Joe Höllwarth engagiert sich seit Jahren für Menschen im und aus dem Irak.
„So viel Schmerz habe ich noch nie gespürt”

Unterwegs in den Gara-Bergen im Irak: Joe Höllwarth reist regelmäßig in den Irak.
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  • Unterwegs in den Gara-Bergen im Irak: Joe Höllwarth reist regelmäßig in den Irak.
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Joe Höllwarth wird nicht müde dort zu helfen, wo es vielen Hilfsorganisationen zu gefährlich ist. Seine Motivation: Die Überzeugung, einfach etwas tun zu müssen.

Sabine Monthaler-Hechenblaikner

Wenn Joe Höllwarth von seinem Engagement im Irak erzählt, muss man sich Zeit nehmen. Er hat viel über seine Begegnungen mit den Menschen in den irakischen Flüchtlingslagern zu erzählen. Von jesidischen Frauen, Mädchen und Kindern, die vom IS verschleppt, gefangen und als Sklavinnen missbraucht wurden. Von ihren Männern, Vätern, Söhnen und Brüdern, die massakriert und hingerichtet wurden, nur weil sie sich nicht dem Terrorregime des IS unterwerfen wollten.

Netzwerken vom Küchentisch aus. Es sind Erzählungen, die mir als Interviewerin den Atem stocken lassen, während ich Joe zuhöre. Gleichzeitig bin ich immer wieder fasziniert von dem übermenschlichen Engagement, das Joe aufbringt, um seine Hilfsprojekte für Flüchtlinge im Irak und in Griechenland umzusetzen. Und nicht zuletzt auch hier in Tirol, wo er sich in den Flüchtlingsvereinen St. Gertraudi und Jenbach einbringt.
In seiner Wohnung in Münster sitzt er oft nächtelang am Küchentisch, schreibt Mails, twittert und postet, schreibt zig Whatsapp-Nachrichten. Er hält ständig Kontakt mit seinen Freunden und Verbündeten im Irak, in Griechenland, in Deutschland, in Österreich und versucht zu helfen, wo es geht. Dabei wird er nicht müde, immer wieder auch die Politiker in die Verantwortung zu nehmen.

Bombendrohungen schrecken nicht ab. Sein Sprachrohr ist Facebook. Dort berichtet er schonungslos über die dramatischen Zustände in den Flüchtlingslagern. Wer ihm folgt, bekommt einen umfassenden Einblick in das heutige Leben im Irak: zerbombte Häuser und Städte, das erbärmliche Leben in den Zelten, kranke Kinder und alte Menschen, die dringend medizinische Hilfe benötigen. Joe kommt dorthin, wo viele Medien oder internationale Hilfsorganisationen nicht mehr hingehen, weil es zu gefährlich ist. In den Gebieten sind immer noch Milizen unterwegs und es fallen immer noch Bomben. Aber Joe lässt sich weder von Bombendrohungen noch von Corona abschrecken. Im Jänner 2021 fuhr Höllwarth fünf Wochen mit einem großen Hilfsgüter-Transport in den Irak und wickelte die Verteilung in den Flüchtlingscamps Dohuk und Sinjar ab.

Ein Grabstein für Kathun. Seit 2017 engagiert sich der Tiroler im Irak, organisiert Hilfslieferungen, sammelt Spendengelder für die Familien, Waisenkinder und alte Menschen, die er in den Camps kennengelernt hat. Ihm geht es aber nicht nur darum, mit Sachspenden oder Geld zu helfen. Wenn er vor Ort ist, nimmt er sich viel Zeit für Besuche. Humanitäre Hilfe bedeutet für Joe, für die Betroffenen da zu sein, ihnen zuzuhören, mit ihnen zu weinen und zu trauern.

Sarah. Im Flüchlingscamp Zakho traf Höllwarth diesmal auf Sarah. Ihre Schwester Kathun ertrank im vergangenen Winter in der griechischen Ägäis. Nach sechs Jahren im Flüchtlingslager wollten die Geschwister endlich zu ihrer Mutter, die bereits in Deutschland war. Es blieb beim Versuch und kostete der 26-jährigen Kathun das Leben. Mittellos kehrte Sarah in den Irak zurück. Um den Schmerz der Familie zumindest ein bisschen zu lindern, organisierte Joe einen Grabstein für Kathun. So hat sie einen letzten Ruheplatz gefunden.
Warum sich Joe so selbstlos engagiert und dafür immer wieder gefährliche Situationen in Kauf nimmt? „Es waren viele schöne Augenblicke in den letzten fünf Jahren. Aber auch sehr viele traurige, die mich zu Tränen gerührt haben. Ich musste einfach etwas tun.”


Joe Höllwarth über seine Erfahrungen im Irak

Rastloses Engagement
Sie fahren seit 2017 regelmäßig in den Irak. Hat sich die Situation vor Ort inzwischen verändert?
Höllwarth: Es gibt immer noch Orte, die sehr unsicher sind – in den kurdischen Bergen, in der Nähe der Stadt Sinjar, gab es bis zuletzt Bombardierungen. Als ich im Jänner vor Ort war, herrschte große Angst unter den Leuten. Das Flüchtlingscamp oberhalb der Stadt, in dem viele Jesiden leben, wurde letztes Jahr von der Türkei bombardiert. Anfang des Jahres gab es wieder Bombendrohungen, um die dortigen PKK-Stellungen zu treffen.

Sie sind vor Ort immer als Privatmann unterwegs und organisieren vieles auf eigene Faust. Wie wickeln Sie Ihre Hilfsprojekte ab?
Höllwarth: Mittlerweile habe ich viel Einblick bekommen und ein großes Netzwerk aufgebaut. Ich bin ständig im Austausch mit dem Gouverneur von Mossul, mit Generälen und irakischen Hilfsorganisationen bzw. engagierten Irakern. Sie unterstützen mich vor Ort und ermöglichen, dass ich die Spenden und Waren ohne Probleme und Verluste in die Camps liefern kann. Im Jänner brachten wir zum Beispiel rund 4000 Geschenks-Pakete für Kinder aus der Aktion „Liebe im Karton“ und einen Sattelschlepper mit medizinischen Hilfsgütern mühelos durch die Grenzkontrollen. Das ist nur aufgrund dieser Kontakte möglich.

Was hat Sie diesmal am meisten berührt?
Höllwarth:
Ich habe heuer beim Begräbnis von 104 Jesiden im Dorf Kocho teilgenommen. Das Dorf wurde im August 2014 vom IS überfallen. Die Terroristen stellten den Dorfbewohnern das Ultimatum: Entweder sie konvertieren zum Islam oder sie bringen alle um. Die Weltgemeinschaft schaute zu und tat nichts. Alle rund 700 Männer des Dorfes wurden massakriert, umgebracht und in Massengräbern verscharrt. Die Frauen und Kinder wurden als Geiseln genommen, viele von ihnen sind noch immer in Gefangenschaft. Die anderen leben in Flüchtlingslagern. Nun wurden 104 Körper aus dem Massengrab exhumiert und auf dem Platz beerdigt, wo früher die Hochzeiten stattfanden. So viel Schmerz wie an diesem Tag habe ich noch nie in meinem Herzen gespürt. Als Zeichen meiner Anteilnahme habe ich dort eine Kerze angezündet, die meine Tochter Stella selbst gebastelt hat.«

Spenden für die Hilfsprojekte von Joe Höllwarth: IBAN AT23 1400 0668 1012 5889, Verein Freundeskreis Flüchtlingsheim St. Gertraudi, Kennwort: Joe

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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