnell: Das Bild in der Diözese ist vielfältig. Manche Pfarrer trotzen dem drohenden Unheil in Form eines Einbruchs mit einer „Jetzt erst recht“-Mentalität und öffnen ihre Kirchen von früh bis spät. Andere – oft gebrannte Kinder – holen den Kirchentor-Schlüssel nur auf Zuruf aus der Tasche oder lassen dicke Gitterstäbe anbringen, durch die man zwar einen Blick in den sakralen Raum erhaschen kann, aber nicht viel mehr. „Geschlossene Kirchen sind ein Widerspruch“, betont P. Karl Schauer, der für das Wallfahrtswesen zuständige Bischofsvikar in der Diözese Eisenstadt. „Man nimmt den Menschen etwas – und man nimmt Gott etwas.“ Der Benediktinerpater hat viel Erfahrung vorzuweisen – lange leitete er das Wallfahrtsmekka in Mariazell. Geschlossene Kirchentüren sind ihm ein Gräuel. Schauer formuliert klar, zuweilen bissig und pointiert. Wiewohl dem Kirchenmann durchaus bewusst ist, dass der riesige Betrieb in Mariazell nicht mit einem kleinen Wallfahrtskirchlein in einem spärlich besiedelten Dorf vergleichbar ist – trotzdem appelliert er an alle Priester eindringlich „die Kirchen offen zu halten“. In vielen Pfarren habe sich gezeigt, „wie dankbar die Leute sind, wenn sie Zugang zu Gotteshäusern haben. Die Leute wollen ein Kerzerl anzünden und beten“.
Ein Blick in die Praxis: Der Franziskanerpater Thomas Lackner ist Stadtpfarrer in Frauenkirchen, einem der großen Wallfahrtsorte des Burgenlandes. Seit langem schon setzt der technikaffine Priester auf ein Videoüberwachungssystem, das den Besuchern uneingeschränkten Zugang zur Basilika ermöglicht und zugleich der Pfarre Sicherheit gibt. Denn auch wenn es in den Gotteshäusern der kleinen Diözese Eisenstadt keine wertvollen Kunstschätze wie anderswo zu erbeuten gibt, fallen Opferstöcke und Souvenirläden-Kassen ins Beuteschema von Dieben und Einbrechern. Für die Frauenkirchner haben sich die im Kirchenraum platzierten Kameras schon ausgezahlt. „Vor kurzem hatten wir eine Bande da“, erzählt P. Thomas. Über seine Monitore wurde er darauf aufmerksam, dass ein paar Männer die Opferstöcke aufzubrechen versuchten. „Ich bin durchgestartet, in die Kirche gelaufen, habe einen Dieb gestellt und seinen Ausweis verlangt.“ Dieser bekam es mit der Angst zu tun und flüchtete. „Die Videoüberwachung macht sich bezahlt“, sagt Pater Lackner. Dazu gehen Mitarbeiter seiner Pfarre regelmäßig durch den Kirchenraum und zeigen Präsenz. „Das gibt den Besuchern Sicherheit.“ Vor kurzem musste er an einer Sitzung teilnehmen, war hundert Kilometer von seiner Basilika entfernt – „da habe ich immer wieder auf mein Handy geschaut und mit einem Klick alle Kirchenräume gesehen.“ Der Franziskaner weiß, dass sein Wallfahrtsort zu den Schwergewichten im Burgenland zählt. „Die Kirchen sollen offen sein“, sagt er, „aber ich verstehe die Sorge eines jeden, der ein abgelegenes Kirchlein hat.“

Nachbarschaftsdienst. Die Wallfahrtskirche in Maria Bild ist so ein Fall. Der Ort im Bezirk Jennersdorf zählt knapp 200 Einwohner. Noch dazu befindet sich der Amtssitz des Pfarrers im benachbarten Mogersdorf, der Pfarrhof neben der Kirche in Maria Bild ist unbewohnt. Das ist generell ungünstig, will man das Gotteshaus gut im Auge behalten. Doch die Kleinheit des Ortes ist zugleich ein Vorteil. Pfarrer Anton Pollanz hat die Nachbarn um einen wachen Blick gebeten. Viele erfüllen den Wunsch des Priesters gerne. „Das System funktioniert sehr gut“, freut sich Pollanz. „Den Leuten fällt Ungewöhnliches schnell auf.“ So werden ihm regelmäßig fremde Autokennzeichen gemeldet. Der nachbarschaftliche Wachdienst ist notwendig. Immer wieder versuchten Diebe in Maria Bild ihr Glück. Die Opferstöcke wurden aufgebrochen, die Sakristei geplündert, einmal versuchte gar ein geistig verwirrter Mann den Innenraum der Kirche nach seinen Vorstellungen umzugestalten. „Mehr als fünfzig Euro hat aber keiner erbeutet“, schmunzelt Pfarrer Pollanz.

