Das "schwebende" Kreuz in der Kirche
Wie eine klaffende Wunde

Das schwebende Kreuz in der Pfarrkirche Petrus Canisius in Innsbruck.
  • Das schwebende Kreuz in der Pfarrkirche Petrus Canisius in Innsbruck.
  • Foto: Hölbling
  • hochgeladen von Walter Hölbling

Das kirchliche Fest „Kreuzerhöhung", das wir am 14. September eben gefeiert haben, soll hier nochmals Gelegenheit geben, den theologischen Gehalt dieses Festes im Blick auf ein sehr bemerkenswertes, in der Pfarrkirche Petrus Canisius dauerhaft installiertes Kunstwerk zu bedenken.

Zunächst erinnert das Fest an die legendarische Auffindung des heiligen Kreuzes durch Helena, die Mutter Konstantins. Es erinnert weiter an die Rückgewinnung des Kreuzes aus der Hand der Perser durch den byzantinischen Kaiser Herakleios und seine Neuaufrichtung auf Golgotha im Jahre 629. Der Titel „Erhöhung“ gibt zu verstehen, dass das Fest mehr meint als eine bloße Aufstellung des Kreuzes. Am Kreuz zerbricht jede innerweltliche Sinnvorgabe. Rein auf Welt bezogen, ist es das Sinnloseste schlechthin. Paulus spricht von der „Torheit des Kreuzes" und vom Kreuz als einem „skandalon". Weil bloß innerweltlich nicht verstehbar, ja absurd, verweist es gerade deshalb über die Welt hinaus auf einen transzendenten Sinn, der für die an Christus Glaubenden durch die Auferstehung als Überwindung von Leid und Tod verbürgt wird. So spricht auch der Evangelist Johannes davon, dass der am Kreuz „erhöhte" Christus alle an sich ziehen werde.

Vor solchem Hintergrund mag nun die künstlerische Idee, ein Kreuz zu erhöhen, nicht mehr überraschen. „Erhöhen“ heißt jetzt, es im Raum schweben zu lassen. Wie eine klaffende Wunde aus Purpur bricht es aus dem diffusen Licht des modernen Kirchenraumes hervor. In dieser Bedeutung hält es das Leid voll gegenwärtig. Im zweiten Hinblick wandelt es sich aber zu einer Spiegelung des Lichts, wird es selbst lichthaftes Zeichen, das im Glanz des Sieges über den Tod erstrahlt. In dieser Bedeutung schließt es an die älteste künstlerische Kreuzesdarstellung, die sogenannte „crux gemmata“ an, die als edelsteinbesetztes Kreuz aus dem Goldgrund der frühchristlichen Mosaike leuchtet.

Als Gegenpol zum schwebenden Kreuz in der Höhe ist ein rot glühender Tetraeder auf den Altar gesetzt, der in dieser Gegensetzung die Einheit von Kreuz und Altar als spannungsvolle Einheit von Oben und Unten, von Himmel und Erde erfahrbar macht.Inspiriert von den Lichtkreuzen des zeitgenössischen Künstlers Ludger Hinse, wurde sowohl das räumliche Konzept des „schwebenden Kreuzes" als auch die konkrete handwerkliche Ausführung durch den Pfarrer von Petrus Canisius, Mariusz Sacinski, realisiert. Fluoreszierende Plexi-Scheiben, in unterschiedliche Winkel gestellt, reflektieren in ihren Flächen das Licht an die Schnittkanten, die dadurch zu leuchten beginnen.

Insofern das Kreuz auf seine Wirkung im Raum abgestimmt ist, es den Raum interpretiert und ihn förmlich an sich als seine Mitte heranzieht, schafft es eine überzeugende Synthese von „Kunst, Raum und Kirche“. In diesem Sinn kann es als eine der geglücktesten Kunstinstallationen der letzten Jahre in
einer Tiroler Kirche angesehen werden. Jedenfalls sollte es einen Besuch der Pfarrkirche Petrus Canisius lohnen.

Autor:

Walter Hölbling aus Tirol | TIROLER Sonntag

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