Seit 1. März leitet Dekan Willy Guggenberger die Katholisch-Theologische Fakultät Innsbruck
„Die Sprache des Geldes taugt nicht als Ersatz für den Pfingstgeist.“

Will die Theologische Fakultät Innsbruck in ihrer jesuitischen Tradition festigen und weiterführen: Dekan Prof. Willy Guggenberger.
  • Will die Theologische Fakultät Innsbruck in ihrer jesuitischen Tradition festigen und weiterführen: Dekan Prof. Willy Guggenberger.
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Im Tiroler Sonntag-Interview gibt Willy Guggenberger Einblick in die geplanten Schwerpunkte und die Bedeutung der Theologie für Kirche und Gesellschaft heute.

Alle Welt redet über Religion, aber Theologie als Studium erscheint vielen fremd. Was hat Sie motiviert, Theologie zu studieren und sogar in die theologische Forschung einzusteigen?
Dekan Prof. Willy Guggenberger: Ich denke Religion wird heute entweder als Problem wahrgenommen, dann betrachtet man sie von außen wie eine Krankheit, die man heilen muss, oder aber Religion interessiert als etwas ausschließlich Privates, das hilft, zu innerem Gleichgewicht zu kommen. Beides ist nicht ganz falsch, aber doch zu kurz gedacht. Was mich zum Theologiestudium gebracht hat, war die Erfahrung, dass der christliche Glaube nicht Teil eines Problems, sondern Teil der Lösung ist. Darüber wollte ich mehr erfahren und auch kritisch darüber nachdenken. Ich hatte aber auch den Verdacht, dass es bei dieser Lösung nicht nur um individuelle Fragen der Frömmigkeit, des Seelenheils geht, sondern um das große Ganze, um die Gesellschaft, um die Welt.

Wir befinden uns mitten in tiefen Krisen – Corona, Klima, Demokratie. Wie macht sich dies in der Theologie bemerkbar?

Guggenberger: Die Coronakrise macht uns allen sehr deutlich, wie verletzlich das individuelle Leben, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen sind. Mit Gefährdungen, für die es keine technische Standardlösung gibt, haben wir in der westlichen Welt vielfach verlernt umzugehen. Wir sollten aber nicht behaupten, die Theologie hätte immer schon die Antwort auf solche Herausforderungen gehabt. Eher gilt es, an der Fähigkeit zu arbeiten, offene Fragen auszuhalten. Im Hinblick auf politische und ökologische Krisen kann die Theologie zeigen, dass der Glaube an Gott zum Engagement für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit motivieren kann, gerade weil er weiß, dass diese Welt nicht alles und dieses Leben nicht die letzte Gelegenheit ist.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, warnt vor einer immer tieferen gesellschaftlichen Spaltung im Zuge der Corona-Pandemie. Wo kann Theologie hier brückenbildend wirken?
Guggenberger:
Man muss ehrlich sein, es gibt religiöse, auch kirchliche Strömungen, die Teil solcher Spaltung sind. Ich habe aber auch erlebt, dass es gerade die Theologie ist, die auf Ideologisierungen aufmerksam macht und davor warnt, bestimmte Positionen zu verabsolutieren. 
Eine verabsolutierte Meinung ist unausweichlich der Ursprung von Spaltung und Konflikt, auch wenn sie die besten Absichten hat. Theologie hält daran fest, dass es Wahrheit gibt, aber auch daran, dass kein Mensch diese Wahrheit ganz erfassen kann. Ich würde sagen, das ist ihr götzenkritisches Potential.

In diesen Tagen feiern wir Pfingsten, das Fest, an dem die babylonische Sprachverwirrung aufgehoben wird. Wo ist der Geist der Verständigung heute wieder notwendig?
Guggenberger:
Fast überall. Denn wir merken, dass Harmonie oft nur innerhalb der geschlossenen Filterblasen Gleichgesinnter herrscht. Wir stehen vor großen Herausforderungen, die eine umfassende Zusammenarbeit erfordern. Global sind heute vor allem Märkte. Die Sprache des Geldes wird weltweit verstanden. Das taugt aber nicht als Ersatz für den Pfingstgeist, denn über den Wunsch nach himmelhohem Wachstum war man sich auch in Babylon einig. Das Projekt ist bekanntlich gescheitert.
Ich habe an der Theologie in Innsbruck gelernt, wie wichtig es ist, auch darauf zu hören, was an den Anliegen von Gegnern oder Feinden berechtigt sein könnte. Wenn man damit beginnt, schwindet die eigene Selbstsicherheit und bekommt echter Dialog eine Chance. Da wirkt der Geist.

