Autorin Ursula Wiegele im Gespräch
"Reduktion auf das Wesentliche"

Foto: Martin Rauchenwald

Die gebürtige Kärntner Autorin Ursula Wiegele über ihr aktuelles Werk „Malvenflug“, ihren Roman „Arigato“, Ver- gangenheitsverarbeitung in der Literatur und den Stellenwert von Religion in ihrem Werk.
von Christine Weeber

Ihr aktueller Roman „Malvenflug“ ist eine Familiengeschichte zwischen Alpen und Meer. Wie ist dieser eigentlich entstanden?
WIEGELE: Die Tatsache, dass meine Gailtaler Großmutter aus wirtschaftlicher Not ihre vier Kinder verlassen hat, um in der Schweiz, in Davos, zu arbeiten, hat mich seit jeher beschäftigt.
Ebenso die unterschiedlichen politischen Anschauungen innerhalb meiner Familie. Wogegen ich in jungen Jahren heftig pro- testiert habe, versuche ich mittlerweile aus den historischen Gegebenheiten und den Biografien der Personen zu verstehen. Was natürlich nicht zugleich gutheißen bedeu- tet.
Als ich 2020 vom Festival „Meeting Brno“ zu einem Schreibaufenthalt nach Brünn eingeladen war, sind für mich erstmals meine tschechisch-ungarischen Vorfah- ren in den Fokus gerückt. Ich bin auch den Gedenkmarsch zum Brünner Todesmarsch mitgegangen, in umgekehrter Richtung, vom ersten Massengrab 32 Kilometer zurück in die Stadt. Das hat mich sehr be- rührt. Wie auch das Schicksal der taubblin- den Irene Ransburg, auf das ich in meinen Recherchen gestoßen bin.
Die NAPOLA in St. Paul im Lavanttal wiederum, ein weiterer Romanort, hat seinerzeit mein Vater besucht, ohne dass wir zu seinen Lebzeiten näher darüber geredet hätten. Daher war die Spurensuche nun recht aufwändig.
Für Davos war die dortige Dokumentationsbibliothek maßgebend für meine Erkundungen der Vergangenheit. An allen Orten gab es freundliche Menschen, die mir mit ihren Hinweisen weitergeholfen haben.

Wer genau war Irene Ransburg?

WIEGELE: Sie war ein Kind jüdischer Eltern in Graz, wuchs bei Pflegeeltern in der Oststei- ermark auf und wurde getauft. Im Alter von sechzehn Jahren verlor sie zuerst den Gehör- und bald darauf auch den Sehsinn.
Im Grazer Odilieninstitut lernte Irene Ransburg das Hand-Alphabet, die Braille- Schrift, Bürstenbinden und Sesselflechten. Sie schrieb Gedichte und korrespondierte mit vielen Persönlichkeiten.
1944 wurde Irene Ransburg aber verra- ten, nach Theresienstadt deportiert und in Auschwitz ermordet.

„Schreiben bedeutet für mich Reduktion auf das Wesentliche. Es ist ein Komponieren mit Wörtern, wobei mir Klang und Rhythmus wichtig sind“, haben Sie vor kurzem gesagt. Woher kommen Ihre Ideen?
WIEGELE: Ich erlebe es so, dass Ideen und The- men einfach auf mich zukommen, wofür ich sehr dankbar bin. Nur einmal, 2016, bin ich aktiv auf Suche gegangen: Ich hatte mir als Handlungsort das Friaul gewünscht und bin hingefahren. Damals gab es in vielen Orten Ausstellungen zu „40 Jahre Erdbeben“, und beim erstmaligen Betreten des wunderbaren Ortes war mir sofort klar: Meine Ich-Erzählerin kommt aus Venzone. So war alles grundgelegt für den Roman „Arigato“. Auf der Rückreise habe ich in Pontebba und Malborghetto Station ge-
i RADIO TIPPS 63.18..7.––126.8.
macht und mich mit Literatur über die Kanaltaler eingedeckt. Im Rahmen einer Fami- liengeschichte ließen sich in „Arigato“ das Erdbeben in Friaul 1976 und das Schicksal der Kanaltaler gut verbinden.

Was bedeutet eigentlich „Arigato“?
WIEGELE: Arigato ist ein japanischer Ausdruck für „Danke“. Die jugendliche Ich-Erzählerin Vera hat einen starken Bezug zu Japan. Ihre Villacher Tante näht ihr den gewünschten Kimono, und Vera bedankt sich dann mit „Ari- gato“. Dankbarkeit ist auch ein großes Thema, denn Vera wird nach dem großen Erdbeben von Villacher Verwandten aufgenommen. Obwohl ihr Onkel sie als „halbe Italienerin“ ablehnt, wird von ihr immer Dankbarkeit erwartet. Nicht einfach für eine Jugendliche, aber sie hat einen starken Charakter und lässt sich nicht unterkriegen.

Was wollen Sie mit „Malvenflug“ (erschienen 2023, Otto Müller Verlag) und mit Ihrem vierten Roman „Arigato“ (erschienen 2020 im Otto Müller Verlag) in Ihrer Leserschaft bewirken?
WIEGELE: Bei den Recherchen und der nachfolgenden Textarbeit möchte ich einfach nur ein literarisch anspruchsvolles Werk schaffen und dabei meinen Romanfiguren gerecht sein. Alles Weitere liegt nicht in meiner Hand oder Absicht. Ich hoffe aber natürlich, dass die genannten Romane einen differenzierten Blick auf Vergangenes ermöglichen.

Sie haben Philosophie an theologischen Fakultäten in Österreich und Italien studiert. Welchen Stellenwert hat Religiosität in Ihren Werken?
WIEGELE: Wenn eine Romanfigur einen Bezug zu Religion hat, dann schreibe ich natürlich
darüber. In „Malvenflug“ etwa gibt es eine weibliche Figur, die mehrere Jahre als Klosterschwester lebt, und eine männliche, die zu- erst die NAPOLA besucht, dann das Priesterseminar und sich nach vielen Jahren als Pfarrer schließlich für eine Frau entscheidet.

Die Handlung von „Malvenflug“ erstreckt sich durch ganz Mitteleuropa, auch das Gailtal kommt hier sehr detailgetreu vor. Wie ist eigentlich Ihr persönlicher Heimatbegriff? Wo fühlen Sie sich zuhause?
WIEGELE: Kärnten ist mein Herkunftsland, von dem ich mich tief geprägt fühle, das mir sehr viel bedeutet und zu dem sich mein Verhältnis seit 2013 deutlich entspannt hat. Aber ich fühle mich auch in meiner Wahlheimat Steiermark sehr wohl. In Italien habe ich dieses Gefühl vor allem in Siena, wohin ich immer wieder zurückkehre, wie auch in Cividale und Grado. Auf anderer Ebene sind mir Sprache und Musik „Heimat“. Und nicht zuletzt ver- traute Menschen.

Autor:

Carina Müller aus Kärnten | Sonntag

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