Im Interview:
Theo Kelz: „Gefühle wie Hass hatte ich nie“

Theo Kelz in seinem Garten mit einem von seinem Bruder gestalteten Bildstock, auf dem das Herz Jesu dargestellt ist.
  • Theo Kelz in seinem Garten mit einem von seinem Bruder gestalteten Bildstock, auf dem das Herz Jesu dargestellt ist.
  • Foto: Rosenkranz
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Es ist März im Jahre 2000. Theo Kelz liegt in der Innsbrucker Klinik und betrachtet zum ersten Mal nach dem Aufwachen seine Umgebung. Er sieht dicke Verbände und herumwuselndes Klinikpersonal. Denn nach etwa zweijähriger Vorbereitung ist dem Innsbrucker ÄrztInnen-Team am 7. März 2000 eine bis zu diesem Zeitpunkt noch unerprobte Operation gelungen: Die Transplantation zweier Hände.
Ein Interview von Livia Rosenkranz

Heute lebt der mittlerweile 67-jährige Theo Kelz mit Lebensgefährtin in Kärnten und geht seinen Lieblingsbeschäftigungen nach. Er genießt die vermehrte Ruhe, die in sein abenteuerliches Leben eingekehrt ist. Denn ereignisreich ist das Leben des Weltenbummlers und großen Zweiradfans auf jeden Fall. Seine Reisen führten ihn mit dem Motorrad um die ganze Welt, ans Nordkap, nach China – und in den Operationssaal der Transplantationsabteilung der Klinik Innsbruck. Im Interview mit dem Tiroler Sonntag hält er Rückschau.

Warum wollten Sie unbedingt Hände transplantiert bekommen, obwohl die Operation nicht wirklich erprobt war und die Prothesen ja auch eine gewisse Lebensqualität mit sich bringen?
Kelz: Der wichtigste Vorteil, welchen die Transplantate im Gegensatz zu den Prothesen mit sich bringen ist das Gefühl und die Sensibilität in den Händen. Eine Prothese kann vieles im Alltag ermöglichen, aber das Fühlen bleibt aus.
Ohne Gefühl in den Händen muss man alles sehen und mit den verbleibenden Sinnen ein komplettes Sinnesorgan ersetzen. Mit meinen transplantierten Händen kann ich jetzt Temperaturen, Oberflächenstrukturen und Berührungen wahrnehmen. Das macht einfach wahnsinnig viel aus und gibt mir ein Maß an Lebensqualität, welches mit den Prothesen vermutlich nie erreicht werden könnte.
Außerdem war ich mir von Anfang an sicher, dass mich das Team in Innsbruck nur dann operieren würde, wenn alles passt und gut vorbereitet ist.
Ich habe mich immer gut aufgehoben gefühlt, was mir auch Sicherheit in meinem Entschluss gab.
Es gibt viele Menschen, die ähnlich wie Sie vollkommen unverschuldet in äußerst belastende Lebenssituationen kommen.

Was hat Ihnen geholfen, die Situation so anzunehmen, wie sie ist und nicht mit Ihrem Schicksal zu hadern?
Kelz: Ich weiß selbst nicht ganz genau, wie ich mir meine positive Haltung bewahren konnte. Ich denke aber, dass da mehrere Faktoren mitgespielt haben. Besonders viel Halt habe ich immer durch meine Familie und meine Freunde erfahren. Ich wüsste nicht, wo ich jetzt stehen würde, wären sie nicht gewesen. Auch die vielen Reisen, die ich vor meinem Unfall erleben durfte, haben mich und meine mentale Stärke geformt. Denn dabei habe ich gelernt, flexibel zu sein und habe auch das Schicksal anderer Menschen mitbekommen. In schwierigen Zeiten habe ich mich an diese schweren Schicksalsschläge erinnert, welche auf mich noch aussichtsloser erschienen als mein eigenes. Auch das hat mich gestärkt.

Wenn Sie sich heute an Franz Fuchs und den Tag des Bombenanschlags erinnern: Welche Empfindungen haben Sie? Hatten Sie auch Rachegefühle?
Kelz: Rache-, oder Hassgefühle hatte ich bis zum heutigen Tag nie. Hätten mich solche Gedanken begleitet, würde ich jetzt sicher nicht da stehen, wo ich heute bin.
Ich finde, Franz Fuchs ist eher zum Bedauern. An ihm hat man gesehen, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn er nur von Hassgefühlen beseelt ist. Abgesehen davon muss man sich meiner Meinung nach auch bewusst sein, dass man in einem Berufsfeld wie in jenem, in dem ich gearbeitet habe, einem gewissen Risiko ausgesetzt ist.
Wenn im Umgang mit Sprengstoffen etwas schief geht, schaut es meistens leider schlecht aus.

Welche Bedeutung hat für Sie der Glaube?

Kelz: Der Glaube war immer ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens. Auch wenn ich im Leben gezweifelt habe, am Glauben und an unserem Herrgott habe ich nie gezweifelt. Der Glaube hat mir auf jeden Fall bei der Vorbereitung, der Operation und auch bei der Therapie mitgeholfen, sonst hätte das alles nicht so gut geklappt. Da bin ich mir ganz sicher.

Wie gestaltete sich die Zeit nach der Operation?
Kelz: Ein großer Faktor für den Erfolg einer solchen Operation ist die nachfolgende Therapie. Diese beginnt bald nach dem Eingriff. Zu Beginn habe ich meine Hände gar nicht gespürt.
Durch meine Therapeut/nnen habe ich dann eine Therapieform kennengelernt, die mit der Vorstellungskraft arbeitet. Ich stellte mir zum Beispiel Bewegungen des Zeigefingers vor und übte so, die einzelnen Teile meiner Hände anzuvisieren, bevor im weiteren Verlauf der Therapie mit elektrischer Muskelstimulation begonnen wurde.
Aktive Fingerübungen wurden erst später durchgeführt. Die Therapie ist insgesamt sehr intensiv und fordert den vollen Einsatz. Denn wenn man da nicht dahinter ist und an den Fertigkeiten arbeitet, kann man keine guten Ergebnisse erzielen.

Wie schauen Sie heute auf Ihr Leben nach der Operation zurück?
Kelz: In erster Linie bin ich dankbar. Dankbar für all jene, die immer für mich da waren und alles möglich gemacht haben. Meiner Familie, Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen und natürlich dem ganzen medizinischen Team. Wie ich überhaupt den Ärztinnen und Ärzten und den Mitarbeitern in Therapie und Pflege an der Innsbrucker Klinik in großer Dankbarkeit verbunden bin.
Ich habe auf diese Weise auch eine sehr enge Beziehung zu Tirol bekommen. Monatelang habe ich dort verbracht. Und fast alle medizinischen Hilfeleistungen habe ich dort erhalten.
Was ich an der Innsbrucker Klinik an Zuwendung erfahren habe, lässt sich gar nicht in Worte fassen.

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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