In der Katholischen Kirche drängen viele Stimmen zu umfassenden Reformen. Welche Aufgabe hat die Theologie in diesen innerkirchlichen Auseinandersetzungen? .
Guggenberger:
Auch hier kann Theologie nicht die große Lehrmeisterin sein, aber sie kann Anliegen ordnen und strukturieren. Sie kann vor allem auch das Wissen um die vielfältigen Traditionen der Kirche einbringen, angefangen bei der Heiligen Schrift. Als Tradition gilt uns oft, was schon immer so war und damit meinen wir, was wir aus unserer Kindheit kennen. Eine 2000 Jahre alte Weltkirche hat viel mehr an Ideen und Gestaltungsmöglichkeiten zu bieten, die alle katholisch sind. Daran kann Theologie erinnern und dafür sollten alle in der Kirche offener sein.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte möchten Sie in der Entwicklung der Fakultät setzen?
Guggenberger:
Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass Theologie und christliche Philosophie als das wahrgenommen werden, was sie sind: höchst zeitgemäße, weltoffene und gesellschaftsrelevante Wissenschaften. Von meinem Fach der Sozialethik her ist es mir wichtig, dass auch unsere Fakultät einen Beitrag zum großen Gesellschaftsprojekt der nachhaltigen Entwicklung leistet. Das umfasst Fragen der Schöpfungsbewahrung, aber auch jene von Frieden und Gerechtigkeit, Chancengleichheit u.v.m. Wie Papst Franziskus sagt, hängt die Zukunft unseres Planeten und der Menschheit davon ab, dass alle Formen der Weisheit herangezogen werden, um einen Weg in diese Zukunft zu gestalten.

Innsbruck ist eng verbunden mit dem Jesuitenorden. Wie macht sich das „Ignatianische“ an der Fakultät heute bemerkbar?
Guggenberger:
Vermutlich bin ich durch meine Ausbildung an dieser Fakultät tiefer in der Wolle jesuitisch gefärbt, als ich mitunter selbst wahrnehme. Der Jesuitenorden hat von Anfang an gesagt, er sei in der Welt zu Hause. Das ist etwas, das mich zutiefst anspricht und das ich in unserer Fakultät in vielfacher Weise spüre. Es beginnt bei der Präsenz der internationalen Doktoratsstudierenden, die uns ungemein bereichern. Es zeigt sich aber auch in vielen Formen interdisziplinärer Zusammenarbeit oder im guten Gesprächsklima mit unseren muslimischen KollegInnen.

Die Innsbrucker Fakultät ist eine traditionsreiche Einrichtung. Gerne wird von Tradition als Weitergabe des Feuers gesprochen. Welches Feuer möchten Sie in Ihrer Amtszeit weitertragen?
Guggenberger:
Das hat auch mit unserer jesuitischen Tradition zu tun. Der Orden hat für die eigene Arbeit vor einiger Zeit apostolische Präferenzen formuliert: für junge Menschen und die künftigen Generationen, für die Armen und Benachteiligten und für die Umwelt. All das könnte aber leicht zum puren Aktionismus werden ohne die vierte Präferenz, jene für Spiritualität, das heißt für das Bewusstsein, dass wir in unserem Tun von Gott getragen sind und auf ihn setzen sollen. Das wissenschaftlich zu unterstützen, bedeutet eine ordentliche Fackel hochzuhalten; wenn ich sie ein paar Meter weitertragen kann, dann ist mir schon viel gelungen.

Das Gespräch führte Michaela Quast-Neulinger

Zur Person:
A.o. Univ. Prof. Dr. Wilhelm Guggenberger wurde 1966 in Innsbruck geboren und hat an der dortigen Universität Fachtheologie studiert.
Er ist seit 1991 am Institut für Systematische Theologie tätig und habilitierte sich 2006 für das Fach Sozialethik. Sein besonders Forschungsinteresse gilt der Entwicklung einer theologisch fundierten Ethik im Dienst von Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Dabei setzt er sich u.a. für die Umsetzung der „Sustainable Development Goals“ (die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung) der UNO an der Universität ein. Seit 1. März 2021 ist er Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät.
Weitere Texte von Prof. Willy Guggenberger finden Sie unter anderem im Leseraum der Theologischen Fakultät Innsbruck unter https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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