Roman Siebenrock über Mariä Himmelfahrt
Zeichen der größten Hoffnung

Freude über das unverdiente Glück der Vollendung: Aufnahme Mariens in den Himmel in der Wallfahrtskirche Steinhausen/Oberschwaben. | Foto: Siebenrock
  • Freude über das unverdiente Glück der Vollendung: Aufnahme Mariens in den Himmel in der Wallfahrtskirche Steinhausen/Oberschwaben.
  • Foto: Siebenrock
  • hochgeladen von Lydia Kaltenhauser

Warum sich alle Kreatur an Mariä Himmelfahrt freut – eine Betrachtung.
Mitten im August: voller Farben und Düfte die „Weihbuschel“, glanzvoll die Trachten am hohen Frauentag. Als am 1.11.1950 Papst Pius XII. die Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele feierlich definierte, stand er in einer Tradition, die bis ins 5. Jahrhundert zurückreicht; und in Rom ins „Heidentum“ verweist. In der Schrift ist von dieser Vollendung Mariens nicht direkt die Rede. Was feiern wir also an diesem Tag?

Neue Schöpfung
Wir feiern, weil dies immer der Grund der christlichen Freude ist, was Gott in Jesus Christus getan hat und im Heiligen Geist zur Vollendung führen wird. Die Wurzel jedes Festes ist die Freude über den Gott Israels. In einem Hymnus der Bibel wird besungen, dass Gott in Jesus Christus eine neue Schöpfung begonnen hat, d.h. dass alles zum Heil, zur Gemeinschaft der nicht überbietbaren Liebe jetzt bestimmt ist (Eph 1,10). Was dies konkret bedeutet, das haben die Glaubenden von Anfang immer wieder mit jenem Menschen sich vor Augen geführt, der die höchste Nähe zu Gottes Wort hatte: der Mutter Jesu, Maria. Und mit ihr zusammen haben alle, einfache Glaubende, Theolog:innen, Mystiker:innen und Künstler:innen darüber nachgedacht, sich vorgestellt und auch bisweilen in frommer Übertreibung ausgeschmückt, was der Gruß wohl bedeute, mit dem die Geschichte unseres Herrn Jesus Christus begann: „Du bist voll der Gnade, der Herr ist mit Dir!“ (Lk 1,28). Was bedeutet es zudem, dass jemand von sich sagen darf, dass er von allen Geschlechtern selig gepriesen werden wird (Lk 1,48)? Das bedeutet zunächst für Gott selbst, dass er ein Risiko eingeht, weil er sich dem Menschen anvertraut, ja sich ihm ausliefert. Joseph Ratzinger hat dies so wunderbar ausgedrückt: „Gott gehört alles, dem Menschen aber ist die Freiheit des Ja und des Nein, der Liebe und der Verweigerung verliehen; das freie Ja der Liebe ist das Einzige, worauf Gott warten muss“.

Mit Christus vollendet
Was Erwählung nicht bedeutet, wird Maria schon vom greisen Simeon angesagt. Schmerz und Trauer werden ihr nicht erspart. Wer erwählt ist, geht den Weg Jesu. Doch Leid, Schmerz und Tod haben nicht das letzte Wort. In Maria hat die Kirche ergründet, was es bedeutet, mit Christus zu sterben, mit ihm und durch ihn vollendet zu werden. Dass ihr Sohn in der Auferstehung seine Menschheit nicht hinter sich gelassen hat, sondern mit ihr alle Kreatur in Gott hinein vollendet hat, hat die Kirche an seiner Mutter sich konkret vorgestellt. Manche Bilder von ihrer Himmelfahrt zeigen alle Schattierungen dieses Glaubens, der immer von jenem Zweifel durchzogen ist, der schon im Ostermorgen aufkeimt: Es ist zu schön um wahr zu sein (Lk 24,41). Deshalb feiern wir dieses Fest. Denn allein die Poesie, die Musik, die Farben, Töne und Gerüche können ankündigen, was Gott jenen bereitet hat, die er liebt und die in diese Liebe einstimmen.

Blick in die Zukunft
Deshalb ist mir das Deckengemälde von Steinhausen, bei Bad Schussenried, so lieb. Hier tanzt Maria mit Engeln, Heiligen und allen Erdteilen in den Himmel. So voller Freude über die Gnade ist dieses Bild, dass im Paradies Eva zur Frucht des Baumes greift; – und keine Schlange ist zu sehen. Darin wird der tiefste Grund dieses Festes erahnbar: In Mariä Himmelfahrt feiern wir deshalb das Fest der neuen Schöpfung, weil alle mittanzen und alle einander das unverdiente Glück ihrer Vollendung in der Liebe gönnen; selbst die Blumen, Heuschrecken und Schwalben, selbst ein Mistkäfer lassen in dieser Kirche die neue Schöpfung ahnen. Wir alle werden dann in den Lobgesang Mariens einstimmen: Magnificat! Wir alle werden jubeln über Gott, unseren Retter. Ein Echo dieses kommenden Festes spüre ich jedes Jahr schon jetzt in den Farben, Gerüchen und Gewändern, die dieses Fest schmücken. Religion ist Unterbrechung, heißt es. Eine der schönsten Unterbrechungen ist Mariä Himmelfahrt. Denn dieses Fest öffnet den Himmel und gewährt einen Blick in die eigene Zukunft.

Prof. Dr. Roman A. Siebenrock ist Emeritus am Institut für Systematische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck 

Autor:

Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag

Kommentare sind deaktiviert.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