Memoiren eines unbeugsamen Christen, Folge 1
Abbé Pierre

Freude unter Tränen

Vergangenen Sommer erhielt ich von einem Unbekannten einen Brief: „Ich leide unter Suizidgedanken. Ich habe keinerlei Kenntnis von einer spirituellen Welt oder Realität. Bevor ich meiner Versuchung zum Opfer falle, möchte ich Sie um eine Begegnung bitten. Erzählen Sie mir einfach etwas von den Freuden Ihres Lebens.“

Groß war meine Verlegenheit. Gewiss hatte ich wie jedermann simple Freuden gekostet. Als man mich während der sechs Jahre meines Kapuzinerlebens aufforderte zu schreiben, zu malen oder zu zeichnen, pflegte ich ohne langes Überlegen zu signieren: „Bruder Immerfroh“ (…) Doch jene großartigen Freuden, die man sich in Stunden der Ekstase erträumt – hatte ich sie gekannt? Kann ich mich an eine erinnern, die es wert wäre, sie diesem Unbekannten zu schildern und Worte darüber zu verlieren? (…) Tagelang kramte ich grübelnd in meinen Erinnerungen, bis mir unversehens eine vierzig Jah­re zurückliegende Begebenheit einfiel. (…) Es war in der Zeit mit meinen ersten Gefährten von Emmaus. Sie kämpften sich aus ihrer Misere und dem Ekel einer sinnlos gewordenen Existenz empor. Eben hatten wir uns in Neuilly-Plaisanse, einer Pariser Vor­stadt, niedergelassen. Sonntags pflegten wir ein Treffen zu veranstalten, um eine Hilfsaktion für noch Elendere als uns zu organisieren. Nach einem solchen Treffen stieg ich eines Tages hinauf in meine Bude im oberen Stockwerk.

Dort arbeitete ich immer stehend, denn sitzend wäre ich vor ständiger Übermüdung sofort eingenickt. Ich hatte zwischen zwei Schubladen ein Brett gestellt, an das ich mich während meiner Arbeit anlehnen konnte. Wie ich da im zweiten Stockwerk stehend in den Hof hinabsah, konn­te ich zwei oder fünf oder auch zehn meiner Gefährten erblicken, wie sie sich zum sonntäglichen Ausgang in die Stadt bereitmachten. Plötzlich überkam mich eine unbändige Freude, wie ich diese verbummelten Kerle und verkrachten Existenzen beobachtete, nun fein säuberlich frisiert und würdevoll ausschreitend, sodass kein Mensch draußen auf der Straße sie von den Vornehmen der Stadt hätte unterscheiden können. Ich wusste ja, wie der eine oder andere vor bloß zwei Wochen oder einem Monat in Lumpen und starrend von Schmutz sich scheu und verschämt an unserem Hauseingang gemeldet und gefragt hatte, ob für ihn bei uns wohl Platz wäre. So maßlos erniedrigt hatten sich diese obdachlosen Stadtstreicher in ihren stinkenden Lumpen, als sie aus dem Nachtloch kamen, gefühlt. Und nun sah ich diese gedemütigten Nichtsnutze und Habenichtse plötzlich in „regelrecht aufrechte Männer“ verwandelt, wie sie sich voller Stolz selber nannten.

Kaum hatte ich mich an sie erinnert, da tauchten wie nach einem Dammbruch manch andere und ebenso erregende Begebenheiten in meinem Gedächtnis auf: Zum ersten Mal überquerte ich, an zwölf von der Gestapo verfolgte Juden am Gletscherseil angeseilt, geheim die Schweizer Grenze. Während meiner sieben Klosterjahre hatte ich bis Kriegsausbruch kein Wort von wachsendem Nazismus und Antisemitismus gehört. In meinem sozialen Milieu bewunderte man Pétain (Marschall Philippe Pétain regierte von Vichy aus den nicht besetzten Teil Frankreichs und kollaborierte mit den Deutschen, Anm. d. Übers.), den „Sieger von Verdun“, und ich hatte keine Ahnung von den ersten Maßnahmen Vichys gegen Juden. Nach unserer Niederlage und deutscher Besatzung wurde ich Diözesanpriester in Grenoble. Erst da entdeckte ich die begonnene Jagd auf Juden. Eines Nachts kamen zwei von ihnen an meine Tür und baten um ein Versteck. Das war für mich keine Frage. Dem einen gab ich meine Matratze und dem anderen stellte ich mein Bett zur Verfügung. Den Rest der Nacht verbrachte ich dösend im meinem Lehnsessel.

