Fotografin Gerti Deutsch in der BTV
"Ich sehe was, was du nicht siehst..."
- Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit: Gerti Deutschs Bilder mit ihrem empathischen Blick auf das Alltagsleben von Frauen und Kindern lassen die Vergangenheit lebendig werden.
- Foto: © FOTOHOF Archiv/Gerti Deutsch
- hochgeladen von Lydia Kaltenhauser
Eine Ausstellung in Innsbruck würdigt das Werk der in Wien geborenen jüdischen Fotopionierin Gerti Deutsch – mit nie gezeigten Bildern aus dem Alpbachtal der 50er-Jahre. Eine begleitende Hör-Bild-Installation des Schriftstellers Ilija Trojanow lädt ein, genauer hinzuschauen: Auf die eigenen inneren Bilder und auf unsere Wahrnehmung der Welt.
Das ist keine gewöhnliche Fotoausstellung: So viel steht sofort fest, wenn man die Galerie INN SITU betritt. Zum einen liegt das am Werk der österreichisch-englischen Fotopionierin Gerti Deutsch. 1908 in Wien geboren, emigrierte sie in den 30er-Jahren nach England und wurde zu einer der bekanntesten Fotojournalistinnen ihrer Zeit. Ihr fotografischer Nachlass, gepflegt im Fotohof Archiv in Salzbug, wird selten ausgestellt – ihre Bilder vom Alltagsleben im Alpbachtal in den 50er-Jahren gar zum ersten Mal!
Bild ist nicht gleich Bild
Besonders ist die Ausstellung zum anderen, weil der erste Weg beim Betreten in eine Art „Black Box“, einen dunklen Vorführungsraum, führt. Dort erklingt vom Tonband die Stimme des Schriftstellers Ilija Trojanow, der zu zwölf der ausgestellten Bilder von Gerti Deutsch poetische Bildbeschreibungen verfasst hat. Der Raum bleibt dunkel. Kein Bild ist zu sehen, nur die Stimme, die das Bild beschreibt. „Während wir zuhören, entsteht das Bild in uns. Erst dann wird das Foto eingeblendet und wir schauen auf drei Bilder: das Bild in uns, das Bild, wie es der Dichter sieht, und die Fotografie, wie sie jetzt vor unseren Augen steht. Ein Schau-Spiel über das Wahrnehmen“, beschreibt der künstlerische Leiter Hans-Joachim Gögl die Idee.
Das Existenzielle im Alltäglichen
Das Seh-Experiment verblüfft: Was habe ich mir vorgestellt? Was sehe ich da? Was fällt mir auf, was nicht?
Ilija Trojanow haben die Bilder von Gerti Deutsch schnell in ihren Bann gezogen: „Es war eine kleine Offenbarung, als ich die Bilder zum ersten Mal sah. Ich war betört und wollte sie immer wieder anschauen.“ Einen Grund, warum Gerti Deutschs Bilder, oft Alltagsszenen, so berühren, sieht er darin, dass sie etwas Existenzielles berühren: „Das Brotbacken ist zum Beispiel etwas Urmenschliches, auch eine Metapher für Gastfreundschaft“. Deutschs Bilder können eine Sehschule sein – erweitert durch Trojanows Bildbeschreibungen, die auf einen „zweiten Blick“ einladen: „Schau doch mal genauer hin, so könnte man das Bild auch betrachten“. Denn es tut gut, den eigenen Blick hin und wieder zu erweitern, neue Perspektiven zuzulassen. „Ich finde es sehr beglückend, dass jeder Mensch eine eigene Wahrnehmung hat“, so Trojanow. „Und gemeinsam nehmen wir besser wahr als allein.“ Es liegt auf der Hand, dass diese Einsicht eine Botschaft für unsere heutige Welt mit sich bringt: „Polarisierungen, Besserwisserei, Abwertung von anderen Einstellungen sind menschenverachtend. Dagegen hilft: einander zuhören, genauer hinschauen“, so Trojanow. Die betörend schöne Seh-Schule von Gerti Deutsch kann ein Weg dahin sein.
Gerti Deutsch/Ilija Trojanow:
Imagination und Augenschein
Noch nie gezeigte Arbeiten der österreichischen Fotopionierin Gerti Deutsch (1908-1979), u.a. aufgenommen in den 1950er-Jahren in Tirol und Vorarlberg, in Dialog mit poetischen Bildbeschreibungen des Schriftstellers Ilija Trojanow, zu sehen bis 12. Juli 2025.
Kurator: Herman Seidl, Fotohof Archiv
Infos zur Ausstellung: Galerie INN SITU, Stadtforum 1 (BTV), Innsbruck. Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-15 Uhr. Eintritt frei. www.innsitu.at
Autor:Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag |