Mein Kraftort_8: Stift Georgenberg, Tirol
Bodenständig über den Dingen

Auf Fels gebaut ist das Kloster St. Georgenberg hoch über dem Inntal.
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Auf Fels gebaut, könnte das altehrwürdige Kloster Sankt Georgenberg Jahrhunderte Tiroler Geschichte erzählen. Der bedeutende Wallfahrtsort ist ein Sehnsuchtsort für viele – nur zu Fuß erreichbar, vom Inntal aus nicht zu sehen, lädt er ein, den Alltag hinter sich zu lassen und den Blick nach oben zu richten ...

Ob man mit dem Auto zu einem geistlichen Gespräch fährt oder – wie bei der Wanderung auf den Georgenberg – erst eine gute Dreiviertelstunde zu Fuß den Berg hinauf geht, macht einen großen Unterschied, ist sich P. Raphael Gebauer sicher. Der Prior-Administrator der kleinen Benediktinergemeinschaft muss es wissen, denn er ist seit vielen Jahren Wallfahrtspater auf dem Georgenberg und hat dort schon viele Wallfahrer/innen und Ratsuchende empfangen. Verschiedene Wege führen zum beliebten Wallfahrtsort mit jahrtausendealter Geschichte: Zur Wahl stehen die wildromantische Wolfsklamm, schattige Waldwege von der Weng aus oder der „Kirchfahrterweg“ über Maria Tax. Wie im Leben führen mehrere Ausgangspunkte und Wege letztlich zum gleichen Ziel. Kreuzwegstationen und Wegkreuze säumen den Aufstieg, der auch als Teil des Jakobswegs ausgewiesen ist. Daneben hängt hier und da, nicht gerade unauffällig, die Speisekarte des Wallfahrtsgasthofs. Leib und Seele gehören zusammen und mit ein paar zünftigen Tiroler Knödeln im Magen heben selbst die frömmsten Wallfahrer nicht so schnell ab.

Vom Gehen und Ankommen. Das Gehen, das Leiserwerden des Verkehrslärms, der vom Inntal heraufdringt, die Anstrengung und der damit verbundene Gewinn an Höhe und Weitsicht sind wohltuend und öffnen die Seele. Eine Erfahrung, die der heilige Benedikt in seiner Regel mit dem Ordensleben vergleicht: Gehe es am Anfang des Weges etwas strenger zu, rät er: „Lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng.“ Wer aber auf dem Weg in Richtung „Heiliger Berg“ fortschreite, dem „wird das Herz weit“, verspricht Benedikt. Kein Wunder, dass die Benediktiner ihre Klöster immer schon gern auf Bergen errichtet haben – auf dem Georgenberg ist ihre Motivation mehr als nachvollziehbar. Und dann fahren plötzlich zwei Mönche, die vermutlich vom Wocheneinkauf im Tal zurückkommen, freundlich grüßend in ihrem Fiat Panda an den in Gedanken versunkenen Wanderern vorbei. Bodenhaftung ist das A und O, gerade wenn man in einem Felsenkloster wohnt.

Humilitas. Oben angekommen, zeigt P. Raphael stolz seine Gemüsebeete im verwunschenen Kreuzgarten des Klosters. Salat und Kräuter, sogar Tomaten und Brokkoli gedeihen hier oben auf knapp 900 Metern Höhe. Da ist sie wieder, die benediktinische Bodenständigkeit, die „humilitas“, die die Verbindung zum Humus, zur nährenden Erde, braucht. Für P. Raphael war es „Liebe auf den ersten Blick“, als er auf Einladung von Bischof Reinhold
Stecher zum ersten Mal auf den Georgenberg kam – und diese Liebe trägt ihn bis heute. In der Wallfahrtskirche legt er sein „Wort für die Woche“ mit Gedanken aus der Predigt auf, oder jüngst eine Novene zum hl. Benedikt während der Corona-Pandemie. Tausendfach werden diese kleinen geistlichen Stärkungen mitgenommen, immer wieder muss er Nachschub holen. Auf einer Tafel sind die Besucher/innen eingeladen, ihre Wünsche an die Seelsorge vor Ort aufzuschreiben – diese sind so vielfältig wie originell und werden von den Mönchen gewissenhaft diskutiert und auf Umsetzbarkeit überprüft.

Die Zeit steht still. Neben der barocken Wallfahrtskirche lädt auch die um 1200 errichtete Lindenkirche auf dem Georgenberg zur Andacht ein. Sanft fällt die Nachmittagssonne durch die strahlend bunten Fenster in den schlicht gestalteten Innenraum. Es ist nicht lange her, dass die Mönche den mutigen Schritt wagten und ihr prachtvolles, aber zu groß gewordenes Stift im Inntal verkauften und ganz auf den Georgenberg übersiedelten. Der heilige Berg zieht seit Jahrhunderten die Menschen mit ihren großen und kleinen Sorgen an. Unzählige flackernde Kerzen geben Zeugnis davon. Wenn die altehrwürdigen Mauern reden könnten, was würden sie erzählen? Der Georgenberg ist ein Kraftort, an dem Raum und Zeit für einen Moment ineinanderfließen. Die Jahrhunderte stehen kurz still, das Herz wird weit. Ein Kraftort, der einlädt, auch im Alltag immer wieder einmal kurz über den Dingen zu stehen – um den Boden unter den Füßen umso fester zu spüren.

Informationen & Tipps rund um den Georgenberg:

Geschichte des Klosters: Um 950 gründete Rathold von Aibling im Stallental nördlich von Schwaz in Tirol eine klösterliche Niederlassung. Der Überlieferung zufolge lebte er zuerst als Einsiedler, nach und nach schlossen sich ihm Gefährten an. Bischof Reginbert von Brixen erhob die klösterliche Gemeinschaft zu einer Benediktinerabtei. Nach mehreren Bränden entstanden im 17. Jahrhundert Pläne einer Übersiedlung des Klosters ins Inntal, in Fiecht wurde ein Stift erbaut und 1708 bezogen. 1807 und 1941 wurde das Kloster aufgehoben. Seit 1967 gehört die Abtei zur Kongregation der Missionsbenediktiner von St. Ottilien. 2019 zogen die Mönche nach 300 Jahren im Inntal zurück auf den Georgenberg.

Angebote im Kloster: In ihrem spirituellen Zentrum pflegen die Mönche die benediktinische Gastfreundschaft und bieten neben einem kleinen Kursprogramm und geistlicher Begleitung auch „Kloster auf Zeit“ und individuell gestaltete Auszeiten an. Auch ein freiwilliges Ordensjahr ist möglich.

Nachtwallfahrten: Von Mai bis Oktober finden an jedem 13. des Monats die beliebten Nachtwallfahrten statt. Teils richten sich die Gottesdienste an besondere Zielgruppen, etwa an Jugendliche, Singles, Hundehalter/innen oder Bäuerinnen und Bauern.

Anreise: Mit dem Auto über Vomp-Fiecht (Autobahnausfahrt Schwaz) nach Weng (kostenfreier Parkplatz) oder nach Stans. Mit der Bahn bis zum Bahnhof Schwaz, weiter mit dem Taxi oder Bus nach Fiecht oder Stans. Das Kloster ist nur zu Fuß erreichbar – Ausnahmen gibt es nur für Anwohner. 

Kontakt: Benediktinerabtei St. Georgenberg, Felsenkloster 181, 6135 Stans. Tel.: 05242/6378630,
www.st-georgenberg.at

Autor:

Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag

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