Erzbischof-Interview
„Bin dankbar, dass ich meine Berufung leben darf“

Erzbischof Franz Lackner hat am 14. Juli sein 65. Lebensjahr vollendet.
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Zweifachen Grund zum Feiern hatte Erzbischof Franz Lackner dieser Tage. Zum 30-Jahr-Priesterjubiläum und 65. Geburtstag spricht Salzburgs Oberhirte über seine Berufung, die Relevanz der Kirche, Herausforderungen wie den synodalen Prozess und seinen arbeitsintensiven Sommer mit Pausen.

RB: Herr Erzbischof, Sie wurden vor 30 Jahren, am 23. Juni 1991, zum Priester geweiht. Wie haben Sie das Jubiläum gefeiert?

Erzbischof Franz Lackner: Ich habe das Weihejubiläum sehr ruhig begangen – mit der Hausgemeinschaft und meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habe ich in der Früh heilige Messe gefeiert, danach hatte ich noch einige Termine. Was mich sehr gefreut hat: An diesem Tag haben mich sehr viele Glückwünsche erreicht; telefonisch, schriftlich, aber auch über die sozialen Netzwerke. Ich bin immer wieder verwundert, wie schnell die Zeit seither vergangen ist. Grundsätzlich war es für mich nicht wichtig, groß zu feiern. Ich habe die Zeit genutzt, um in Ruhe über die vergangenen 30 Jahre nachzudenken.

Wie fällt Ihr Fazit aus?

Erzbischof Franz Lackner: Ich kann überzeugt und aus vollem Herzen sagen: Ich habe die Entscheidung, Priester zu werden, nie bereut. Für die Menschen bittend und betend vor Gott zu stehen ist meine Berufung. Ich bin dankbar, dass ich sie leben darf.

RB: Wie präsent ist für Sie die eigene Priesterweihe noch? Sie haben damals im Grazer Dom durch Bischof Johann Weber die Weihe empfangen.

Erzbischof Franz Lackner: Ja. Ich weiß noch, dass ich die Weihe – diese dichte und ausdrucksstarke Liturgie – sehr tief erlebt habe; ein überwältigender Tag. Wir waren damals zwölf Kandidaten. Unter meinen Weihekollegen war auch Bischof Hermann Glettler. Meine Mutter hatte mir Kelch und Patene gestiftet – ich feiere damit noch heute in der Kapelle im Bischofshaus die Heilige Messe. Damit bin ich mit den Anfängen meines Priestertums täglich in einer Art und Weise verbunden.

RB: In Ihrer Eröffnungsrede bei der „Dreiländer-Tagung“ über die Zukunft des priesterlichen Dienstes haben Sie gesagt: Trotz Debatten rund um Zölibat und Missbrauch brauche die Kirche auch weiterhin Priester, damit sie „lebbar und erlebbar bleibt“. Werden wir diese Priester in Zukunft auch haben? Heuer im Dom wurde ein Kandidat geweiht, die Jahre davor keiner.

Erzbischof Franz Lackner: Am Beginn des Römerbriefes stellt sich Paulus vor, dass er Knecht Christi Jesu ist, berufen zum Apostel; ausgesondert, das Evangelium Gottes zu verkünden. Ich glaube, dieser Ruf ergeht auch heute noch an uns und zeigt sich besonders in der Berufung zum Priester. Ausgesondert zu werden für diesen Dienst an Gott und den Menschen erfordert eine Gesamthingabe des Berufenen. Dass dies lebbar und erlebbar bleibt, ist nur mit Gottes Hilfe möglich. Es erfordert Menschen, die bereit sind, diesen Ruf zu hören und darauf zu antworten. Damit werden sie zu einem Zeichen der Nähe Gottes, der in Jesus Christus bereit war, sich selbst zu geben. Bei aller menschlichen Unzulänglichkeit soll er den Blick auf das Ziel, das Volk Gottes zu leiten und zu begleiten, nicht aus den Augen verlieren.

Ich bin zuversichtlich, dass Gott auch weiterhin Priester für seine Kirche rufen wird. Grundsätzlich gilt: Das gemeinsame Priestertum, zu dem alle Getauften und Gefirmten berufen sind, und das besondere Priestertum sind immer zwei kommunizierende Gefäße, die ein gemeinsames Ziel haben: der Welt von einem Gott zu künden, der uns nicht alleine lässt, sondern uns Zukunft geben will. Priester, Diakone, Pastoral- und Pfarrassistentinnen und -assistenten arbeiten gemeinsam daran, die Seelsorge vor Ort aufrecht zu erhalten und Akzente zu setzen. Als Weltkirche haben wir zudem einen großen Erfahrungsschatz. Und: Es braucht neben der öffentlichen Sichtbarkeit von Kirche das Wirken im ganz persönlichen Umfeld. Wir müssen Zeugen und Bekenner sein – das ist Auftrag und Aufgabe von uns allen. Weil wir alle gemeinsam Arbeiter im Weinberg des Herrn sind; Reben des einen Weinstocks.

RB: Sie feierten nicht nur Ihr Weihejubiläum, sondern am 14. Juli auch Ihren 65. Geburtstag. Das ist das Pensionsantrittsalter für Männer in Österreich. Sie haben erst im vergangenen Jahr den Vorsitz der Österreichischen Bischofskonferenz übernommen.

Erzbischof Franz Lackner: Wir Bischöfe sind als Priester in den Dienst gestellt. Es ist vielmehr Berufung als ein Beruf. Ich habe keine Kinder, Enkelkinder, keine Familie, um die ich mich sorgen muss. Mein Leben ist ganz auf Gott und den Dienst an seiner Kirche ausgerichtet. Es ist schön und auch gut, wenn uns Priestern damit auch noch in diesem Alter etwas zugetraut wird – vorausgesetzt natürlich, man ist gesund und bei Kräften. Natürlich ist es andererseits auch zuweilen herausfordernd. Der Terminkalender wird immer voller, Anfragen häufen sich.

RB: Nun steht auch noch der Ad-limina-Besuch in Rom an und der von Papst ausgerufenen synodale Prozess muss auf diözesaner Ebene vorbereitet werden.

Erzbischof Franz Lackner: Richtig. Ich finde es sehr passend, dass der Ad-limina-Besuch jetzt gleichsam am Beginn des synodalen Prozesses in den Diözesen stattfindet. Damit ist für uns als österreichische Kirche ein guter Referenzpunkt geschaffen.

Nun gilt es in einem ersten Schritt darüber nachzudenken, was die Grundhaltung hinter diesem großen Wort „Synodalität“ ist. Dazu braucht es Menschen guten Willens, die bereit sind auf Gott und den Mitmenschen zu hören, Bewährtes zu bewahren und sich den Anforderungen der Zeit zu stellen.

Dem Zuhören kommt in diesem Zusammenhang ein zentraler Stellenwert zu. Und damit verbunden auch die Frage: Was bin ich überhaupt bereit, zu hören? Wo merke ich, dass sich meine Ohren verschließen, wo bin ich nicht offen für den Dialog oder für Begegnung? Sich diese Orte des Nicht-Hörens bewusst zu machen, halte ich für eine große Aufgabe dieses Prozesses. Den eigenen Horizont zu weiten, im inneren, gedanklichen, sowie auch ganz konkret, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und etwa auch über unsere geografischen Grenzen zu blicken: Was tut sich in anderen Teilen der Erde? Wie wird Kirche an anderen Orten gelebt? Als Salzburger Erzdiözese haben wir mit Bokungo Ikela, St. Ignacio und Daegu Partnerdiözesen auf drei anderen Kontinenten – eine wunderbare Möglichkeit, Weltkirche wirklich zu erfahren und im Austausch zu sein, welche Themen sich hier und dort ergeben.

Hauptsache aber wird sein, um die Hilfe des Heiligen Geistes zu bitten, dass er uns die Gabe der Einsicht und der Unterscheidungskraft gibt, damit wir im Stimmengewirr der Meinungen die zielführenden Antworten für diese Zeit finden.

RB: Ein Nachrichtenmagazin analysierte die Coronazeit mit Blick auf die Kirche und schrieb vom Verlust an theologischem Gewicht und gesellschaftlicher Relevanz. Wie sehen Sie das?

Erzbischof Franz Lackner: Inwiefern Kirche relevant für die Gesellschaft ist, wird man aus Statistiken und Analysen nicht so einfach ableiten können. Kirche macht in ihren Grundaufträgen selten marktschreierisch auf sich aufmerksam, listet nicht in einer Art Leistungsschau ihre Erfolge auf. Das ist auch nicht die Logik des Evangeliums. Gerade im sensiblen Bereich der Seelsorge an Armen, Kranken, an Menschen, die am Rand stehen, ist es alles andere als passend, große Töne zu schwingen, was hier von Seiten der Seelsorger und Seelsorgerinnen alles getan wird. Vieles geschieht im Verborgenen; das wahrt die Integrität und die Würde derer, die schwach und ohnmächtig sind. Wonach sich die Menschen sehnen – und das ist wohl in aktuellen Debatten immer wieder mit „Relevanz“ gemeint – ist wohl, dass wir es nicht mehr klar genug kommunizieren können, welche Sinnzusammenhänge uns umtreiben.

Die Bemühungen sind groß: Im Online-Bereich tut sich sehr viel, Akzente werden gesetzt und Allianzen geschlossen, etwa mit Kunst, Kultur und Wissenschaft. In all diesen Bemühungen muss es uns immer um unsere Kernbotschaft gehen: Gott hat uns geliebt, ist mit uns einen Bund eingegangen, der niemals bricht. Das ist für uns alle relevant.

In der Coronakrise, das bemerke ich zunehmend, ist bei vielen eine gewisse Nachdenklichkeit entstanden. Menschen wurden plötzlich mit einer kollektiven Ohnmachtserfahrung konfrontiert – da ergeben sich automatisch Fragen nach Sinn, Ursprung und Ziel des Lebens. Hier kann unser Glaube Antwort geben: wir glauben an einen Gott, der uns liebt und unsere Schwächen, unser Sehnen und Suchen beantwortet. Wie Gott im Buch Jeremiah spricht: Pläne des Heils und nicht des Unheils habe ich für euch, denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.

RB: Ein Thema das die Bischöfe zuletzt sehr beschäftigte ist das „Sterbehilfe-Urteil“ des Verfassungsgerichtshofs. Welche Schritte sind hier noch möglich?

Erzbischof Franz Lackner: So viele Gefahren sind mit der Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes und mit der gesetzlichen Regelung des assistierten Suizids verbunden. Der Blick in Länder, in denen der assistierte Suizid eingeführt wurde, zeigt deutlich: Es ist ein Einfallstor für die Euthanasie, die Tötung auf Verlangen; viele Menschen – einer aktuellen Umfrage zufolge 75 Prozent – rechnen mit Missbrauch bei der Beihilfe zum Selbstmord. Eine restriktive Gesetzgebung muss hier oberstes Ziel sein; auch zum Schutz für psychisch Kranke, für Menschen mit Behinderung, für Alte und auch für Kinder. Es geht um Bewusstseinsbildung, um Aufklärung. Als katholische Kirche wollen mahnende Stimme sein und in allen Bereichen, wo wir uns einbringen können unsere Positionen darlegen. Im Dialogforum des Bundesministeriums war mit Dr. Stephanie Merckens eine ausgewiesene Expertin für die Bischofskonferenz in Gespräche eingebunden, mit der Homepage www.lebensende.at wurde eine Plattform geschaffen, auf der sich fundierte Informationen zum Thema finden lassen. Es gilt auf allen möglichen Ebenen: Reden – aufklären – warnen.

RB: Bei der Sommervollversammlung tauschten sich die Bischöfe mit Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen aus. Braucht die Kirche mehr Frauen in Spitzenpositionen?

Erzbischof Franz Lackner: Ja, die braucht es. In unserer Diözese bemühe ich mich redlich darum, Frauen in Leitungspositionen zu fördern. Mit unserer Kanzlerin, Elisabeth Kandler-Mayr und Seelsorgeamtsleiterin Lucia Greiner sind Schlüsselpositionen der Erzdiözese mit Frauen besetzt. Ich möchte das auch weiterhin fördern. Ich nehme in vielen Bereichen eine Unzufriedenheit wahr; auch bei unserem Treffen mit den Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen bei der Bischofskonferenz.

Ich für meinen Teil sehe in diesem Treffen einen wichtigen Schritt. Wir Bischöfe waren angehalten zuzuhören, hinzuhören auf die Sorgen, Ängste, auf Ärger und Trauer. Klar ist, manche Themen können wir nur auf weltkirchlicher Ebene verhandeln, da kann es keinen Alleingang oder vorschnelle Lösungen geben. Als Diözesanbischof werde ich mich dafür einsetzen, Ungleichheiten aller Art zu begegnen. Und Frauen zu ermutigen, Leitungsfunktionen wahrzunehmen, gehört definitiv dazu.

RB: Sie haben wieder einen arbeitsreichen Sommer vor sich. Haben Sie denn auch Zeit für Erholung?

Erzbischof Franz Lackner: Persönlich hoffe ich auf ein paar ruhige Tage im Sommer – auf Zeit, um zu pilgern und zu lesen. Und auf Begegnungen mit Menschen abseits des stressigen Terminkorsetts. Jetzt da die Corona-Regelungen wieder lockerer sind, freue ich mich einfach darauf, wieder unter und mit den Menschen zu sein.

Wieder unter Menschen sein – darauf freut sich Erzbischof Franz Lackner. Das Bild zeigt ihn bei einem Fest der Jugend im Dom.
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Kurz-Biografie

Franz Lackner wurde am 14. Juli 1956 als Anton Lackner in Feldbach geboren. Aufgewachsen ist er im südoststeirischen Dorf St. Anna am Aigen. Nach einer Elektrikerlehre und der Zeit als UNO-Soldat wuchs in ihm die Entscheidung, Priester zu werden. 1984 trat er in den Franziskanerorden ein und nahm den Ordensnamen Franz an. 1991 empfing er die Priesterweihe. Am 8. Dezember 2002 wurde Lackner zum Bischof der Diözese Graz-Seckau geweiht. Am 12. Jänner 2014 übergab em. Erzbischof Alois Kothgasser im Salzburger Dom den Hirtenstab an seinen Nachfolger. Seit Juni 2020 ist Erzbischof Franz Lackner Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz.

Erzbischof Franz Lackner hat am 14. Juli sein 65. Lebensjahr vollendet.
Wieder unter Menschen sein – darauf freut sich Erzbischof Franz Lackner. Das Bild zeigt ihn bei einem Fest der Jugend im Dom.
Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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