Auszug der Predigt von Reinhold Stecher zum Abschluss der Renovierungsarbeiten in der Notburgakirche Eben, 12. September 1992
Von der Herrlichkeit des einfachen Glaubens

Ausschnitt aus dem Deckengemälde in der Notburgakirche in Eben.
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Das ist das Besondere an der heiligen Notburga. Sie kommt nicht aus der großen Welt. Durch ihr Leben zieht Küchendienst und Stallgeruch, Arbeitsschweiß und Spüleimer, der Duft von Holzschuppen und einer Mägdekammer mit winzigem Fenster. Und wahrscheinlich ist auch in ihrem Dasein das ständige Ausgenütztwerden und ein Einkommen, mit dem man es zu nichts bringt. Aber vielleicht ist gerade das der Grund, warum sich so viele Menschen mit dieser Heiligen mehr identifizieren konnten als mit anderen, hochgestellten. Und der fast überirdische Glanz dieser Kirche ist so etwas wie eine Bestätigung der Botschaft Christi, die der Herr immer wieder zum Ausdruck gebracht hat: Für mich ist das Kleine groß, und die Treue im Kleinen hat Ewigkeitswert, und ich liebe den Menschen im schlichten Alltag, den Niemand, den Nobody der Gesellschaft, wie man heute oft sagt. Christus hat den Großteil seiner Bilder und Gleichnisse aus dem Alltag der kleinen Menschen gewählt. Er hat sie geliebt – die Fischer, die Hirten, die Wasserholerinnen und die Witwe mit dem Groschen, er hat ihre Feste und Hochzeiten im grauen Alltag bejaht, und er hat ihre einfachen Gebete gesprochen. Und so entspricht der Glanz der Ewigkeit, der sich hier um das Andenken der Bauernmagd entfaltet, genau seinem Denken und seiner Lehre. Ich glaube, dass das für uns alle von großer Aktualität ist. Die meisten von uns leben ein einfaches Leben, mit seinen Belastungen, seinen Sorgen und seinen kleinen Freuden, und in die Zeitung kommen sie meistens zum ersten Mal bei der Todesanzeige. Aber der Herr sagt uns in dieser Kirche von Eben: Du, gerade dieses ganz gewöhnliche Leben ist in meinen Augen die große Chance.

Ich muss hier auch persönlich etwas gestehen. Ich bin der zeitlosen Notburga oft begegnet. Ich habe einige tausend Kranke und alte Menschen in unserer Diözese besucht, in Spitälern und Altersheimen, in Stadtwohnungen und auf vielen, vielen Bergtouren, von Defreggen bis zum Paznaun, vom Oberen Gericht bis ins Zillertal. Und mir ist er oft begegnet, der einfache Mensch in den Patienten wie in denen, die sie pflegen und betreuen, und ich muss sagen, dass für mich die Treue und Größe, die in solchen Leben aufleuchtet, der eindrucksvollste Gottesbeweis ist. Ich habe von diesen Besuchen sicher mehr Trost bekommen als ich geben konnte.

Die heilige Notburga hätte auf viele theologische Probleme ihrer wie unserer Zeit keine Antwort geben können. Höchstwahrscheinlich hat sie nicht einmal lesen können. Aber worauf es im Glauben ankommt, hat sie doch gewusst. Sie hat die Gebete gekannt, die wir auch heute beten, hier und heute, das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, das eine oder andere Lied, die Botschaft von den Tagen, den Worten, dem Leiden und der Auferstehung Jesu. Und die höchsten Werte im Dasein: Gottesverehrung und Nächstenliebe. Auch diese Herrlichkeit des einfachen Glaubens tut uns gut. Wir sind ja wirklich die reinste Problemgeneration. Tagtäglich werden wir mit Auseinandersetzungen, Ansichten, Ideologien, Behauptungen, einer Flut von verwirrenden Informationen, unzähligen Detailfragen, ständig neuen Fragen und neuen Erkenntnissen konfrontiert. Das gilt in gewisser Hinsicht auch vom religiösen Bereich.

Aber im Letzten ist der Glaube des Christen gar nicht so kompliziert. Wenn man in der Intensivstation liegt, in der dumpfen Ahnung, dass es wahrscheinlich auf die große Reise gehen wird, auf was kommt‘s dann an? Ich glaube, dass der unendliche dreifaltige Gott sich zu mir neigt, dass er in Jesus Christus zu mir kommt, dass ich trotz aller meiner Fragenzeichen in meiner Seele und in meinem Leben ihm ganz vertrauen kann, dass er, der Gekreuzigte und Auferstandene, mich umarmen wird, und dass alles gut wird. Das ist‘s, worauf es ankommt. Dieser Glaube mit diesem Urvertrauen, das auch noch die letzte Dunkelheit erhellt. Und diesen Glauben leben uns oft ganz einfache Menschen vor, wie Notburga.

+ Bischof Reinhold Stecher

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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