Eine mehr als 1000 Jahre alte Tradition
Fastentücher in Kärnten

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Bis zum Osterfest sind es nur mehr zwei Wochen.
Seit langer Zeit verhüllen Tücher während der Fastenzeit Altäre in den Kirchen. Jetzt ist die passende Zeit, sich näher mit Ursprung und Bedeutung der Fasten- bzw. Hungertücher auseinanderzusetzen.
von Katja Schöffmann

40 Tage Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern – Zeit der Fastentücher. Von andächtig-schlicht bis bunt und modern reicht die Palette dieser Kunstwerke, die in Europa eine über tausendjährige Tradition haben. Das älteste Fastentuch Kärntens hängt im Dom zu Gurk. Es stammt aus dem Jahre 1458 und wird heuer 563 Jahre alt.
Über 1.000 Jahre Entwicklung
Die Geschichte des Fastentuches ist viele Jahre alt. Das Gurker Fastentuch zählt zu den ältesten in Österreich noch erhaltenen Fastentüchern. Gemalt wurde es von Meister Konrad aus Friesach. Es besteht aus 108 Bibelszenen in 99 Bildfeldern. Es zählt zu den besterhaltendsten Fastentüchern in Europa.
„Zuerst waren es Bilderbibeln“
Roland Stadler, Leiter des Referates für Tourismusseelsorge der Diözese Gurk, erzählt von den Anfängen der Tradition der Fastentücher: „Ursprünglich gab es sie in ganz Europa. Vor dem 12. Jahrhundert ist vor allem in den Klösterkirchen die ‚Apsis‘ verhängt worden.“ Später im 13. Jahrhundert „ist es dann zum Verhängen des Altarbereiches in den Klöstern und Pfarrkirchen gekommen“, weiß Stadler. Es wird angenommen, dass die Fastentücher ihren Ursprung in England haben und danach über Frankreich und Deutschland bzw. Italien nach Österreich gekommen sind. Stadler berichtet: „In der Romanik ist es v. a. darum gegangen, Christus zu verhängen. Er war in dieser Epoche meist als siegreicher König mit Königskrone dargestellt. Das ist in Spannung gekommen mit dem Gedanken der Passion und des Leidens. So hat man ihn in der Fastenzeit verhängt.“
Später wurde während der Fastenzeit bereits der gesamte Altarraum mit Tüchern verhängt. Somit „haben sie sich in ihrer mehr als 1.000 Jahren alten Geschichte immer weiterentwickelt“, erzählt Stadler. In der Barockzeit war es üblich, „einzelne Fastentücher auf mehrere Altäre aufzustellen. So kam es zu Fastentuchfolgen.“ Als Menschen noch nicht lesen und schreiben konnten, versuchte man, auf den Tüchern die Heilsgeschichte in Bildern zu vermitteln. „Zuerst waren es Bilderbibeln“, so Stadler.
Tiefe religiöse Bedeutung
Sinn und Inhalt der Tücher standen immer schon im Zentrum. Stadler weiß: „Am Anfang war das Alte und das Neue Testament auf den Bildern ungefähr gleich stark vertreten. Man wollte die gesamte Heilsgeschichte – von der Erschaffung der Welt bis hin zur Auferstehung – zeigen.“ Mit den Jahren ist der Fokus immer stärker auf die Passion – die Leidensgeschichte Jesu – reduziert worden. In den Fastentuchfolgen gab es „oft nur mehr die Ölberg-Szene, die Geißelung, die Dornenkrönung und die Kreuzigung zu sehen“, so Stadler.
Allen Fastentüchern ist gemeinsam, dass sie „auf das erlösende Handeln Gottes in der Menschheitsgeschichte hinweisen möchten“, erklärt Stadler. Mit der Zeit gab es viele Szenen zu sehen, was für die Kirche einen dekorativen Zweck hatte. „Durch das ‚Augenfasten‘ konnte man das Gewohnte durchbrechen“, erzählt Stadler. Andachtsbilder „stellen das Leiden Christi in den Vordergrund. Durch das Betrachten zeigte man Dankbarkeit dem Erlöser gegenüber.“
Vielfalt: Materialien und Typen
Ursprünglich wurde für die Tücher Leinen verwendet, auf das mit Tempera- oder Ölfarben gemalt wurde. Zeitgenössische Fastentücher aus dem 20. und 21. Jahrhundert „werden mit Digitaldruck hergestellt. Dabei wird auf eine Plastikfolie direkt mit dem Computer aufgedruckt“, so Stadler. Monika Suntinger erzählt: „Beispielsweise im 17. Jahrhundert in Deutschland war der Kreuzstich beliebt – z. B. in Nordrhein-Westfalen.“ Ein Beispiel ist das Telgter Hungertuch mit gestickten Feldern aus dem Jahre 1623. Suntinger: „Bei uns sind sie erst durch Trachenfrauen und als Handarbeit durch Frauengruppen aufgekommen.“ Stadler ergänzt: „Interessanterweise hat sich das Brauchtum der Fastentücher nur in Kärnten und Nordrhein-Westfalen erhalten.“ Neben dem Zentraltyp gibt es u. a. den Feldertyp und Kinderfastentücher. Suntinger erzählt: „Religionslehrer arbeiten oft als Projekt verteilt das ganze Jahr über mit ihren Schülern an einem Fastentuch.“
Jede Woche ein neues Porträt
Auf www.kath-kirche-kaernten.at/fastentuch gibt es eine Fülle an Hintergrundinformationen und Bildern zum Thema Geschichte und Entwicklung des Fastentuches. Dazu gibt es ein Register mit allen Fastentüchern Kärntens zum Download. Jede Woche während der Fastenzeit stellt das Referat für Tourismusseelsorge ein Fastentuch-Porträt online. Zu finden ist dieses auf www.kath-kirche-kaernten.at/tourismus sowie auf der Facebook-Seite des Referates.

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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