Umgang mit Macht in der Kirche
Leben, was wir verkünden

Sr. Linda Pocher stammt aus Udine, ist seit 2003 Don Bosco Schwester und lehrt Christologie und Mariologie an der Päpstlichen Fakultät für Erziehungswissenschaften Auxilium in Rom.  | Foto: Giorgio Boato
  • Sr. Linda Pocher stammt aus Udine, ist seit 2003 Don Bosco Schwester und lehrt Christologie und Mariologie an der Päpstlichen Fakultät für Erziehungswissenschaften Auxilium in Rom.
  • Foto: Giorgio Boato
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Vom Evangelium aus den Umgang mit Macht, Vielfalt und Geschwisterlichkeit in der Kirche neu denken: Das ist die Mission von Sr. Linda Pocher, die Beraterin von Papst Franziskus war.

Sie haben Papst und Kardinalsrat zur Frauenweihe beraten. Wie kam es dazu?
Sr. Linda Pocher:
Ich wurde eingeladen, weil Papst Franziskus sich jemanden wünschte, der mit dem Denken von Hans Urs von Balthasar gut vertraut ist. Meine theologische Ausbildung und Forschung sind stark von seinen Schriften geprägt. In den Begegnungen mit dem Kardinalsrat stand weniger eine schnelle Antwort im Vordergrund als vielmehr das gemeinsame Ringen um ein tieferes theologisches Verstehen. Es ging nicht um eine isolierte Stellungnahme, sondern um die Frage, wie die Kirche heute die Erfahrungen und die Berufung von Frauen im Licht ihrer Sendung denkt.

Wie waren Ihre Begegnungen mit Papst Franziskus? Wie sehen Sie die Situation für Frauen unter Papst Leo?
Pocher:
Meine Begegnungen mit Papst Franziskus waren geprägt von großer Freiheit und echtem Zuhören. Er stellte offene Fragen, auch zu schwierigen Themen, ohne den Dialog zu scheuen. Ich habe sein echtes Interesse gespürt, zu verstehen, nicht nur Antworten zu geben. Papst Leo XIV. habe ich bisher noch nicht persönlich getroffen. Ich beobachte mit Hoffnung, aber auch mit Aufmerksamkeit die ersten Schritte seines Pontifikats: Viele Frauen warten darauf, ob der synodale Weg weiterhin echte Beteiligung und Gehör ermöglichen wird.

Sie sehen Macht in der Kirche vor allem als kulturelles Problem. Was ist damit gemeint?
Pocher:
Ich spreche von Macht als kulturellem Problem, weil es weniger um Ämter oder Positionen geht, sondern um Haltungen. Wenn Macht als Besitz verstanden wird, entsteht Klerikalismus. Wenn sie als Dienst verstanden wird, wird sie fruchtbar. Viele kirchliche Strukturen und Traditionen haben uns geprägt, Macht zu sichern statt sie zu teilen – das betrifft Männer und Frauen gleichermaßen. Es geht also um Mentalitäten, Sprache, Symbole und unausgesprochene Selbstverständlichkeiten, die Machtverhältnisse verstärken. Erst wenn wir diese kulturellen Muster erkennen und hinterfragen, kann Kirche gerechter und synodaler werden.

Für Ihre Aussagen wurden Sie im Internet schwer angegriffen. Was gibt Ihnen Kraft weiterzumachen?
Pocher:
Kritik gehört zur öffentlichen Arbeit, und diejenigen, die mich angegriffen haben, richteten sich nicht gegen meine Person, sondern gegen die von Papst Franziskus eingeleitete synodale Reform. Wenn Angriffe anonym sind und den Kern der Themen nicht berühren, „existieren sie für mich nicht“. Mein Herz ruht in einem sicheren Raum, weit entfernt vom Internet. Ich sehe meine Aufgabe darin, Brücken zu bauen: zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Hierarchie und Lebenswirklichkeit, zwischen theologischer Reflexion und kirchlicher Praxis. Als Frau, Ordensfrau und Professorin erinnere ich immer daran, dass unsere erste Loyalität dem Evangelium gilt – und genau das leitet mein Engagement für Frauen in der Kirche.

Was können wir auf lokaler Ebene, z.B. in Pfarren, von der Synodalität lernen?
Pocher:
Die Umkehr auf lokaler Ebene im Umgang mit Macht ist entscheidend, damit die synodale Reform wirklich umgesetzt werden kann. In diesem Zusammenhang halte ich es für wichtig, Zeit zu investieren, um sich der Modelle der Leadership bewusst zu werden, die unsere Entscheidungen leiten, oft unbewusst. Natürlich gibt es institutionelle Strategien, die umgesetzt werden müssen: Transparenz bei Entscheidungen, Gewohnheit des Zuhörens aller, regelmäßige Evaluation der Leitungsformen in den verschiedenen pastoralen Bereichen. Aber damit diese Veränderungen wirksam und dauerhaft sind, braucht es eine Gemeinschaft von Menschen, die in der Lage ist, zuerst sich selbst in Frage zu stellen.

Was ist Ihre Hoffnung für die Zukunft der katholischen Kirche?
Pocher:
Meine Hoffnung ist eine Kirche, in der Frauen und Männer gemeinsam Verantwortung tragen, ohne Angst vor Machtverlust. Eine Kirche, die Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Reichtum versteht. Und eine Kirche, die glaubwürdig ist, weil sie selbst das lebt, was sie verkündet: Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit und Anteilnahme. Wenn wir lernen, einander wirklich zuzuhören, aufmerksam für die Stimmen der Schwächeren, dann wird der Geist Gottes hörbarer und wirksamer in der Welt.

Sr. Linda Pocher ist vom 12. bis 13. März für einen Vortrag und einen Workshop in Tirol.
Alle Infos zum Vortrag gibt es hier
Alle Infos zum Workshop inkl. Anmeldung finden Sie hier. Die Anmeldung ist bis Donnerstag, 12.3.26, 15h möglich.

Autor:

Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag

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