Ministerin Leonore Gewessler im Gespräch
Klimaschutz ist das beste Konjunkturprogramm

Bundesministerin Leonore Gewessler (4. von rechts) stellte sich den Fragen der Kirchenzeitungs-Chefredakteurinnen und -redakteure. Für das Sonntagsblatt war Geschäftsführer Heinz Finster (2. von rechts) beim Treffen mit der Ministerin.
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  • Bundesministerin Leonore Gewessler (4. von rechts) stellte sich den Fragen der Kirchenzeitungs-Chefredakteurinnen und -redakteure. Für das Sonntagsblatt war Geschäftsführer Heinz Finster (2. von rechts) beim Treffen mit der Ministerin.
  • Foto: Cajetan Perwein/BMK
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Klimaschutz ist keine Bremse für den wirtschaftlichen Erfolg, sondern die beste Voraussetzung dafür. Das erklärte Ministerin Leonore Gewessler im Gespräch mit den Kirchenzeitungen. Ihr Ministerium ist sowohl für Klimaschutz und Umwelt als auch für Energie, Mobilität, Innovation und Technologie zuständig.


Frau Ministerin Gewessler, das Thema Corona beherrscht alles. Wann können Sie mit dem Thema Klimaschutz wieder richtig durchstarten?
Klimaschutz war nie weg, denn die Klimakrise geht den Menschen nahe. Man sieht die Auswirkungen – den Borkenkäferbefall, die Wetterextreme … Die Erwartung, dass wir etwas dagegen tun, ist groß. Wir haben auf europäischer Ebene ein Klimaschutzgesetz beschlossen, das die Ziele anpasst an das Pariser Klimaabkommen. Da ist viel in Bewegung.

Durch die Lockdowns ging der Verkehr zurück. Hat die Pandemie Auswirkungen auf das Klima?
Viele Menschen haben etwa das Radfahren entdeckt oder dass eine Videokonferenz die eine oder andere Reise ersetzen kann. Aber eine Krise ersetzt keine Politik. Eine Krise ist eine Zeit, in der man Weichen stellen kann. Die Mittel, die wir jetzt in die Hand nehmen, um die Wirtschaft zu stabilisieren, müssen wir in Richtung Klimaschutz investieren.

Wie kann Österreich die Klimaschutzziele erreichen?
Wir haben letztes Jahr einiges geschafft: das größte Klimaschutzpaket und den größten Bahnausbauplan der Republik, erste Schritte der ökosozialen Steuerreform, den Ausbau erneuerbarer Energien. Das muss jetzt jedes Jahr so weitergehen! Die Aufgaben sind groß, sie werden nicht kleiner. Eine Krise geht nicht einfach weg. Wir müssen uns der Aufgabe stellen, mit Konsequenz daran arbeiten, die Ziele im Blick behalten.

Klimaschutz ist Sisyphus-Arbeit. Kaum glaubt man, ein Ziel erreicht zu haben, tun sich Dutzende andere auf, die unerreichbar scheinen. Wie gehen Sie persönlich mit diesem Druck um?

Klimaschutz ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wir wollen in Österreich bis 2040 klimaneutral werden. Diese Herausforderung war auch meine persönliche Motivation, in die Politik zu gehen: dass wir im Klimaschutz weiterkommen und ich in dieser Funktion einen Beitrag dazu leisten kann. Das ist eine schöne Aufgabe, ich bin jeden Tag gerne hier. Es trägt dazu bei, dass wir auch in 20, 30, 40 Jahren ein gutes Leben in einer gesunden Umwelt haben können.

Wann kommt das angekündigte 1-2-3-Ticket?

Wir sind beim österreichweiten 1-2-3-Ticket sehr weit. Es wird ein Ticket sein, mit dem ich jedes Verkehrsmittel in ganz Österreich verwenden kann, Bus, Straßenbahn, Zug, einfach alles, was es an öffentlichem Verkehr gibt. Seit 15 Jahren steht das im Regierungsprogramm.
Mit drei Bundesländern gibt es nun konkrete Verträge, die nächsten folgen in den kommenden Wochen. Das Österreich-Ticket geht 2021 an den Start! Die Mobilität soll nicht nur klimafreundlich, sondern auch leistbar sein.

Wie geht klimafreundlicher Verkehr auf dem Land?
Ich komme aus einem kleinen Ort in der Steiermark. Meine Jugend war geprägt vom Busfahren und von der Frage, wie ich am Abend wieder nach Hause komme. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs ist gerade in ländlichen Gebieten wichtig. Wir alle wollen oder müssen in Arbeit und Freizeit mobil sein. Unsere Aufgabe in der Politik ist, dafür zu sorgen, dass das so klimafreundlich wie möglich geht.
Ja, wir werden auch in Zukunft Auto fahren. Da gilt es, E-Mobilität voranzutreiben. Aber auch Mitfahrgelegenheiten, Anrufsammeltaxis … da gibt es schon viele spannende Initiativen. Im Waldviertel investieren wir beispielsweise sehr viel in die Bahn-Infrastruktur statt in eine Autobahn. Man muss unterschiedlichste Möglichkeiten zusammendenken.

Klimakrise geht den Menschen nahe.
Ministerin Leonore Gewessler


E-Mobilität ist umstritten, nicht zuletzt aufgrund der Bodenschätze, die die Akkus benötigen …

Das Auto wird eine andere Rolle haben. Wir werden nicht fünf Millionen Benzin- und Dieselautos durch fünf Millionen E-Autos ersetzen. Öffentlicher Verkehr, Gehen und Radfahren sollen zur attraktivsten Verkehrsform werden. Das ist die Veränderung, an der wir arbeiten. Wenn man sich nur den Bereich der Autos anschaut, ist das E-Auto eindeutig die bessere Variante. Klar: Man muss auch dort genau hinschauen, dass die Herstellung und Wiederverwendung der Batterien so gut wie möglich ist.

Wann geht der Brennerbasistunnel in Betrieb?
Das ist eine wichtige Frage, weil es darum geht, den Transit auf die Schiene zu bringen. Der Bau des Brennerbasistunnels hat für uns alle Priorität. Alle Beteiligten wollen den Tunnel so bald wie möglich haben. Die Menschen in Tirol sind an der Belastungsgrenze. Wir haben am Brenner mehr Lkw-Fahrten als über alle anderen Alpenpässe gemeinsam. Das muss sich ändern.

Das Auto wird eine andere Rolle haben.
Ministerin Leonore Gewessler

Was tun Sie gegen die Zubetonierung des Landes?
Österreich ist Europameister im Zubetonieren. Auf diesen Titel könnten wir gerne verzichten. Bodenschutz ist eine wichtige Basis für Lebensmittelproduktion und Biodiversität. Für 2021 bereitet die Regierung deshalb einen Bodenschutzgipfel vor.

Thema Photovoltaik: Reichen die Dächer, oder wird man auch Freiflächen verwenden müssen?

Wir wollen auf eine Million Dächer in Österreich Photovoltaik bringen. Egal ob Industriegebäude, Wohnhäuser oder Pfarrhöfe. Wir brauchen auch zusätzliche Flächen, haben aber schon sehr viele versiegelte Flächen wie Parkplätze, Deponien oder Lärmschutzwände, die wir nutzen können, ohne wertvolle Ackerböden zu verwenden. Dort liegt sicher die Priorität.

Zum Thema Innovation: Österreich war an der Corona-Impfstoffentwicklung kaum beteiligt. Wäre das nicht zu fördern und auszubauen?
Die schnelle Impfstoffentwicklung ist gelungen, weil wir in Europa zusammengearbeitet haben. Auch österreichische Firmen leisteten zu diesem komplexen Projekt ihren Beitrag. Wir haben in der Krise aber gesehen, wie verletzlich wir sind. In Hinblick auf die Klima-krise ist wichtig, dass wir widerstandsfähiger werden – zum Beispiel durch den Ausbau der erneuerbaren Energie, der uns selbstständiger und unabhängiger von Importen fossiler Energie macht.

Wie ist die Stimmung in der Koalition?

Lesbos und andere Themen lasten schwer darauf.Corona ist eine Krise, für die es kein Drehbuch gibt. Tag für Tag müssen wir entscheiden, was die besten Lösungen sind. Da ist viel gelungen in der Zusammenarbeit. Klar war von Anfang an: Das sind zwei Regierungspartner mit sehr unterschiedlichen Ausrichtungen, das wird nicht immer einfach. Lesbos und die Abschiebungen von Kindern: Wir haben uns sehr darum bemüht, menschliche Lösungen zu finden, und mir tut es im Herzen weh, dass es nicht gelungen ist. Aber es gibt leider manche, die glauben, sie brauchen diese Bilder, um Wählerstimmen zu kriegen. Ich weiß aber, es gibt sehr viele Menschen in Österreich, die sich einen menschlichen Umgang wünschen. Dafür werden wir uns weiter einsetzen, auch wenn das nicht immer einfach ist.

Arbeitsminister Martin Kocher sprach sich wiederholt im Sinne des Klimavolksbegehrens aus. Welche Projekte planen Sie gemeinsam?
Martin Kocher ist als Arbeitsminister ein starker Verbündeter, weil wir die Meinung teilen, dass im Bereich der grünen Jobs enorm viel Potenzial liegt: im Umweltschutz, im Klimaschutz, in der Reparatur, in der Recyclingwirtschaft … Ich bin überzeugt: Klimaschutz ist das beste Konjunkturprogramm. Das sind die Jobs, die wir in der Zukunft brauchen und die Zukunft haben.

Wie sehen Sie die Rolle der Kirche für die Umwelt?

Wir brauchen im Klimaschutz alle an Bord. Wenn wir alle in unserem Umfeld für mehr Klimaschutz eintreten, gelingt uns der Erfolg. Da spielen die Kirchen und ihre Mitglieder eine große Rolle, jeder und jede kann im Alltag einen Beitrag leisten für das gemeinsame Ganze.

Autor:

Kooperationsredaktion aus Burgenland | martinus

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