Kurzzeitig wurde eine Videoüberwachung überlegt, die Idee aber verworfen. Der Nachbarschaftsdienst läuft ohnehin wie geschmiert. So kann das Gotteshaus täglich von 8 bis 19 Uhr frei zugänglich bleiben. „Die Leute schätzen es sehr, dass die Kirche offen ist“, betont Pfarrer Pollanz. Im Sommer besuchten viele Rad-Touristen den malerischen Wallfahrtsort. „Wir mussten die Desinfektionsmittelspender ständig nachfüllen.“ Der beliebte Priester ist überzeugt, dass „ein Kirchbesuch für Menschen in Krisenzeiten noch wichtiger ist.“ Mit „einem angerichteten Schaden“, sagt er, müsse „man leben“. Und: „Unsere Leuchter aus Blech kann man nur schwer zu Geld machen.“
Beliebtes Opfer: Opferstöcke. Ein ähnliches Bild zeigt sich im nordburgenländischen Loretto, einer Wallfahrts-Hochburg der Diözese. Tausende Pilger kommen hier regelmäßig zu Gottesdiensten, Lichterprozessionen und Kirtagen zusammen. Dazu besitzt die Pfarre nicht nur ein Wallfahrtskirchlein sondern eine bedeutende Basilika. Trotzdem hat man keine nennenswerten Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Die Gefahrenlage beschreibt P. Stefan Vukits, Rektor der Basilika und des Wallfahrtswesens in Loretto, ähnlich wie seine Kollegen. „Vandalismus“, sagt er, habe es „schon lange nicht mehr gegeben – zuletzt in den Siebzigerjahren“. Ein beliebtes Opfer waren lange die Opferstöcke. „Die leeren wir aber jetzt regelmäßig aus und haben damit das Problem beseitigt. Seit die Diebe gemerkt haben, dass es nichts mehr zu holen gibt, ist Ruhe.“ Ehrenamtliche, die Wachdienst schieben, gibt es auch hier nicht. Die Patres schauen immer wieder nach dem Rechten, dazu hat die Pfarre einen großen Kreis an Gläubigen, die sich regelmäßig in der Basilika befinden. „Es ist selten jemand ganz alleine in der Kirche“, betont P. Stefan Vukits vom Orden der Oblaten der Jungfrau Maria. Dass sich die Menschen nach einem Ort der Einkehr sehnen, bemerkt der Ordensmann deutlich. „Mir ist wichtig, dass die Kirche offen ist“, sagt Vukits. „Gerade in der Pandemiezeit kommen Besucher nicht in Gruppen sondern individuell und spontan, wollen ein Kerzerl anzünden – und dann möchte man nicht vor einer verschlossenen Türe stehen.“

„Individuelle Lösungen.“ Einige Pfarrer verweisen dagegen auf fehlende Ehrenamtliche und steigende Einbruchszahlen. Weil sie nicht ständig Opferstöcke reparieren wollten, haben sie Eisengitter oder Glastüren montiert. Alle betonen, dass man sie gut erreichen könne. Wallfahrtsgruppen würden regelmäßig anrufen, aber auch Einzelbesuche können sich gerne anmelden, dann werde sofort ausgerückt und die Kirchentür entriegelt. Bislang kümmern sich die Pfarren selbst darum, wenn sie Videokameras oder andere Vorkehrungen benötigen. „Kirchen im Burgenland stärker zu öffnen und dabei koordiniert auf Videoüberwachung zu setzen, könnte ich mir gut vorstellen“, betont der Direktor des diözesanen Bauamts Markus Zechner. Wiewohl er anmerkt, dass jede Pfarre „individuelle Lösungen“ benötigen wird.

Pfarrer auf frischer Tat ertappt. Im südburgenländischen Maria Bild will man auf eine Videoüberwachung derzeit noch verzichten – schließlich funktioniert der nachbarschaftliche Wachdienst wie geschmiert. Sogar Pfarrer Anton Pollanz wurde schon auf frischer Tat ertappt, als er eines Winterabends Kerzen aus der Wallfahrtskirche holen wollte: „Sofort habe ich einen Anruf bekommen – mit dem Hinweis, dass in der Kirche Licht brennt“, schmunzelt der Pfarrer.

Autor:

Redaktion martinus aus Burgenland | martinus

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