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Religion und der neue Ethik-Unterricht: Chance oder Risiko?

Mit dem Schuljahr 2021/22 beginnt der verpflichtende Ethik-Unterricht in den Oberstufen. Kärntens Religionslehrer sind darauf gut vorbereitet.
von Gerald Heschl

Schon im Dezember startete das Bischöfliche Schulamt eine Online-Befragung bei Kärntens Religionslehrern und -lehrerinnen. Dabei zeigte sich, dass der Religionsunterricht generell in der Schule und bei den Schülern gut akzeptiert wird. Die Einführung des Ethikunterrichtes bewertet die absolute Mehrheit der Lehrkräfte als unkompliziert. Ja, viele erwarten sich, dass die Abmeldungen vom Religionsunterricht zurückgehen, weil nunmehr keine Freistunde „lockt“. Einige der Befragten haben selbst eine Ethik-Lehrbefähigung oder könnten sich vorstellen, das Fach Ethik zu unterrichten.
Einer von ihnen ist Klaus Zagar. Am BRG Viktring unterrichtet er Religion und als Wahlpflichtfach Philosophie, Psychologie und Pädagogik (PPP). Teil des PPP-Studiums waren umfassende Ethik-Vorlesungen. Daher könnte er sich durchaus vorstellen, dieses Fach zu unterrichten. Er versteht aber auch Kritiker, die darin einen „Religionsunterricht durch die Hintertür“ befürchten.
Grundsätzlich sieht der Pädagoge im Ethikunterricht eine Chance für Religion: „Religion ist mehr als ein Lernfach. Wir gehen auf die Schüler und Schülerinnen ein, besprechen aktuelle Themen, auch wenn sie gerade nicht im Lehrplan vorgesehen sind.“ Noch sei vieles, was den Ethikunterricht betrifft, nicht fixiert. Es werde auch von der Schulleitung abhängen, wie der Ethikunterricht in der jeweiligen Schule eingeführt wird.
Unabdingbar sei aber, dass Religion und Ethik parallel im Stundenplan stattfinden müssten: „Es kann ja nicht sein, dass Religion in der ersten oder letzten Stunde angesetzt wird und Ethik in der Mitte des Vormittags“, so Zagar. Wie wichtig gerade der Religionsunterricht sei, zeige sich ganz aktuell. Zagar: „Gerade in Krisenzeiten wie jetzt kann der Religionsunterricht einiges auffangen.“ Ob dies ein Ethikunterricht ebenso gut könnte, bezweifelt der erfahrene Pädagoge.
Ganz ähnlich sieht es auch Silvia Sonvilla: Gerade jetzt zeige sich, dass „der Mensch mit seinen ganzen Facetten, Ängsten, Herausforderungen im Religionsunterricht in den Mittelpunkt gestellt wird“. Dafür sei sonst in der Schule wenig Platz und Zeit. „In dieser herausfordernden Zeit“ gibt sie Schülerinnen und Schülern Struktur durch das Kirchenjahr. Sie regt „Reflexionen, was wichtig ist“ an und geht der Frage nach „Was suche ich?“
Für Sonvilla, die an der HBLA Pitzelstätten Religion unterrichtet, ist der Ethikunterricht „aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen notwendig und auch positiv“. Sie sieht eine Chance, dass die Position des Religionsunterrichtes sogar gestärkt wird, da „Mitbewerb immer positiv zu sehen ist“. Sonvilla: „Der Vorteil als Religionslehrerin liegt für mich darin, dass meine Grundhaltung zu vielen gesellschaftlichen Themen und die Sichtweise auf die Welt für mich und für die Schüler klar ist. Das Argumentieren und Diskutieren ist aus der christlichen Haltung heraus geprägt. Eine neutrale Haltung könnte bei ethischen Themen zu Beliebigkeit und Unklarheit führen.“
Wie sich der neue Ethikunterricht auf die Abmeldungen von Religion auswirken wird, lasse sich aus heutiger Sicht noch nicht vorhersagen, so Sonvilla. In Schulen wie Pitzelstätten, wo der Religionsunterricht von den Schülern und Schülerinnen und von der Schulleitung gut angenommen werde, rechnet sie aber mit keinen größeren Veränderungen.
Dass nun die „Erpressungsmöglichkeit“ der Abmeldung wegfällt, ist für Klaus Masaniger einer der Vorteile des verpflichtenden Ethikunterrichtes. Mit dem neuen Fach werden nun auch für jene, die vom Religionsunterricht abgemeldet sind, die Aufgaben erfüllt, die im Schulorganisationsgesetz festgelegt werden: „An der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen ... mitzuwirken.“
Auswirkungen auf den Relgionsunterricht sind für den Professor an der HAK Villach durchwegs positiv. Er erwartet sich „eine gesteigerte Wertschätzung des Religionsunterrichtes“. Man werde den „Mehrwert“ feststellen: „Neben kognitiven Inhalten bieten wir auch Antworten auf Lebensfragen.“ Doch auch für die Stoffvermittlung sieht Masaniger Vorteile: Mit dem Ende der „Abmeldungskeule“ müsse man nunmehr „nicht nur ,nett‘ sein, sondern ich darf und kann auch wichtige Inhalte als Glaubenswissen vermitteln und als angekommen überprüfen“, so der Pädagoge.
Masaniger hat aber auch eine fundamentale Anfrage an den Ethikunterricht: „Das höchste Gut im menschlichen Zusammensein, der Wert Liebe, findet im göttlichen Vorbild endlich eine Vergleichsebene, wie soll ein Ethikunterricht Liebe als Maxime des Handelns begründen?“

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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