Was uns Franziskus heute sagt 3/4
Wer wäre nicht gerne perfekt!
- Die Ordenstracht verbindet sie, doch jeder Kapuziner ist einzigartig – und unvollkommen. Nur gemeinsam können sich die Brüder der Vollkommenheit annähern, entdeckte Franziskus.
- Foto: Kapuziner/Anita Ledersberger
- hochgeladen von martinus Redaktion
Oder: Können wir vollkommen sein?
Perfektion ist ein Thema unserer Zeit. Wir wären alle gerne perfekt – also schön und durchtrainiert, leistungsfähig, intelligent und erfolgreich. Aber offensichtlich treibt diese Sehnsucht nicht nur gegenwärtig Menschen an. Auch zu anderen Zeiten war das Streben nach Vollkommenheit wichtig, selbst im religiösen Leben. Von Franziskus wird erzählt, dass er oft darüber nachgedacht habe, wie wohl ein vollkommener, ein „perfekter“ Christ oder eine vollkommene Christin sein müsste. Franz war ein Mensch, dem Mittelmaß nie gereicht hat. Er wollte die Dinge immer ganz machen, radikal sein, vollkommen eben. Deshalb trieb ihn diese eigenartige Frage um: Was ist nötig, um Gott ganz und gar zu gefallen? Mit welchen Eigenschaften und Tugenden sollte ein „vollkommener Bruder“, der er gerne gewesen wäre, geschmückt sein?
FEHLERLOS DURCH EINSIEDELEI?
Vermutlich hatte er sich einiges dazu überlegt und in sein Leben übersetzt: Ein in Gottes Augen vollkommener Mensch müsste völlig selbstlos sein, auf eigene Bedürfnisse verzichten, nur die anderen im Blick haben. Es wird erzählt, dass Franziskus es nicht aushalten konnte, einen Bettler am Wegesrand noch ärmlicher gekleidet zu sehen als sich selbst. Dann verschenkte er kurzerhand seinen ohnehin schon mehrfach geflickten Habit, und die Brüder hatten nicht selten Mühe, ihm zügig eine andere Bekleidung zu organisieren. Vermutlich hat er auch viel über das Gebet nachgedacht. Immerwährend sollte es sein, zum Lobe Gottes allzeit bereit. Diese Praxis hat er nach Kräften auch gelebt. Für ihn war bedeutsam, sich regelmäßig im Jahr für mehrere Wochen zurückzuziehen, in Einsiedeleien oder Höhlen, um sich ganz auf die Gegenwart Gottes einlassen zu können. Aber war es das? Wurde jemand dadurch wirklich zum „vollkommenen“ Menschen in den Augen Gottes? Offenbar kamen ihm daran Zweifel, und er grübelte lange weiter.
NUR GEMEINSAM KÖNNEN WIR VOLLKOMMEN SEIN
Die Auflösung, von der die alten Quellen berichten, überrascht nicht nur uns. Franziskus findet die Antwort auf seine Frage in dem Moment, in dem er in die Runde seiner konkreten Brüder schaut. Auf einmal weiß er: Der vollkommene Bruder hat den Glauben von Bruder Bernhard, die Einfachheit von Bruder Leo, die Höflichkeit von Bruder Angelo und die Schönheit von Bruder Masseo. Die Klugheit von Bruder Ägidio, die Ausdauer im Gebet von Bruder Rufino, ja wahrhaftig, den wohltuenden Schalk von Bruder Junipero, die Kraft von Bruder Giovanni, die Liebe von Bruder Rogerio und selbst den unruhigen Geist von Bruder Lucido. Es fällt Franz wie Schuppen von den Augen: Der vollkommene Bruder, die vollkommene Schwester, das können wir nur gemeinsam sein! Niemand kann in Gottes Augen alleine vollkommen sein. Wir brauchen einander, um zu dieser Ganzheit zu finden. Ohne einander fehlt nicht nur uns etwas, sondern auch Gott. Er hat seine Freude an uns allen gemeinsam.
Buchtipp: Bruder Feuer und Schwester Licht – Franz und Klara von Assisi, Zwei Lebensgeschichten im Dialog. Von Martina Kreidler-Kos und Nikolaus Kuster OFMCap, Patmos 2026, 376 Seiten, Euro 23,95
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.