EIN_BLICK
Jesus starb für sein gütiges Gottesbild

Jesus hat am Ende seines 33-jährigen Lebens Furchtbares erlitten. Der Katechismus lehrt, dass Jesus sich selbst hingegeben hat, um die Menschen mit Gott zu versöhnen. Der Neutestamentler Peter Trummer hinterfragt das dahinterstehende Gottesbild. | Foto: Adam Ján Figeľ/Adobe Stock. Kreuztragender Jesus, Nikolaikirche, Lissabon.
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  • Jesus hat am Ende seines 33-jährigen Lebens Furchtbares erlitten. Der Katechismus lehrt, dass Jesus sich selbst hingegeben hat, um die Menschen mit Gott zu versöhnen. Der Neutestamentler Peter Trummer hinterfragt das dahinterstehende Gottesbild.
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Die Kreuzestheologie beinhaltet teilweise ein vergiftetes Gottesverständnis. Darauf macht der Neutestamentler Peter Trummer aufmerksam. Und zeigt, dass es auch anders gehen könnte.

Herr Professor Trummer, Sie nennen es eine Gotteslästerung, die Hinrichtung Jesu am Kreuz als Opfer zu bezeichnen, das Menschen von der Sünde befreit hat. Was meinen Sie damit?

Peter Trummer: Die Opferinterpretation, die sagt, wir könnten Gott durch eine Gewalttat besänftigen, ist ein völliges Missverständnis. Sie passt nie und nimmer zu dem liebenden Gott, für den Jesus gelebt hat und gestorben ist. Wir haben aus der Tradition einen Glauben übernommen, der sagt, die Leiden Jesu hätten uns Gnade eingebracht. Aber das ist eine verrückte Idee. Einem Gott, der stellvertretendes Sühneleiden fordert, könnten wir nie mehr trauen. Ein solcher Gott weiß nicht, was Liebe ist. Das Problem beginnt dort, wo man sagt, es sei notwendig, dass Jesus leidet, damit er uns freikauft, weil wir Schuld auf uns geladen haben, die sonst Gott gegenüber nicht zu tilgen wäre.

In Ihrem neuen Buch dekonstruieren Sie, dass der Tod Jesu die Menschheit von ihrer Schuld freigekauft habe. Wieso aber starb Jesus am Kreuz?

Trummer: Jesus hat sich bewusst und freiwillig in Todesgefahr begeben. Auch unser zweites Hochgebet sagt, dass er sich freiwillig dem Leiden übergab. Das ist gute alte römische Theologie. Wäre Jesus nicht ans Kreuz genagelt worden, wüssten wir nichts von ihm. Er suchte ganz bewusst den öffentlichsten Ort, Jerusalem. Sein Tod durfte nicht in einem Winkel passieren, sondern nur vor aller Welt. Die Welt musste sich damit auseinandersetzen. Indem Jesus seinem Gewissen folgte, erfüllte er den Willen Gottes. Er zeigte damit, dass sein Gottvertrauen sogar dem Tod standhielt.

Was ist Ihrer Ansicht nach die befreiende Botschaft von Jesu Hinrichtung für uns?

Trummer: Jesus ist aus Überzeugung für den bedingungslos gütigen Gott gestorben. Ich glaube, dass das tatsächlich eine Bedeutung für unseren Umgang mit Schuld hat, doch unsere Logik ist leider verkehrt. Statt an die Güte Gottes zu glauben, machen wir eine Schuld- und Gnadenverrechnung. Das ist irre. Mit einer auf solche Weise erkauften Gnade können wir nichts anfangen, möchte ich auch gar nicht. Gleichzeitig ist es ein frommer Irrtum, dass die Güte Gottes überall Honig drüberschmiert. Gutes Handeln hat gute Folgen, schlechtes Handeln hat schlechte Folgen. Da brauchen wir Gott nicht als Bestrafer einsetzen.

Die Gnade Gottes halten wir für käuflich, wie Sie in Ihrem neuen Buch kritisieren. Es gibt Messstipendien, man zahlt gerne eine Messe für liebe Verstorbene. Ist das ein Problem?

Trummer: Die Messstipendien sehe ich nicht so sehr als Problem, weil das sozusagen ein Entgelt für die Benutzung des Raumes und der Kerzen und der Orgel ist und für die Ministrant:innen. Schlimmer ist beispielsweise, dass Karl V. für seinen Tod 40.000 Messen gekauft hat, weil die ihn in den Himmel transportieren sollten. Das Stiftungskapital unserer Stifte hängt damit zusammen, dann kaufte man sich noch ein Grab in der Kirche, damit der Gnadenfluss umso größer würde. Das ist schmutziger Handel mit Gott.


