EIN_BLICK
Armut als Stachel im Fleisch
- Die Kirche ist eine Kirche der Armen, ruft Papst Leo XIV. in seinem Apostolischen Schreiben „Dilexi te“ in Erinnerung. Das Transparent mit Maria und Jesus (links) ist an einer Mauer in einem Armenviertel in Kairo/ Ägypten befestigt.
- Foto: Manuel Meyer/KNA
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Markus Schlagnitweit, warum hat sich Papst Leo für eine sogenannte Exhortation entschieden und nicht für eine Enzyklika?
Markus Schlagnitweit: Eine Exhortation richtet sich primär nach innen, an die Kirchenmitglieder. Sozialenzykliken wenden sich als Einladung zum Dialog an die ganze Welt. Papst Leo erinnert also die katholischen Christ:innen, dass die Armen das Zentrum der Kirche sein sollen.
Das entspricht jedenfalls in Österreich nicht der Realität. Kirchenmitglieder kommen meist aus dem bürgerlichen Milieu.
Schlagnitweit: Demgegenüber beschreibt Papst Leo die Kirche als eine Kirche der Armen, nicht nur für die Armen. Der Kampf gegen die Armut soll nicht nur für sie geführt werden, sondern mit ihnen. Das Schreiben betont ihre Mitverantwortung als Subjekte.
Was heißt das für die katholische Kirche in Österreich?
Schlagnitweit: Hierzulande ist unter den Kirchenmitgliedern die Bereitschaft hoch, zu teilen und zu spenden. Das schließt das Schreiben auch nicht aus. Almosen sind ein Ort der Begegnung mit Armen. Die Herausforderung ist: Wo sind die Armen in unserer Mitte? Und wie können wir sie hereinholen? Das ist nicht leicht. Manchmal wollen sie nicht in die Mitte gestellt werden, weil Armut stigmatisiert. Es geht um persönliche Begegnung.
Die „Armen“ klingt abwertend. Kann man das 2025 noch sagen?
Schlagnitweit: Das Schreiben versteht Armut vielfältig. Finanziell, aber auch sozial, wenn Menschen z. B. ausgegrenzt sind, oder auch kulturell, da stützt sich das Schreiben stark auf Papst Franziskus. Er forderte kulturelle Diversität, das heißt Vielfalt im Gegensatz zur globalen Vereinheitlichung, die er als Verarmung ansah. Weiters spricht das neue Dokument von existenzieller Armut im Sinne der Sinnleere. Das ist ein pastorales Thema. Religionen machen ja Sinnangebote.
Welche Lösungsvorschläge bringt Papst Leo gegen die Armut?
Schlagnitweit: Es ist gut, dass das Schreiben keine zu konkreten Vorschläge beinhaltet. Jede Gesellschaft hat andere Problemstrukturen. Ein Sozialstaat wie Österreich hat andere Voraussetzungen als die meisten Länder in anderen Kontinenten. Das Dokument ermutigt, das Christsein auch als politischen Auftrag zu sehen. Ohne Rahmenbedingungen werden Reiche in unserem Wirtschaftssystem immer reicher, und die Abstände werden größer.
Welche politischen Entscheidungen wären in Österreich nötig?
Schlagnitweit: Die Budgetknappheit muss man ernst nehmen. Aber man darf nicht die Sozialleistungen verknappen und dabei die Sozialpflichtigkeit des Privateigentums tabuisieren, Stichwort Vermögenssteuern. Es gibt ein Recht auf Privateigentum, aber das Privateigentum unterliegt auch sozialen Pflichten.
„Dilexi te“ greift Ansätze der Befreiungstheologie auf. Welche Aussagen sind komplett neu?
Schlagnitweit: Richtig Neues habe ich nicht entdeckt. Das Schreiben ermahnt und erinnert, sich nicht an die Armut zu gewöhnen! Sie muss uns ein Stachel im Fleisch bleiben. Das Wort Jesu „Arme habt ihr immer bei euch“ wurde manchmal als Rechtfertigung für Gleichgültigkeit genützt. Gemeint ist aber Armut als bleibende Herausforderung.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE MONIKA SLOUK.
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
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