Der Abt des Stiftes Stams im Tiroler Sonntag-Interview
Abt German: Beseelt von der Sorge um die Menschen

„Ich bin fest überzeugt: Letztlich macht der göttliche Funke das Leben hell. Diesen Funken am Glimmen zu halten, ist Auftrag des Klosters“, so Abt German vom Stift Stams.
  • „Ich bin fest überzeugt: Letztlich macht der göttliche Funke das Leben hell. Diesen Funken am Glimmen zu halten, ist Auftrag des Klosters“, so Abt German vom Stift Stams.
  • Foto: Tiroler Sonntag/Rosenkranz
  • hochgeladen von Gilbert Rosenkranz

Seit 18 Jahren leitet German Erd als Abt die Geschicke des Stiftes Stams. Im Gespräch mit dem Tiroler Sonntag erzählt er, wie ihn als junger Ministrant die Ausflüge mit seinem Pfarrer geprägt haben, was in der Seelsorge damals wie heute zählt und welche Erfahrungen aus der geistlichen Begleitung ihm zu denken geben.

Wovon das Herz voll ist, geht der Mund über. Wenn Abt German von seinen Erfahrungen in der Seelsorge redet, ist es, als würde ein Fußballfan von Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi erzählen. Abt German ist von der Seelsorge richtig begeistert.
Was die Menschen drückt, plagt, hält und bewegt, geht ihm nach und treibt ihn um. Wie kann das Evangelium hineinwirken in das Leben der Menschen? Wie die Menschen heute für das Evangelium interessieren?
„Am Leben der Menschen teilzunehmen ist nicht nur Kern des sozialen Lebens, sondern auch Kern der Seelsorge“, so Abt German. Die Bedeutung dessen hat er schon als kleiner Bub erfahren. Er war eifriger Ministrant in der Pfarre Vils. Immer wieder habe der Pfarrer die Buben auf ein Eis eingeladen. „Dann haben wir zusammen eine Wanderung nach Füssen gemacht. Ein paar Stunden hat das schon gedauert“, erzählt er. Der Pfarrer habe ihn beeindruckt. Die Stunden gemeinsamen Unterwegsseins mit dem Priester hätten ihn geprägt. „Bei solchen Unternehmungen geschieht oft mehr an Verkündigung als in vielen Religionsstunden“, meint Erd, der auch etliche Jahre Religion unterrichtet hat.

Nicht nur auf einem Bein. Dass er mit der Zeit so viele verschiedene Aufgaben übertragen bekommen habe, kommentiert Abt German sehr nüchtern: „Mir hat es gefallen, nicht nur auf einem Bein zu stehen: am Vormittag in der Schule und am Nachmittag bzw. abends in der Pfarre“. Wenngleich es schon manchmal etwas viel geworden sei, etwa wenn der Englisch-Professor Erd nach Besprechungen in der Pfarre noch spätabends Schularbeiten korrigieren musste. Oder in seiner Zeit, da er Abt und Direktor des Gymnasiums war. Aber er habe nie viel Schlaf gebraucht. Für Abt German genauso wenig ein Verdienst wie seine gesunde Grundkonstitution, die einfach viel möglich mache. Er habe jede Anfrage als Herausforderung gesehen, Neues zu lernen und auch neue Kontakte zu knüpfen.

Sorge, dass Beziehungen leiden. Mit einer gewissen Sorge beobachtet Abt German Entwicklungen, dass Seelsorger für immer mehr Pfarren bzw. größere Räume zuständig seien. „Beziehungen dürfen nicht auf der Strecke bleiben“, meint er. Sie seien wesentlich für die Verkündigung, „damit die Botschaft des Evangeliums ankommt: Hat sie keinen Sitz im Leben, werden die Menschen sie nicht annehmen“.
Wie wesentlich ein Netz an Verbindungen sei, zeige sich gerade in den Zeiten der Corona-Pandemie. Abt German: „Ich glaube, es ist uns allen neu bewusst geworden, wie sehr wir Gemeinschaftswesen sind“. Und was nicht zu unterschätzen sei: „Wir zehren jetzt von den Beziehungen und Verbindungen, die wir vor der Pandamie aufgebaut haben“.

