Projekt „Ewiges Leben“
„Don‘t Die“ auf Netflix: Der seltsame Fall des Bryan Johnson

Foto: protocol.bryanjohnson.com

Zwei Millionen Dollar investiert US-Unternehmer Bryan Johnson pro Jahr in seine Gesundheit. Sein Ziel: Er will nicht sterben. Ein Film gibt nun Einblicke in sein Experiment – und zeigt unterschwellig, worauf es im Leben wirklich ankommt. von Alexandra Hogan

Er ist so alt, wie die Menschheit selbst: der Traum vom ewigen Leben. In den USA hat ein Mann es sich zum Lebensziel gemacht, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Bryan Johnson kommt eigentlich aus der Techbranche. Mit der Firma „Braintree“ schaffte es der Entrepreneur, zum Multimillionär aufzusteigen.
Doch dem Unternehmer wurde es mit der Zeit zu viel: Seine Gesundheit litt, die Ehe war ein Scherbenhaufen und Suizidgedanken quälten ihn. Der Mann aus Utah verkaufte seine Firmenanteile, ließ sich von seiner Ehefrau scheiden, zog nach Kalifornien und begann, seine gesamte Existenz auf das Thema Gesundheit auszurichten. Diese ist nun sein Lebensinhalt.

Rigoroses Protokoll
Ein Filmteam begleitete ihn ein Jahr lang bei seinem Bestreben, den Fängen des Todes zu entkommen. Heraus kam die Dokumentation „Don‘t Die [dt.: Stirb nicht]. Der Mann, der unsterblich sein will“, verfügbar auf der Streamingplattform Netflix. Darin zu sehen: nicht nur der Versuch, den Alterungsprozess zu verlangsamen, sondern sogar rückgängig zu machen.

Die medizinischen Werte des 47-Jährigen sind im Internet nachverfolgbar, damit die Öffentlichkeit sehen kann, welche Maßnahmen von Erfolg gekrönt sind. Zusammengefasst ist sein Lebensstil im „Blueprint“ Protokoll. Damit möchte er Menschen dazu motivieren, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen und die eigene Lebensspanne zu verlängern. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt Johnson auf die Säulen Schlaf, Ernährung und Sport. Zu seinem Alltag gehören 54 Tabletten am Morgen, eine strikt vegane Ernährung mit der letzten Mahlzeit um 11 Uhr vormittags, sechs Mal pro Woche 60 Minuten Sport. Um 20.30 Uhr gehen im Hause Johnson die Lichter aus; dann ist für den Mann aus Utah Schlafenszeit. Auf der Suche nach dem ewigen Leben bedient sich der Unternehmer auch ungewöhnlicher Mittel. So kann der Zuschauer ihn dabei beobachten, wie er einen Teil seines Blutplasmas durch das seines Sohnes Talmage austauschen lässt, während sein Vater Richard Bryans ursprüngliches Plasma erhält. Das Kamerateam hält auch eine Reise nach Honduras fest, wo der Anti-Aging-Fanatiker eine Gentherapie-Injektion erhält, die in den Vereinigten Staaten nicht zugelassen ist.

Bewegung rund um „Don‘t Die“
Überhaupt zeigt Netflix vieles, was Bryan Johnson zu dem Mann gemacht hat, der er ist: Zu hören sind Erzählungen über den Vater Richard, der unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol in Bryans Kindheit größtenteils abwesend war. Auch das Heranwachsen in der mormonischen Kirche mit ihren engen Grenzen und der Ausbruch daraus werden thematisiert. Dass er seine Gesundheit stattdessen zur Religion und sich quasi zum Sektenführer gemacht hat, darüber spricht Johnson offen. Inzwischen gibt es eine ganze „Don‘t Die“- Bewegung, die sich dem Streben nach dem ewigen Leben verschrieben hat. „Longevity“, also das Bemühen um Langlebigkeit, liegt im Trend. Doch bei all den Fans ist es offensichtlich, dass der Amerikaner sich auf dem Dating-Markt schwer tut. Denn daran, an seiner restriktiven Lebensweise zugunsten einer Beziehung etwas zu ändern, ist er nicht interessiert. So stellt sich unweigerlich die Frage: Was bringt einem ein langes Leben, wenn man sich so sehr einschränkt, dass man dadurch Beziehungen fundamental einschränkt?

