Familien-Bischof Hermann Glettler
Familie ist der „Zentralbahnhof“

Der Bischof und die Kunst. Hermann Glettler ist neben seinen vielen Aufgaben auch Künstler. Hier vor einem Werk des Salzburgers Karl Hartwig Kaltner im Rupertussaal des eb. Bischofshauses.
  • Der Bischof und die Kunst. Hermann Glettler ist neben seinen vielen Aufgaben auch Künstler. Hier vor einem Werk des Salzburgers Karl Hartwig Kaltner im Rupertussaal des eb. Bischofshauses.
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Als Familienbischof ist Hermann Glettler ein Anwalt für gelingendes Leben und heilsame Beziehungen. Was er über assistierten Suizid denkt, wie wichtig Vergebung ist und dass wir einmal in den Himmel hineinstolpern werden, sagt er in seinem Interview mit dem Rupertusblatt.

Rupertusblatt: Die Coronakrise hat Familien in einem hohen Maß gefordert und überfordert. Was lässt sich daraus für die Zukunft lernen?

Bischof Hermann Glettler:
Mir scheint, dass die Sensibilität für die Schönheit und Zerbrechlichkeit des Lebens gewachsen ist. Vieles haben wir nicht so souverän in der Hand, wie wir uns das gerne einbilden. Und mit dem Blick auf Familien: Die vielen äußeren Stressfaktoren haben die Familie als verlässlichen Rückzugsort wieder neu ins Licht gerückt. Eine wichtige Wertschätzung. Dennoch haben gewisse Umstände wie zu enger Wohnraum und Vielfachbelastungen auch zu außergewöhnlichen psychischen Belastungen geführt. Auch zu Gewalterfahrungen. Automatisch funktioniert Familie als Zufluchtsort nicht.

Rupertusblatt: Wertschätzung für das Leben und andererseits die Debatte rund um die „Sterbehilfe“. Wie passt das zusammen?


Bischof Glettler: Der Spruch des Verfassungsgerichtshofes kam überraschend und ist eine Enttäuschung. Wir müssen ihn zur Kenntnis nehmen, aber eine Zustimmung zum assistierten Suizid können wir als Christen niemals geben. Wir brauchen eine Assistenz zum Leben, nicht zum Sterben. Es bleibt zu hoffen, dass die anstehende Gesetzesänderung entsprechend sensibel und vorsichtig ausfällt. Auf jeden Fall sollte auch zukünftig ein „Töten auf Verlangen“ ausgeschlossen bleiben.

Rupertusblatt: Lange galt: Das Leben ist in der entscheidenden Situation nicht verfügbar. Was passiert mit unserer Menschen- und Weltsicht, wenn sich dieses Prinzip nun ändert?

Bischof Glettler: Ja, Anfang und Ende des Lebens reichen in ein Geheimnis hinein, das uns entzogen bleibt. Es wird deutlich, dass wir für das Geschenk des Lebens in Freiheit Verantwortung übernehmen müssen. Achtsamkeit ist wohl die wichtigste Herzenshaltung. Und haben wir angesichts der vielen technischen Möglichkeiten die nötige Demut, ein paar Schritte zurück zu gehen? Mehr Ehrfurcht, mehr Dankbarkeit? Oder wollen wir einen totalen Zugriff auf das Leben, die totale Verfügbarkeit nach den Kriterien, was wir als lebenswert, attraktiv und erfolgreich erachten? Unser Glaube verpflichtet uns, „Freunde des Lebens“ in seiner vielfältigen Gestalt zu sein, wie es die Bischofskonferenz vor Jahren einmal formuliert hat.

Rupertusblatt: Mit Ihrem Buch "Die fremde Gestalt" laden sie zu einer Auseinandersetzung mit dem unbequemen Jesus ein. Was hat uns dieser Jesus heute zu sagen?

Bischof Glettler: Wenn wir in seiner Liebe bleiben, sagt er, brauchen wir nichts zu fürchten, auch nicht einmal den Tod. Der nicht verkitschte Jesus tröstet uns, schenkt eine ungeahnte innere Freiheit und fordert uns zugleich heraus. Ein Leben mit ihm ist kein dauerhafter Kuschelkurs. Eine ernstgemeinte Nachfolge verbietet uns, auf die eigenen Ansprüche und Befindlichkeiten fixiert zu bleiben. Die Verbundenheit mit Jesus ist die stärkste Quelle, um selbst heilsam für andere da zu sein. Wir brauchen gerade in unserer nervösen, polarisierenden Gesellschaft die Herzensenergie Jesu – auch zum geduldigen Aushalten von Spannungen.

Rupertusblatt: Ihre Fotoserie „wasted lives“ zeigt eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod auf einem Gräberfeld von Flüchtlingen. Was war ihr Anliegen mit diesem Kunstprojekt?