„Das, was ich einem Atheisten nicht nachvollziehbar erklären kann, kann für mich kein wahrer Glaubensgrund sein.“

PETER TRUMMER

Ihr Buch hinterfragt noch eine andere Glaubensaussage, und zwar in Bezug auf das erste Ökumenische Konzil von Nicäa, dessen 1700-Jahr-Jubiläum 2025 gefeiert wurde. Es geht darum, ob Jesus wesensähnlich oder wesensgleich mit Gott war ...

Trummer: Wir bewegen uns hier in Höhen, wo wir nichts verifizieren oder falsifizieren können. Aber wir wissen, dass der Auftraggeber des Konzils von Nicäa Kaiser Konstantin war. Er war interessiert, Jesus möglichst hoch zu heben, weil er sich als Kaiser damit selbst erhöhte. Das Glaubensbekenntnis, dass Jesus wesensgleich mit Gott war, war nur per kaiserlichem Gesetz durchzusetzen. Die Streitigkeiten unter den christlichen Richtungen waren damit nicht zu Ende. Nestorianer, Monophysiten oder Katholiken haben sich auch in den folgenden Jahrhunderten die Schädel eingeschlagen.

Peter Trummer, geb. 1941, lehrte Neues Testament an der Universität Graz. Seine unkonventionelle Theologie will die Botschaft Jesu den Menschen von heute heilsam nahebringen. | Foto: Slouk
  • Peter Trummer, geb. 1941, lehrte Neues Testament an der Universität Graz. Seine unkonventionelle Theologie will die Botschaft Jesu den Menschen von heute heilsam nahebringen.
  • Foto: Slouk
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Heute ist es so, dass das, was wir glauben, kommunizierbar sein muss. Schon Paulus hat gesagt, im Gottesdienst darf nichts laut werden, was die Ungläubigen und die Nicht-Eingeweihten nicht verstehen. Das, was ich einem Atheisten nicht nachvollziehbar erklären kann, kann für mich kein wahrer Glaubensgrund sein.

Wer also war Jesus in Ihren Augen?

Trummer: Er war der begnadetste Mensch. Aber ihm deswegen die Gottesnatur umzuhängen, funktioniert nicht. Auch in der Dogmatik muss der liebe Gott für den Augenblick des Todes die hypostatische Union beider Naturen in einer Person auseinanderdividieren, denn die Gottesnatur kann ja nicht sterben. Wozu solche Konstruktionen, wenn sie eh nicht halten? Es geht um die Beziehung. Für mich war Jesus der Mensch mit einer totalen Beziehung zu Gott, aber nicht isoliert von den Mitmenschen. Da hat das Konzil von Nicäa eine Sünde begangen, weil es die Gottesnatur auf Jesus beschränkt hat, statt zu erkennen, dass jedes Kind ein Wunder des Schöpfers ist. Jedes Kind bringt den Schöpfer erneut in die Welt. Aber wenn ich Menschen entgöttliche, kann ich ihnen leichter ins Gesicht schlagen.

Die Kar- und Ostertage stehen bevor. In der Liturgie werden wir mit dem Sühnegedanken konfrontiert. Wie kann man damit konstruktiv umgehen, wenn man Ihre Kritik ernstnimmt?

Trummer: Wir tun in der gegenwärtigen Situation nicht das Beste, wenn wir dort die Augen verschließen. Es sind ja völlig falsche Ideen, die eines Gottes nicht würdig sind. Ich glaube sogar, dass die europäischen Kirchen ihre Existenz riskieren, wenn sie in dieser Frage nicht korrigieren können. Unser Glaube spielt in der Öffentlichkeit. Und wenn die Öffentlichkeit da falsche Ideen gewinnt, dann stört es den sozialen Frieden.

Für mich ist die Liturgie sehr wertvoll. Sie war das Schönste, was ich in meiner Kindheit erlebt habe. Aber sie ist auch weit, weit entfernt vom Vater Jesu, den er „Abba“ nannte. Es sind eher Audienzen an einem byzantinischen Hof. Wir haben ein Gottesbild konstruiert, das von Jesus weit entfernt ist. Aber der Glaube Jesu animiert mich dazu, vertrauensvoll und mutig zu leben.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE MONIKA SLOUK.

BUCHTIPP

Peter Trummer: Jesus ohne Opfer – Glaube, der befreit. Verlag Herder, 1. Auflage 2026, 192 Seiten, Hardcover € 22,70, eBook € 16,99.

Jesus hat am Ende seines 33-jährigen Lebens Furchtbares erlitten. Der Katechismus lehrt, dass Jesus sich selbst hingegeben hat, um die Menschen mit Gott zu versöhnen. Der Neutestamentler Peter Trummer hinterfragt das dahinterstehende Gottesbild. | Foto: Adam Ján Figeľ/Adobe Stock. Kreuztragender Jesus, Nikolaikirche, Lissabon.
Peter Trummer, geb. 1941, lehrte Neues Testament an der Universität Graz. Seine unkonventionelle Theologie will die Botschaft Jesu den Menschen von heute heilsam nahebringen. | Foto: Slouk
Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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