Krankenhausseelsorge
Wir brauchen keinen Applaus - sondern Vernunft!

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Durch Corona sieht man viele Probleme wie durch eine Lupe, heißt es oft, und die Pandemie spalte die Gesellschaft. Ein Gespräch mit Seelsorgerinnen lädt zu verbindender Solidarität ein.
von Georg Haab

„In den letzten Wochen habe ich mich mit meiner Nachbarin nur zu Gesprächen über den Zaun getroffen“, sagt Gabi Amruš-Glantschnig, Seniorenseelsorgerin in Villach. „Sie leitet einen Kindergarten, und so wie ich schaut auch sie sehr auf ihre Gesundheit, um im Beruf Ansteckungen zu vermeiden.“
Die Vorsicht hat konkreten Grund: Ganze Stationen in Pflegeheimen sind in Quarantäne. Es ist nicht nachvollziehbar, wie die Infektionen geschehen konnten. Dabei arbeitet das durch Krankenstände dezimierte Pflegepersonal unter höchsten (und mühsamen) Sicherheitsstandards. Auch die Seelsorgerinnen und Seelsorger müssen diese einhalten – in den Heimen, in denen sie noch arbeiten dürfen. Denn obwohl das Gesetz sie fast auf eine Stufe mit dem Personal stellt, wird ihnen vielerorts aus Angst vor Infektionen der Zutritt verwehrt. Trotz allem Entgegenkommen, um das man sich bemüht, bedeutet das dann große Einsamkeit der Heimbewohnerinnen und -bewohner auch bei Abschied und Sterben.
Verbindung zu den Angehörigen
Gerade die Seelsorgerinnen und Seelsorger sind es, die eine Brückenfunktion zwischen Senioren und deren Angehörigen übernehmen und die den Seniorinnen und Senioren ein offenes Ohr schenken können, das sie in dieser herausfordernden Situation noch mehr brauchen. Ganz abgesehen davon, dass auch das Pflegepersonal oft sehr dankbar für guten Zuspruch und wertschätzende Begleitung ist.
Eva-Maria Kölbl-Perner, Krankenhausseelsorgerin und Leiterin des diözesanen Referats für Krankenhauspastoral, kann normalerweise sehr gut abschalten, wenn sie ihren Arbeitsplatz, das Krankenhaus Wolfsberg, verlässt. In letzter Zeit fällt ihr das zunehmend schwer: „Die Bilder schwerkranker und sterbender Covid-Patienten bleiben.“
Die Situation ernst nehmen
„Menschen, die nicht mit einem Krankenhaus oder Pflegeheim zu tun haben, verstehen das schwer, weil sie diese Bilder nicht haben“, sagt sie. „Ich mache ihnen keinen Vorwurf, ich habe das auch zuerst nicht ganz ernst genommen. Aber ich sehe Tag für Tag, wie Corona-Positiv-Patienten abbauen, ja verfallen. Das bedrückt mich auch noch zu Hause.“ Die Situation ist wirklich dramatisch, das Pflegepersonal ist erschöpft. – „Ich verstehe es ja: Wenn du mit deinen Kindern zu Hause bist und es am Nachmittag langweilig ist, ist es halt lustig, andere Kinder zum Keksebacken oder zum Spielen einzuladen. Aber vielen ist nicht bewusst, was es für das Gesamt bedeutet, wenn dann Cluster entstehen.“
Es ist illusorisch zu glauben, die Menschen in Heimen und Krankenhäusern könnten ungeachtet der Gesamtsituation „geschützt“ werden: Ihre Angehörigen, die Ärzte und die, die sie pflegen, können nur bei ihnen sein, wenn sie für sich die Ansteckungsgefahr gering halten.
Den Alltag ändern
Wie viele andere ist auch Gabi Amruš-Glantschnig sehr kreativ, um beruflich wie privat Alternativen zu den üblichen adventlichen Begegnungen zu finden: schreiben, telefonieren, Begegnungen im Freien – und auch Kurznachrichten und Videotelefonate tun ihren Dienst. „Die Frage ist: Wie weit kann ich meine Eigenverantwortung wahrnehmen und für jetzt liebgewonnene Gewohnheiten einmal zurückstellen?“, fasst die Seniorenseelsorgerin zusammen.
Eva-Maria Kölbl-Perner ergänzt: „Eine alte Frau hat gesagt: Unsere Generation hat gelernt, auf etwas verzichten zu können um eines größeren Zieles willen. Es gibt Schlimmeres. Die Jungen kennen das nicht.“ Es sei deshalb nicht egal, ob man sich zu Weihnachten mit der erlaubten Personenzahl trifft oder augenzwinkernd mit mehr. Sie vergleicht es mit einer Schitour. „Da hat einer gesagt: Ach, das ist doch übertrieben. Wozu brauche ich einen Lawinenpiepser, ich passe eh auf. – Dabei ist der Piepser dazu da, einen anderen zu finden, wenn der verschüttet ist.“ Ähnlich sieht sie Testung und Impfung: „Mir macht es vielleicht nichts, wenn ich Covid bekomme, aber es macht etwas, wenn ich andere anstecke.“
Solidarische Verantwortung
Die Seelsorgerin zitiert eine Krankenschwester: „Wir brauchen keinen Applaus von Balkonen, wir brauchen keine Schlagzeilen in den Zeitungen, wie super die Pflege ist und was sie alles leistet. Wir brauchen Menschen, die die Krankheit nicht leugnen, sondern den Alltag verantwortlich leben, um die Infektionsketten zu unterbrechen.“

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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