Bischof Glettler: Ich habe das Gräberfeld zufällig bei meinem Besuch des Flüchtlingslagers auf Lesbos entdeckt. Berührt haben mich die ungewöhnlichen Zeichen persönlicher Abschiede und zugleich die beschämende Verwahrlosung. Ein Feld der Vergessenen. Ich wollte mit meinen Fotoarbeiten den Blick auf diese humanitäre Wunde mitten in Europa schärfen. Darüber hinaus hat das Sterben immer eine ganz persönliche Dimension. Es geht um ein Loslassen, vermutlich um den größten Akt des Vertrauens. Als Seelsorger durfte ich doch einige Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleiten. Vielen ist es gelungen, innerlich versöhnt die letzten Schritte zu gehen. Letztlich werden wir nicht mit stolzer Brust in den Himmel einziehen, sondern vermutlich hineinstolpern. Und werden dort hundertprozentig erwartet.

Rupertusblatt: Nochmals zum Jahr der Familie anlässlich 5 Jahre von „Amoris laetitia“. Wie geht es weiter mit diesem Projekt?

Bischof Glettler: Es gibt in Österreich einen sehr breiten Fächer familienpastoraler Initiativen – ich denke an die Familienreferate der Diözesen, an den Katholischen Familienverband und an KANA, die Zusammenarbeit der Bewegungen und Gemeinschaften. Alle gemeinsam wollen eine starke Stimme für Familien sein – und die Schätze des Glaubens mit und für diese wichtigsten Lebenszellen freilegen. Die Familie ist der Zentralbahnhof des Lebens und der Gesellschaft. In der Familie läuft alles zusammen und bricht von dort auch wieder auf. Es braucht die nötigen Anschlüsse, eine gute Koordination, Aufenthaltsräume sowie viel Geist und Herzblut in der Zugbegleitung. Menschen sollen doch den richtigen „Zug erwischen“ zu mehr Lebensfreude, zu einer unternehmerischen Kraft und zum Neubeginnen, wenn es Entgleisungen oder Zusammenstöße gegeben hat.

Rupertusblatt: Samenspende, Leihmutterschaft, Regenbogenfamilie: Viele Stichworte, auch „Entgleisungen“? Was lässt sich grundsätzlich zu dieser Pluralität sagen?

Bischof Glettler: Wie auch immer Familienmodelle heute konkret ausschauen, wir nehmen sie in ihrer Buntheit wahr und versuchen unsere Begleitung anzubieten. Und bei allem, was wir an beglückender oder irritierender Pluralität erleben, es ist Zeit, Zeugnis zu geben. Stellen wir doch die Berufung und die Schönheit des Ehesakramentes und der christlichen Familie wieder in den Mittelpunkt! Mann und Frau geben sich eine verlässliche Zusage, das ganze Leben miteinander zu teilen und Kindern das Leben zu schenken. Das ist ein faszinierendes Lebensprojekt, in dem trotz aller Möglichkeiten des Versagens Gottes leidenschaftliches Ja zu uns Menschen abgebildet und modellhaft gelebt wird.

Rupertusblatt: Welche neuen Impulse für die Seelsorge mit und für Familien gibt es seitens der Bischofskonferenz und was erwarten Sie als Familienbischof?

Bischof Glettler: Soeben haben wir das Projekt „Ehevorbereitung Neu“ vorgestellt. Für alle, die sich auf eine christliche Ehe vorbereiten soll es ein stärkeres Engagement der Pfarren geben. Die jungen Paare sind eine Herausforderung für die normale Pastoral: Erleben sie in der Kirche vor Ort etwas von Gastfreundschaft, ein ehrliches Interesse an ihren Fragen und auch das Angebot einer Begleitung? Vergessen wir vor allem nicht jene Familien, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Mit dem Geist Gottes, mit seiner Aufsteh-hilfe ist immer ein Neubeginn möglich. Da ist kein Zug abgefahren!

Interview: David Pernkopf

Zur Person
Hermann Glettler ist seit 2020 Referatsbischof für Ehe, Familie und Lebensschutz in der Österreichischen Bischofskonferenz. Er folgte Erzbischof Lackner in diesem Amt nach. Mit Lackner verbindet ihn auch die gemeinsame Priesterweihe. Am 23. Juni 1991 wurde er zum Priester für die Diözese Graz-Seckau geweiht. Als Pfarrer im multikulturellen Bezirk Graz-Gries engagierte er sich besonders auch für sozial Benachteiligte und Flüchtlinge. Papst Franziskus hat Hermann Glettler am 27. September 2017 zum Bischof der Diözese Innsbruck ernannt. Am 2. Dezember 2017 wurde er von Erzbischof Lackner als Hauptkonsekrator zum Bischof geweiht.

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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