Projekt Hippy Kärnten
Bildung und Integration: ein Zugang von Herz zu Herz
- hochgeladen von Carina Müller
Wie Integration auf Augenhöhe gelingt, zeigt das Bildungsprogramm HIPPY: Es stärkt Kinder im Vorschulalter – und ihre Eltern gleich mit. Ein Blick auf jene Frauen, die Familien dabei begleiten, über sich hinauszuwachsen. von Alexandra Hogan
Wenn Merje Platzer über ihre Arbeit spricht, wird schnell klar: Hier geht es um mehr als nur Sprachförderung. Es geht um Teilhabe, Vertrauen und gemeinsames Wachsen. Seit 2024 ist Platzer Koordinatorin des Bildungsprogramms HIPPY in Kärnten. „Ich kann mir vorstellen, wie wunderbar so ein Programm vor 20 Jahren für mich gewesen wäre“, erzählt die gebürtige Estin.
2.300 Hausbesuche im Jahr
HIPPY steht für „Home Instruction of Parents and Preschool Youngsters“ – ein ursprünglich israelisches Konzept, das mittlerweile weltweit erfolgreich umgesetzt wird. Im Jahr 2012 brachten der heutige Caritas-Direktor Ernst Sandriesser, die ehemalige Leiterin des Katholischen Bildungswerkes Dolma Breunig und Edith Pergelier, Verwalterin im Bereich Rechnungswesen der Diözese, das Programm nach Kärnten.
„Unsere Arbeit hat zwei Standbeine“, erklärt Platzer. Einerseits statten fünf Trainerinnen den teilnehmenden Familien jährlich rund 2.300 Hausbesuche ab. Sie bringen altersgerechtes Material mit – Bücher, Spiele, Bastelanleitungen –, zeigen den Müttern, wie sie mit ihren Kindern täglich eine Viertelstunde aktiv lernen und spielen können.
Dabei geht es nicht um pädagogische Hochleistungsförderung, sondern um spielerisches Lernen und die Vermittlung von Werten und Freude an Bildung. „Am meisten freue ich mich in meiner Arbeit darüber, die Fortschritte der Kinder zu sehen“, erzählt HIPPY-Trainerin Fatemeh Kavehnezhad. „Besonders schön finde ich, dass ich dabei helfen kann, die Beziehung zwischen den Müttern und ihren Kindern zu stärken.“
Die zweite Säule des Programms sind Gruppentreffen. Hier lernen sich die Mütter kennen, tauschen sich aus und nehmen an Workshops teil: von gesunder Ernährung über Medienerziehung bis hin zu intuitivem Malen. „Eine Mutter aus Afghanistan war zum ersten Mal in ihrem Leben künstlerisch tätig – und so begeistert, dass sie sich anschließend gleich Pinsel und Farben zulegte, um mit ihren Kindern weiterzumalen“, erzählt Platzer.
Verständigung auf Augenhöhe
Alle Trainerinnen haben selbst Migrationshintergrund. Viele sprechen die gleiche Muttersprache wie „ihre“ Familien – ob Farsi, Serbo-Kroatisch, Arabisch oder Ukrainisch. „Es ist ein Zugang auf Augenhöhe. Von Mutter zu Mutter, von Herz zu Herz“, so Platzer.
„Ich bin seit 13 Jahren im HIPPY-Projekt tätig und jedes Mal aufs Neue beeindruckt, wenn Eltern von den positiven Veränderungen in ihrer Familie berichten“, berichtet Dragana Vojinovic. Besonders berühre sie das gewachsene Selbstbewusstsein der Mütter – nicht zuletzt durch ihre verbesserten Deutschkenntnisse. Genau diese eröffnen den Frauen neue Möglichkeiten, denn wer Deutsch kann, tut sich leichter in Sachen Führerschein, Elternsprechtage und Jobinterviews und integriert sich somit leichter in die Gesellschaft.
Familien wachsen zusammen
Dass sich die Kinder sprachlich und motorisch positiv entwickeln, lässt sich vor allem im Alltag beobachten: Sie lernen, sich besser auszudrücken, werden geschickter oder entdecken ihre Liebe zu Büchern. Auch das Familienleben verändert sich. „Viele Eltern entdecken erstmals, wie schön es ist, bewusst Zeit mit dem Kind zu verbringen. Eine Gute-Nacht-Geschichte, Vorlesen und Spielen sind nicht in allen Familien eine Selbstverständlichkeit“, erklärt Platzer.
Mitarbeiterin Tanja Eberhard erzählt: „Ich arbeite sehr gerne als HIPPY-Trainerin, weil ich immer wieder schöne Lernerfolge sehe. Durch meine Arbeit kann ich außerdem viele Familien bei der Integration begleiten und sie auf ihrem weiteren Lebensweg unterstützen.“
Ihre Kollegin Alma Velic fasst es so zusammen: „Das Projekt fördert nicht nur die schulischen Fähigkeiten der Kinder, sondern auch ihre persönliche Entwicklung – ebenso wie die der Eltern. Sie wachsen spürbar, insbesondere im sozialen Miteinander und im Umgang mit ihrer neuen Umwelt.“
Kleine Impulse für jeden Tag
Auch Deyaa Kayyali betont: „Die Werte und Ziele des Projektes stimmen mit meinen eigenen überein – es stärkt Familien und entwickelt die Fähigkeiten der Kinder.“ Sie alle eint die Erfahrung, wie sich Familien durch kleine tägliche Impulse langfristig verändern. Manche Väter sind anfangs dem Programm gegenüber skeptisch, doch oft überzeugt die Entwicklung der Kinder sie schließlich. Und wer sein Kind wachsen sieht, beginnt auch, selbst zu wachsen.
Dragana Vojinovic sieht es als Privileg, ihm Zuge des Projektes als Trainerin arbeiten zu können: „Ich bin sehr dankbar, hier nicht nur zur positiven Entwicklung einzelner Familien, sondern auch zu einem friedlicheren und stärkeren gesellschaftlichen Miteinander beitragen zu dürfen.“
Gelebte Nächstenliebe
In Kärnten liegt die Trägerschaft bei der Diözese Gurk – eine Tatsache, die mehr als nur Rahmenbedingung ist: „Die Werte, die wir leben – Respekt, Bildung, Würde – sind zutiefst christlich. Dass wir Menschen aus allen Religionen oder auch ohne Bekenntnis willkommen heißen, das ist gelebte Nächstenliebe“, sagt Projektkoordinatorin Platzer. Kirche als Ort der Integration: nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret.
Besondere Anerkennung für die Arbeit bekam das Team im vergangenen Jahr: 2024 ging der Integrationspreis des Landes Kärnten an HIPPY. Für die Mitarbeiterinnen bestätigte sich damit: Integration beginnt mit Begegnung. Und nicht selten reichen 15 Minuten Zeit am Tag und ein Bilderbuch, damit ein Kind in einer neuen Welt ankommen kann – und eine Mutter sich zum ersten Mal als Gestalterin ihres eigenen Lebens erlebt.
Autor:Carina Müller aus Kärnten | Sonntag |
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