Theaterintendant Aron Stiehl
Eigentlich wollte ich Priester werden

Der Intendant des Klagenfurter Stadttheaters Aron Stiehl über Stillstand im Theater, Schicksalsgemeinschaft mit der Kirche und eine fröhliche Zukunft.
von Ingeborg Jakl

Umzug von Berlin nach Klagenfurt. Wie ist Ihnen die Umstellung von der deutschen Hauptstadt, ja, man kann ohne Übertreibung sagen: pulsierenden Weltstadt in die eher beschauliche Kärntner Landeshauptstadt gelungen?
STIEHL: Es war schon länger mein Wunsch, nach Klagenfurt zu ziehen. Eine Stadt mit so viel Natur, einem wunderbaren Zentrum mit Theater und Menschen, die das hier alles schätzen. Und dann die Nähe zu Italien und Slowenien. Diese Stadt hat schon auch ihre Vorzüge.

Sie sind in Wiesbaden, der Hauptstadt Hessens, geboren. Dazu muss man wissen: Seit 1930 ist das die erste Partnerstadt von Klagenfurt, wohl weltweit eine der ersten Städtepartnerschaften überhaupt.
STIEHL: Ich nehme das als gutes Omen. In Wiesbaden gibt es eine Klagenfurter Straße, hier eine Wiesbadener.

Aber da klingt noch etwas nach bei Ihnen?
STIEHL: Ich gebe zu, es war unter den gegebenen Umständen nicht ganz leicht, in einer neuen Stadt Fuß zu fassen wenn gerade eine weltweite Pandemie herrscht, der Lockdown alles blockiert. Das öffentliche Leben hat nicht stattgefunden. Zum Glück gibt es Moses (ein munterer Cocker Spaniel, Anm.), mit dem ich das Kreuzbergl tagtäglich mehr kennenlerne. Natur gibt Kraft.

Auch für die neuen Aufgaben als Intendant des Stadttheaters. Sie haben andere Startbedingungen erwartet.
STIEHL: Von heute auf morgen gab es keine Vorstellungen mehr, der Vorhang fiel, es war still. Von Oktober bis Mai. Aber ein Haus mit 270 Mitarbeitern aus 26 Nationen kann, darf nicht stillstehen. Ich habe diese Leere gespürt. Das war eine riesengroße Herausforderung, die wir gemeinsam versucht haben zu meistern. Es gab Proben, von denen wir nicht wussten, ob sie jemals zur Aufführung kommen. Dazu Kurzarbeit für die Angestellten und viele, viele offene Fragen.

Freilich, dieses Problem hatten andere Kultureinrichtungen auch. Es begannen die Streaming-Angebote, nicht nur bei den Kulturschaffenden, sondern beispielsweise auch in der Kirche.
STIEHL: Sie haben recht, Theater und Kirche haben einiges gemeinsam. Theater Online funktioniert nicht wirklich. Das ist wie bei einem Gottesdienst. Hier wie dort braucht es die Gemeinschaft der Menschen. Die Wechselwirkung. Dieses gemeinsame Erleben, erspüren, das Mitfeiern. Jesus sagt im Matthäus-Evangelium: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Ein leeres Kirchenschiff ist, wenn ich das so sagen darf, wie ein Theater ohne Publikum.

Aha, Sie sind auch bibelfest?
STIEHL: Glaube ist für mich wichtig, begleitet mich, durch den Tag, durch das Leben. Ebenso wie die Musik. Ich denke da an Bach. In jungen Jahren habe ich sogar darüber nachgedacht, Priester zu werden. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens steht immer die Frage nach der Gemeinschaft. Wie gehen wir miteinander um? Was passiert in der Welt? Jetzt! Das müssen sich nicht nur die Kirchen, sondern das müssen sich auch die Theater fragen. Wie wird unsere Welt von morgen aussehen?

Hier wir dort geht es um Verantwortung in der Gesellschaft.
STIEHL: Stimmt. Wie gehe ich mit den Menschen, der Natur um. Wir dürfen einander nicht ausgrenzen. Mehr Toleranz sollte unser Leben bestimmen. Ich sehe das im Theater. Wir arbeiten miteinander – mit Respekt – und profitieren so von der kulturellen Vielfalt.

Derzeit aber bestimmt der anlaufende Theaterbetrieb wieder ihr Leben! Da kam die sehnsüchtig erwartete und nicht nur deshalb bravouröse Premiere vom Barbier von Sevilla gerade recht.
STIEHL: Es gab drei Generalproben – wann gibt es das schon mal – bei der reichlich Tränen flossen. Dieses Wissen, wieder spielen zu dürfen, hat alle mitgerissen und begeistert. Wir sind dankbar, wieder die Bühne als unseren Arbeitsplatz betreten zu dürfen.

Und die nächste Premiere unter Ihrer Regie steht auch noch bevor!
STIEHL: Der Vogelhändler, eine Operette von Carl Zeller, soll dreimal das Publikum mitnehmen.

Aber bei den derzeitigen Sicherheitsstandards können viele Interessierte das Stück – noch – nicht sehen. Übrigens: Chapeau für die umsichtige und perfekte Organisation beim Einlass für den Barbier!
STIEHL: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Sicherheit für unsere Theaterbesucher an die erste Stelle zu stellen. Daher werden wir den Vogelhändler auch mit in die nächste Spielzeit nehmen. Das heißt, er wird noch in der Saison 2021/22 zu sehen sein. In der nächsten Woche werden wir voll Zuversicht das neue Programm, bzw. einiges werden wir von der letzten Planung übernehmen, präsentieren. Wir sind optimistisch, spätestens im Herbst wieder vor mehr Publikum spielen zu können.

Gibt es schon jetzt einen kleinen Hinweis auf die neue Saison?
STIEHL: So viel sei verraten: Ich werde in den nächsten Jahren den Ring der Nibelungen von Richard Wagner inszenieren. Wir beginnen mit der Walküre.

Das sieht nach einer veritablen Herausforderung für das Haus aus.
STIEHL: Ich glaube, gerade in dieser Situation sind Herausforderungen gefragt. Wir können zusammen etwas Großartiges auf die Bühne bringen. Davon bin ich fest überzeugt.

Wagners kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft passt da gut ins Bild.
STIEHL: Womit wir beim Zusammenspiel von Macht und Kapital sowie Betrug sind. Ein Drama von moderner Bedeutung. Letztendlich geht um Erlösung.

Das wird ein arbeitsreicher Sommer.
STIEHL: Das ist Freude, für alle, die daran beteiligt sind. Ein solches Jahr wie das vergangene wünscht sich keiner mehr.

Klar. Aber andere Wünsche wird es wohl auch noch geben?
STIEHL: Dass uns das Publikum die Treue hält. Dass wir vor vollem Haus spielen können und miteinander wieder in Kontakt treten dürfen. Das wünschen wir uns alle von Herzen.

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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