Brauchbare Daten?
Insgesamt erinnert Johnsons Narrativ an die bekannte Kurzgeschichte „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ von F. Scott Fitzgerald, in dem der Protagonist auf unerklärliche Weise rückwärts altert, bis er schließlich wieder zum Baby wird. In „Don‘t Die“ erklärt Johnson anhand verschiedener Biomarker stolz, dass er es geschafft habe, seinen Körper um fünf Jahre zu verjüngen. Die Geschwindigkeit, mit der er altert, konnte er reduzieren: Pro Jahr altert sein Körper nur um knapp acht Monate. Die Kosten für seine Gesundheit belaufen sich derweil jährlich auf ca. zwei Millionen US-Dollar.

Dass seine durch ständige medizinische Tests erhobenen Daten wissenschaftlich verwertbar und damit der Allgemeinheit dienlich sind, ist allerdings anzuzweifeln. Bei Hunderten von Maßnahmen ist es schwer nachzuvollziehen, welche Interventionen wirklich positive Auswirkungen haben – es bräuchte also wissenschaftliche Studien. Für diese lässt Johnson allerdings kein Geld springen.
Angenommen, Bryan Johnson lebt tatsächlich um einiges länger als üblich oder gar für immer – was möchte er mit der gewonnen Zeit machen? In der Dokumentation ist seine Antwort klar: „Ich wünsche mir wirklich, mehrere Leben mit meinem Sohn zu haben. 100 Jahre werden nicht genug sein.“ Es ist offensichtlich, dass der Anti-Aging- Guru und sein Sohn Talmage eine innige Verbindung haben. Man möchte vielleicht so weit gehen zu sagen, dass der Vater auf den Sohn fixiert ist.

Auf ihre Beziehung angesprochen, sagt Bryan Johnson: „Talmage sieht mich als sein zukünftiges Selbst, und ich sehe Talmage als mein vergangenes Selbst.“ Es drängt sich der Gedanke auf, dass seine Fixierung auf den Sohn vielleicht von der Abwesenheit des eigenen Vaters in der Kindheit herrührt – und dem Wunsch, bei seinem Sohn die eigenen Wunden zu kompensieren.

Neues Bewusstsein
Seit Veröffentlichung von „Don‘t Die“ musste der Unternehmer einiges an Kritik einstecken. Ein Geschäftemacher sei er (seine Firma „Blueprint“ vertreibt Nahrungsergänzungsmittel etc.), ethisch skrupellos (siehe Plasmatransfusion seines Sohnes). Für einen Normalverdiener sei sein Lifestyle und damit der Griff nach einem überdurchschnittlich langen und gesunden Leben unerschwinglich.
Gleichzeitig ist es schwierig, den Bryan Johnson nicht sympathisch zu finden. Der offene Umgang mit seiner Vergangenheit macht ihn nahbar. Mit der Netflix-Doku hat er es zudem geschafft, vor allem unter jungen Leuten ein neues Gesundheitsbewusstsein zu wecken. Und auch, wenn man selbst nicht auf den Longevity-Zug aufspringt, so bringt der Film doch ins Grüblen: darüber, dass wir vielleicht zu nachlässig mit unserem Leben umgehen. Und darüber, dass wir es unseren Kindern und Enkeln schuldig sind, möglichst gesund zu altern. Vielleicht geht es in „Don‘t Die“ letzten Endes nicht darum, ewig zu leben, sondern darum, was dem Leben wirklich Sinn gibt.

Autor:

Carina Müller aus Kärnten | Sonntag

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