Ein brisantes Thema
Leihmutterschaft: Tabu, Segen, Geschäft?

Foto: Pixabay/cparks

Leihmutterschaft: Ein Thema mit so vielen Facetten, dass es lieber verdrängt wird. Trotzdem kommen wir nicht umhin, uns damit auseinanderzusetzen. von KAP/KNA/gh

Die Nutzung einer Leihmutter aus den USA durch den inzwischen zurückgetretenen Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn hebt das komplexe Thema, das nicht nur in Deutschland viele Menschen bewegt, in den Fokus der Öffentlichkeit. Was auf der einen Seite die Erfüllung des Kinderwunschs ermöglicht, überschreitet auf der anderen Seite viele Grenzen, die für die Gesellschaft bisher tabu waren. Hier verschiedene Stimmen dazu.

Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio sieht die Praxis der Leihmutterschaft generell kritisch. Sie berge die Tendenz, die Mutter „auf ihre austragende Funktion zu reduzieren, sie selbst zu einem Objekt zu machen“, sagte Maio der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA. Zugleich sei das Kindeswohl berührt. Bei der Leihmutterschaft werde von vornherein ein Abbruch der in der Schwangerschaft entstandenen Verbindung zwischen Leihmutter und Kind programmiert, sagte Maio. „Das heißt, dass dem Kind ein Beziehungsbruch zugemutet wird“, der etwas Traumatisierendes habe.

Als Leihmütter werden Frauen bezeichnet, die für die Dauer einer Schwangerschaft ihre Gebärmutter sozusagen „verleihen“, um für eine andere Person ein Kind zu gebären. Das ist in Österreich wie auch in vielen anderen Ländern verboten oder stark eingeschränkt. In Deutschland verbietet das Embryonenschutzgesetz jede ärztliche Leistung, die eine Leihmutterschaft ermöglichen würde, und stellt diese unter Strafe. Ebenfalls ist die Vermittlung von Leihmüttern verboten.

Der Ethiker widersprach der These, dass der Abbruch der Beziehung direkt nach der Geburt bedeutungslos für das Kind bleibe. Dagegen sprächen empirische Befunde, die belegten, „dass sich das Kind vorgeburtlich an die Stimme und Sprache der Mutter gewöhnt und diese nach der Geburt wiedererkennen kann“.

Selbstverwirklichung oder Ausbeutung
Und noch etwas sei zu bedenken: Werde das Kind zum Gegenstand einer kommerzialisierten Vereinbarung, werde es „implizit auf eine Ware reduziert“. Was es also zu vermeiden gelte, sei die Zulassung einer Praxis, „die in die Nähe von Kinderhandel rückt und in der es zu einer Degradierung des Kindes zum Objekt kommt“. Die Grenze des Vertragsrechts verlaufe dort, „wo das Kind zu einer Erwerbsquelle herabgewürdigt wird“. Das unterstreicht auch der deutsche Theologe und Ethiker Andreas Lob-Hüdepohl mit Hinweis auf den diesbezüglichen UN-Sonderbericht, der vergangenes Jahr darauf hingewiesen hat, dass Leihmutterschaft Kinder und Frauen zu Ware reduziere, soziale Ungleichheiten nutze und finanziell benachteiligte Frauen ausbeute.
Kritisch hat sich ebenfalls Martina Kronthaler, Generalsekretärin von Aktion Leben Österreich, geäußert. „So viele Kinder bräuchten dringend liebevolle Eltern. Was wäre es für ein Zeichen gewesen, hätten Unions-Chef Jens Spahn und sein Partner ein bereits geborenes Kind in Not angenommen“, sagte sie am Freitag auf Anfrage der Zeitung „Die Furche“. Leihmutterschaft dagegen bedeute „Verletzung der Rechte von Frauen und Kindern“, so Kronthaler.

Kinderwunsch und Alternativen
Der Wunsch nach einem eigenen Kind sei zutiefst menschlich und verdiene Respekt sowie gesellschaftliche Unterstützung, sagte der Chef des deutschen katholischen Osteuropahilfswerks Renovabis, Thomas Schwartz, der KNA und fügte mit Blick auf Osteuropa hinzu, insbesondere in der Ukraine habe sich Leihmutterschaft zu einem bedeutenden Geschäftsfeld entwickelt. Dieses beruhe häufig auf erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Ungleichgewichten zwischen den Wunscheltern und den Frauen, die ein Kind austragen.
Auch die „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA) kritisierte Leihmutterschaft als „menschenrechtswidrige Praxis“. ALfA ist nach eigener Darstellung ein von politischer und religiöser Anschauung unabhängiger Verein mit rund 11.000 Mitgliedern, der für das uneingeschränkte Lebensrecht jedes Menschen eintritt. „Wird ein Kind über Agenturen bestellt, vertraglich organisiert und anschließend über Ländergrenzen hinweg übergeben, wird es faktisch wie ein Produkt behandelt – unabhängig davon, wie sehr es später subjektiv geliebt wird“, so Kaminski weiter. Für ein solches Kind würden Frauen als „Eizelllieferantinnen und Vermieterinnen ihrer Gebärmutter“ eingesetzt. Ihr Körper werde über Monate kontrolliert, ihre Lebensweise vertraglich festgelegt, ihre Beziehung zum Kind von vornherein ausgeschlossen.

Olivia Maurel, selbst von einer Leihmutter geborene französische Aktivistin, weist darauf hin, dass die Fremdaustragung in der Regel über Kinderwunschagenturen, die auf Leihmütter in wirtschaftlich benachteiligten Ländern zurückgreifen, praktiziert wird. Der Wirtschaftszweig rund um diese Reproduktionstechnik wachse.
Die austragenden Frauen würden „entmenschlicht und zu Brutkästen reduziert“, mit Verlust aller Rechte und Kontrolle ihres Körpers durch die Auftraggeber, so Maurel. Meist handelten sie aus finanzieller Notlage, „sie stehen faktisch vor der Wahl zwischen Prostitution und Leihmutterschaft, um ihre Familie zu ernähren“. Verträge untersagten ihnen, während der Schwangerschaft zu reisen, nach eigenen Vorlieben zu essen, oft auch, Medikamente selbst gegen Kopfschmerzen einzunehmen oder Geschlechtsverkehr mit dem Ehemann. Offen auch, was geschieht, wenn sich das Kind anders als „bestellt“ entwickelte. Von den bis zu 200.000 Euro, die Auftraggeber für ein Kind bezahlen, bekämen die Frauen maximal 20 Prozent, der Rest gehe an die Agentur, Kliniken, Anwälte und Unterkunftsgeber.

Autor:

Sonntag Redaktion aus Kärnten | Sonntag

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