Prim. Bernd Lamprecht im Gespräch
Österreichs Weg ist erfolgreich

Herr Primarius Lamprecht, wie erleben Sie die Corona-Krise als Arzt?
Lamprecht: Als Arzt fühlte und fühle ich mich in dieser Zeit besonders gefordert, einerseits in medizinischer Hinsicht und andererseits auch in organisatorischer Hinsicht, weil es ja herausfordernd gewesen ist, die Versorgung von Covid-19 Patienten mit einem zumindest weitgehend erhaltenen Normalbetrieb eines Krankenhauses in Einklang zu bringen.

Was ist konkret Ihre Aufgabe in der Corona-Zeit als Facharzt der Lungenheilkunde?
Lamprecht: Gemeinsam mit meinem Team der Klinik für Lungenheilkunde war und bin ich verantwortlich für die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit bestätigter Covid-19 Erkrankung. Da in vielen Fällen dieser Erkrankung Symptome und Beschwerden seitens der Atemwege und der Lunge im Vordergrund stehen, sind hier insbesondere Fachärzte für Lungenheilkunde gefordert.

Wie stehen Sie zur aktuellen Debatte, dass Blutplasma von einmal Infizierten angewendet wird? Kann das eine Lösung sein?
Lamprecht: Die Verwendung von Rekonvaleszenten-Plasma im Sinne einer passiven Immunisierung, also die Übertragung von Antikörpern, die ein genesener Patient gebildet hat, ist eine von mehreren Therapiemöglichkeiten, welche insbesondere in kritischen Fällen und in Ermangelung anderer wirksamer Medikamente in Betracht gezogen werden kann.
Wie betrachten Sie die Aussicht auf einen baldigen Impfstoff für Covid-19?
Lamprecht: Persönlich bin ich optimistisch, dass eine Impfstoffentwicklung gegen das Corona Virus SARS-CoV-2 gelingen wird. Allerdings nehme ich an, dass ein wirksamer Impfstoff wohl nicht vor dem Jahr 2021 zur Verfügung stehen wird.

Wenn sich die Österreicher so gut an die Maßnahmen halten, wird es dann im Herbst oder Winter keine neue Corona-Welle mehr geben?
Lamprecht: Die absehbare Problematik des kommenden Herbstes und Winters besteht einerseits darin, dass sich Menschen zu dieser Jahreszeit vermehrt in Innenräumen aufhalten und dort die Einhaltung des Sicherheitsabstandes nicht so leicht fällt wie im Freien. Andererseits treten im Herbst und Winter gehäuft andere Virusinfekte auf, welche die Zuordnung typischer Beschwerden zu einem bestimmten Krankheitsbild erschweren. Aus meiner Sicht wäre es hilfreich, wenn sich eine größere Anzahl als in den vergangenen Jahren für eine Impfung gegen Influenza entscheiden würde, weil damit zumindest stärkere Belastungen des Gesundheitssystems durch eine Grippewelle verhindert werden könnten.

Denken Sie, dass es nach der Corona-Krise zu einem Umdenken in unserer Gesellschaft kommen wird? Vielleicht wird das Klima in Österreich dann ein wenig wärmer?
Lamprecht: Die Betonung der Achtsamkeit und das Erkennen der Notwendigkeit von Rücksichtnahme auf besonders gefährdete Gruppen können meines Erachtens durchaus auch Denkanstöße innerhalb unserer Gesellschaft ermöglichen.

Wie wird diese Entwicklung demnächst in Europa, speziell in Italien und Großbritannien, weitergehen? Hat man Ihrer Meinung nach hier Fehler begangen oder wird man aus diesem drastischen Phänomen eine gute Lehre ziehen?
Lamprecht: Viele europäische Länder hatten sehr unterschiedliche Voraussetzungen, mit denen sie in diese Herausforderung hineingegangen sind. Hier sind Unterschiede in der Vorwarnzeit ebenso wichtig wie Unterschiede in der Konfiguration des Gesundheitssystems, aber auch gesellschaftspolitische Entscheidungen, welche in manchen Ländern restriktivere Vorgehensweisen als in anderen herbeigeführt haben. Eine abschließende Beurteilung, was der beste Weg gewesen ist, wird erst im Nachgang möglich sein. Aus heutiger Sicht halte ich den österreichischen Weg bislang für erfolgreich.

Darf man Covid-19 mit der Spanischen Grippe am Ende des Ersten Weltkrieges vergleichen – wie dies häufig geschieht?
Lamprecht: Dieser Vergleich ist letztlich nicht sinnvoll möglich, weil die Gesundheitssysteme von 1918 mit denen des Jahres 2020 nicht vergleichbar sind und auch die Lebensumstände heute in Europa völlig anders sind als unmittelbar gegen Ende des Ersten Weltkriegs.

Sie waren einer der jüngsten Primarien in Österreich. Wie kommt man so weit? Was würden Sie sich für das Gesundheitswesen in unserem Land wünschen?
Lamprecht: Wichtig ist Freude an der Arbeit, dies ermöglicht auch eine vernünftige Work-Life-Balance, weil dann Work und Life nicht als zwei Gegenpole zu verstehen sind, sondern erfüllende Arbeit eben auch ein wertvoller Teil des Lebens ist. Für unser Gesundheitssystem wünsche ich mir, dass es weiterhin zu den besten der Welt gehören möge, dazu kann es aber nicht bleiben, wie es ist, sondern muss sich ständig weiterentwickeln und anpassen, also Veränderungen zulassen und darin enthaltene Chancen nützen.

Sind Sie persönlich in einer Weise religiös?

Lamprecht: In der römisch-katholischen Kirche habe ich als Ministrant, Lektor und Pfarrgemeinderat viel gelernt. Aus dem Glauben schöpfe ich Kraft.

Wie stehen Sie zu Verschwörungstheorien und Falschmeldungen zu Corona im Netz?
Lamprecht: Ich orientiere mich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und betone, dass diese nur durch weitere wissenschaftliche Erkenntnisse, aber nicht durch Verschwörungstheorien und Falschmeldungen widerlegt werden können.

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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