Am nächsten Morgen suchte ich die Oberin der Nonnen von Notre Dame de Sion auf. Sie verriet mir, dass ihr Kloster voller Juden sei, die man nachts über die Schweizer Grenze zu bringen plane. Ein Grenzübergang auf 3200 Metern Höhe war mir gut bekannt. Mithilfe eines befreundeten Bergführers begann ich, geheime Überquerungen zu organisieren. Nach langem Aufstieg und einer Übernachtung in einer Berghütte gelangte man zum Passübergang auf dem Trentgletscher. An der Landesgrenze erklärte ich den Flüchtlingen mit riesiger Freude: „Jetzt seid ihr gerettet. Seht dort drunten die Schweizer Unterkunft, wo mein Freund auf euch wartet, um euch den dortigen Behörden vorzustellen.“

Viel später habe ich den einen oder andern dieser Geflüchteten wieder getroffen. Als ich einst in Washington einen Vortrag hielt, kam aus dem Publikum ein Geschichtsprofessor zu mir und frage: „Können Sie sich nicht an mich erinnern?“ Als ich verneinte, stellte er sich mir als ein „Marcus“ vor. Da erstrahlte mein Gesicht. Er gehörte zur ersten Gruppe, die ich über die Grenze gebracht und gerettet hatte.

Niemals werde ich auch die Intervention eines Rabbiners für mich vergessen. Es war wäh­rend einer Wahlkampagne gleich nach Kriegsschluss. Bei einer turbulenten Wahlversammlung, bei der meine politischen Gegner die hässlichsten Verleumdungen gegen mich aus­kram­ten, stand plötzlich einer von ihnen auf und schrie: „Lasst mich etwas sagen!“ Ein Greis von gebrechlicher Gesundheit kletterte auf die Bühne, ergriff das Mikrofon und erklärte: „Ich stimme nicht für Abbé Pierre, denn politisch bin ich nicht auf seiner Seite. Doch diese Verleumdungen finde ich unerträglich. Erkennen Sie mich nicht, Monsieur l’Abbé? Ich bin Rabbiner Sam Job, der Ihnen während der Besatzung seine gefährdeten Volksgenossen anvertraute. Als Sie eines Nachts einen von ihnen über den Gletscher brachten, gaben Sie ihm Ihre eigenen Schuhe, weil er bloß windige Sandalen anhatte. Dann liefen Sie selber barfuß über den Schnee nach Hause.“ Wir umarmten einander und der ganze Saal applaudierte in enthusiastischer Freude. Politik trennt Menschen, doch Solidarität bringt uns zusammen. Fortsetzung folgt

Abbé Pierre (eigentlich Henri Antoine Groués) wurde 1912 als Sohn eines reichen, karitativ engagierten Lyoner Seidenfabrikanten geboren. Er trat zunächst in den Kapuzinerorden ein, den er aber nach schwerer Erkrankung wieder verlassen musste. Als Mitglied der französischen Résistance verhalf er im Zweiten Weltkrieg zahlreichen Juden zur Flucht über die Schweizer Grenze. Nach dem Krieg mobilisierte er als Abgeordneter zur französischen Nationalversammlung seine Landsleute, um dem Skandal der Obdachlosigkeit ein Ende zu bereiten. Was daraus entstand, ist Abbé Pierres Lebenswerk: die Emmaus-Bewegung, die mittlerweile weltweit tätig ist. Zehn Jahre vor seinem Tod im Jahr 2007 schrieb er seine Lebenserinnerungen nieder. „Kirche bunt“ bringt mit freundlicher Genehmigung des Tyrolia-Verlages Auszüge aus dem Buch.

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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