Kreativität braucht Geborgenheit. Nachdenklich stimmt Abt German – eine Beobachtung aus der geistlichen Begleitung – die starke Zunahme des Erfolgs- und Leistungsdrucks. Er erlebe immer mehr, dass sich Menschen oft nur mehr über Leistung definieren. Wer nicht mithalten könne, stehe als Verlierer da. Ein Denken, das tief bis in das Familienleben hineinreiche und mittlerweile auch in hohem Maß das Freizeitverhalten bestimme.
Wachsender Konkurrenzdruck führe nicht nur dazu, dass das Spielerische verloren gehe: „Inneres Wachstum und Kreativität brauchen Geborgenheit, ein gewisses Maß an Ruhe. Identität entsteht dort, wo ich ernst genommen werde, ohne mich beweisen zu müssen“, meint der Pädagoge.

Gott tut das Seine. An Gott zu glauben, hat für Abt German etwas sehr Entlastendes. „Wenn ich mich bemühe, ist es schon etwas Ganzes. Denn Gott tut das Seine dazu“. Überhaupt gehe es viel mehr um das Bemühen als um das Gelingen, verweist Abt German auf das Gleichnis vom Senfkorn. Wie Jesus im Gleichnis erzählt, werden einem bei allem Bemühen immer auch Steine in den Weg gelegt: Neid, Eifersucht, Missgunst…
„Wir predigen als Unvollkommene einen Vollkommenen“, erinnert Abt German an ein Wort des Apostel Paulus und warnt vor überzogenen Ansprüchen an Seelsorger/innen. Ein möglicher Grund, weshalb sich etwa nur noch wenige für den Priester- und Ordensberuf interessieren?

Wo bleiben die Leute? Von ähnlichen Erfahrungen berichten Pfarrgemeinden. „Viele, die willig sind sich einzubringen, haben oft schon viele andere Aufgaben im Dorf“, so Abt German. Dann werde es manchmal einfach zu viel. Er führe in dieser Sache viele Gespräche und bemerke eine sinkende Bereitschaft zur Beteiligung am Pfarrleben. Wann immer es möglich sei, versuche er zu motivieren. Abt German: „Es ist wie zu Hause. Dort ist es auch nur schön, wenn Menschen auf das Haus schauen und es pflegen“.
Was nur wenige wissen: Auch mit Südtirol sind die Zisterzienser verbunden. In Meran und Gratsch betreuen sie zwei Pfarren, deren Verbindung zu Stams auf die Gründungszeit des Klosters zurückgeht. Mit ihnen und auch den umliegenden Pfarren des Oberländer Stiftes ist die Klostergemeinschaft eng verbunden: „Natürlich werden sie in unser Beten miteinbezogen und wir versuchen so gut es geht, deren Glaubensweg mitzugehen“. Auch für die Seelsorge am Wallfahrtsort Locherboden sorgen die Stamser Patres. „Da sind immer Leit oben“ – und: Die beiden Sonntagsgottesdienste um 11 und 15 Uhr seien sehr gut besucht, so Abt German.
Aufschlussreich seien die Gespräche mit den Pilger/innen nach den Messen. So gebe es da eine Vielzahl von Menschen, die mit der Kirche im Alltag wenig zu tun haben, auf Sinnsuche sind und an solchen Kraftorten Halt und Orientierung suchen.

Der göttliche Funke. International ist die Schar jener, die den Weg ins Kloster finden. Da sind etwa Pilger, die auf dem Jakobsweg ein Gespräch mit dem Abt „buchen“. Oder solche, die über die Kulturveranstaltungen in Verbindung mit den Zisterziensern kommen. Oder jene, die als Schüler/innen täglich im Haus sind bzw. als Absolventen des Meinhardinums den Kontakt zum Stift pflegen. Daraus ergibt sich ein großes Verbindungsnetz, das in die Klostergemeinschaft hinein- und von dort wieder hinauswirkt.
„Ich bin fest überzeugt: Letztlich macht der göttliche Funke das Leben hell. Diesen Funken am Glimmen zu halten, ist Auftrag des Klosters“, so Abt German.
Gilbert Rosenkranz

Autor:

Gilbert Rosenkranz aus Tirol | TIROLER Sonntag

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen