Friedrich Gammer im Gespräch mit Alexandra Hogan
„Irgendwann wusste ich: Mein Glaube muss Konsequenzen haben“
- hochgeladen von Carina Müller
Was mit einem Traum begann, mündet schon bald in der Taufe. Mit dem „Sonntag“ sprach Friedrich Gammer (19) über seine Suche nach einem vernünftigen Glauben, die Notwendigkeit von Gemeinschaft und darüber, was die Kirche auch heute noch zu bieten hat.
Friedrich, in der Osternacht wurdest du getauft und gefirmt. Dabei hattest du mit Religion eigentlich lange gar nichts am Hut.
Gammer: Das stimmt. Religion hat mich eigentlich nie interessiert. Ich dachte, dass gläubige Menschen naiv sind und sich an Religion halten, weil sie nicht stark genug sind, sich den Dingen des Lebens selbst zu stellen.
Heute siehst du das nicht mehr so. Was ist passiert?
Gammer: Das klingt ein bisschen verrückt, aber vor eineinhalb Jahren hatte ich einen Traum. An den Inhalt kann ich mich nicht mehr genau erinnern, aber als ich aufwachte, hatte ich diesen Gedanken, der mich nicht mehr losgelassen hat: dass ich die Bibel lesen soll. Und das, obwohl ich nie in die Kirche gegangen war; ich hatte nicht einmal eine Bibel.
Hast du dir dann gleich eine Bibel geschnappt und angefangen zu lesen?
Gammer: Nein, obwohl der Gedanke geblieben ist. Ich habe versucht, ihn wegzuschieben, aber je länger ich ihn ignoriert habe, desto unruhiger wurde ich. Ich war in einer Phase mit vielen Selbstzweifeln, hatte das Gefühl, überall irgendwie fehl am Platz zu sein. Eines Tages habe ich dann auf Social Media zwei Videos zum Thema Glaube gesehen. Die habe ich mir nicht angesehen, weil ich glauben wollte, sondern rein aus Interesse. Irgendwann habe ich mir dann wirklich das Neue Testament als Hörbuch gekauft und angefangen, Podcasts über das Christentum zu hören – wieder nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Neugier. Ich wollte wissen, ob an dieser Religion was dran ist. Ich habe mich gefragt: Hat sie eine historische Basis? Gibt es Belege für das Leben Jesu? Ist das Ganze logisch? Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr hat es mich gepackt.
Du hast also über den Verstand zum Christentum gefunden.
Gammer: Genau. Ich brauche Beweise, Argumente, Logik. Und ich war überrascht, wie viel davon ich gefunden habe. Meine Haltung, dass das Christentum nur etwas für leichtgläubige Menschen ist, hat sich geändert. Es war ein fließender Prozess, aber irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich nicht mehr leugnen konnte: Das ist wahr.
Kam dann gleich dein Schritt in die Kirche?
Gammer: Nein, ich dachte lange, dass ich alleine glauben kann und keine Kirche brauche. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt: Da fehlt etwas; Glaube braucht Gemeinschaft. Die habe ich zuerst durch meinen Freund Marius gefunden, der sich zufällig auch mit dem Christentum beschäftigt hat. Eines Tages sind wir gemeinsam in die Pfarrkirche Gurnitz gegangen. Ich habe mich nicht bewusst dafür entschieden, in ein katholisches Gotteshaus zu gehen. Marius hat mich einfach gefragt, ob ich mitkommen möchte.
Wie war der erste Kirchgang für dich?
Gammer: Alles war neu und verwirrend – die Liturgie, das Stehen, Sitzen, Knien. Marius und ich waren gemeinsam mit einem dritten Freund da. Abgesehen von uns war nur noch eine andere Person anwesend. Eine Wochentagsmesse halt (lacht). Direkt danach hat Pfarrer Bernd Wegscheider uns angesprochen – weil es ja schon auffällig ist, wenn auf einmal drei junge Typen im Gottesdienst sind. Er hat gefragt, ob wir Lust hätten, uns gemeinsam auf ein Bankerl zu setzen. Pfarrer Bernd hat unsere Fragen ernst genommen, auch wenn sie unbequem waren. Das war so interessant, dass wir beschlossen haben, uns öfter zusammenzusetzen. Er hat mir dann auch einen katholischen Podcast empfohlen, der mir wirklich viele Antworten geliefert hat.
Hat sich deine Auffassung dazu, ob man Glaube auch ohne Kirche leben kann, geändert?
Gammer: Ja. Ich habe in dieser Zeit so viel gelernt über die Bibel, die Kirche und warum der katholische Glaube vernünftig ist. Irgendwann wusste ich: Wenn ich mich vor der Kirche verschließe, dann entspricht das nicht dem, was ich erkannt habe. Mein Glaube muss Konsequenzen haben. Vergangenen November stand dann fest: Ich will katholisch werden und mich taufen lassen. Seitdem bereitet Pfarrer Bernd mich darauf vor – wir treffen uns regelmäßig, lesen gemeinsam im Katechismus, er beantwortet meine Fragen.
Deine Mutter Andrea hat durch deinen Weg auch wieder in die Kirche gefunden.
Gammer: Genau. Ich habe viel mit ihr über das gesprochen, was mich beschäftigt. Zuerst war sie skeptisch, hat gedacht, dass das eine Phase ist, und sogar befürchtet, ich sei einer Sekte beigetreten, weil ich so begeistert war. Aber dann hat sie sich selbst auf die Suche gemacht, Podcasts gehört, „The Chosen“ [Anm.: eine Serie über das Leben Jesu] geschaut – und irgendwann kam dieser Moment für sie: „Ich gehe wieder in die Kirche.“ Sie sagt heute, dass sie das erste Mal wirklich verstanden hat, worum es geht – Glaube nicht bloß als Tradition, sondern als persönliche Beziehung zu Gott. Vor einigen Wochen ist sie wieder in die Kirche eingetreten. Für uns ist heuer wirklich ein Heiliges Jahr.
Viele junge Menschen finden Kirche altmodisch und unattraktiv. Was sagst du dazu?
Gammer: Ich verstehe diese Vorbehalte – ich hatte sie ja selbst. Was ich erlebt habe, war das Gegenteil von engstirnig oder weltfremd; also von dem, was man ständig in den Medien liest und hört. Die Menschen in der Kirche sind nicht perfekt, aber in der Kirche sind Wahrheit, Gemeinschaft und Halt. Ich glaube, junge Menschen suchen genau das, und ich denke, dass die Kirche bei allen Fehlern, die es natürlich in der Vergangenheit gab, selbstbewusster auftreten sollte.
Dein Weg zum Glauben hat mit der Bibel begonnen. Gibt es eine Stelle in der Schrift, die dich besonders berührt?
Gammer: Ja, die Erzählung, in der Jesus auf dem Wasser den Jüngern entgegengeht. Jesus fordert Petrus auf, zu ihm zu kommen, und Petrus steht wirklich auf dem Wasser. Doch dann zweifelt er und geht unter, sodass Jesus ihn heraufziehen muss. Das ist für mich ein starkes Bild. Auch wenn ich dabei bin, unterzugehen und denke, dass Gott weit weg ist, zieht er mich wieder nach oben. In meinem Leben ist momentan viel los: Ich habe gerade meinen Lehrabschluss zum Betriebselektriker hinter mir, jetzt kommt die Taufe, im Mai steht die Matura an. Da habe ich immer wieder diese Stelle im Kopf – und den Gedanken, dass wir nur auf Gott vertrauen müssen.
Friedrich Gammer ist 19 Jahre alt und wohnt in Ebenthal. In der Osternacht hat er in diesem Jahr die Taufe und Firmung empfangen und seine Erstkommunion gefeiert.
Autor:Carina Müller aus Kärnten | Sonntag |
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