Fasten2021 | Teil 05
Rache

Ist Rache süß oder bitter?

Wie viel Rache ist gesund, welche Rache führt zu weiteren Vergeltungen, wie lassen sich Rachegefühle bewältigen? Rache steht im engen Zusammenhang mit Schuld und Schuldgefühlen und ist das Gegenteil von Vergebung.

Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr.“ Kein anderes Zitat regt mehr zum Nachdenken über das Wesen der Rache an, über ihre theologische und psychologische Bedeutung, ihre Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit, als dieses Wort aus dem Alten Testament (Deuteronomium 32,35).

Ist Rache eine Sünde, wenn sie selbst Gott für sich beansprucht, eine zulässige Reaktion auf schuldhaftes Verhalten? Befriedigt oder bedrückt sie uns mehr, ist sie nur böse, oder hat sie auch gute Seiten, muss man sie gar als krankhaft bezeichnen? Wie schwer wir uns mit der Rache tun, zeigt die Unterschiedlichkeit, mit der wir sie beschreiben. Wir charakterisieren sie als verständlich und verwerflich, als heilig und teuflisch, als heldenhaft und verbrecherisch oder als süß und bitter. Rache gibt uns Genugtuung und ruft gleichzeitig ein schlechtes Gewissen hervor. Sie strebt nach Ausgleich und führt zu neuen Konflikten, sie will Gerechtigkeit und schafft neues Unrecht.

Bedürfnis Rache. Wie wichtig Rache für das menschliche Wesen ist, lesen wir schon im Flehen des Psalms 94,1: „Herr, Gott, des die Rache ist, des die Rache ist, erscheine!“ (Lu-therbibel 2017). Rache gehört zur Grundausstattung der menschlichen Gefühlswelt und bestimmt unseren Alltag. Jeder kennt Rachegefühle, viele quälen sich mit Rachegedanken, manche zerbrechen daran. Nicht bewältigte Rachebedürfnisse können in Depressivität, psychosomatischen Störungen, Sucht oder Verbitterung enden.

Rachespirale. Rache und deren Überwindung ist neben der Liebe das wichtigste Thema der Kultur. Sie liefert den Stoff für Mythen und Märchen, für Dramen und Opern, für Romane und Filme. Rache beginnt bei Schadenfreude und Revanche. Sie will heimzahlen und vergelten und führt oft zu jahrelangen Fehden, ja zu Terror und Krieg. Aus psychologischer Sicht ist sie eng verbunden mit Kränkung. Denn man will sich rächen, weil man seelisch verletzt worden ist, löst aber durch Rachehandlungen beim ehemaligen Schädiger und nunmehrigen Opfer neue Kränkungsgefühle aus. Neben vordergründigen Motiven wie Eifersucht, Neid oder Ehrverletzung geht es bei Rache immer um Ausgleich und Gerechtigkeit, um Stärkung des verletzten Selbstwertgefühls und um Abwehr der Angst vor Liebesentzug.

Jeder kennt Rachegefühle, viele quälen sich mit Rachegedanken, manche zerbrechen daran.
Reinhard Haller

Rache-Monopol Gottes. Im Alten Testament, das man in der Rachethematik oft auf das „Auge-für-Auge-, Zahn-für-Zahn-Prinzip“ (Exodus 21,24) reduziert, wird die persönlich betriebene Rache verurteilt und das Recht auf Rache als Monopol Gottes betrachtet, worauf auch Paulus im Römerbrief (12,19) Bezug nimmt: „Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes.“ Gott kann sich in Ausübung seiner Königsherrschaft rächen, um die von ihm verbürgte Gerechtigkeitsordnung durch Bestrafen wieder herzustellen und den Unterdrückten zu ihrem Recht zu verhelfen.
Im Neuen Testament hingegen tritt das Gebot der Feindesliebe an die Stelle der Rache. In der Bergpredigt (Matthäus 5) heißt es: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andre hin!“ (Vers 39) und: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Vers 44). Das Durchbrechen jeglicher Schuld-Rache-Logik ist also ein Hauptteil der Botschaft Jesu.

Rachetherapie? Im Umgang mit der Rache treffen sich Psychotherapie und christliche Glaubenslehre ein Stück weit. Beiden geht es um die konstruktive Überwindung der de-
struktiven Rache. Während die biblische Antwort klar ist, stellt sich in der Psychotherapie die oft schwierige Frage, ob Rachebedürfnisse befriedigt oder übergangen werden sollen. Werden Opfer sexuellen Missbrauchs mit dem Trauma besser fertig, wenn sie den Täter einer gerechten Strafe zuführen, und bedeutet Verzicht auf Vergeltung nicht auch Verdrängen? Hat Rache dieser Art nicht auch einen gutmachenden und präventiven

Im Umgang mit der Rache treffen sich Psychotherapie und
christliche Glaubenslehre ein Stück weit.

Reinhard Haller

Aspekt?
Die Antwort ist nicht einfach, zumal es keine „Rachetherapie“ im eigentlichen Sinne gibt. Wichtig ist jedenfalls, dass die Patienten über das sprechen, was sie kränkt, dass sie ihre Rachebedürfnisse zu Wort bringen und jegliche Vergeltung differenziert betrachten. Wenn denn Rache sein muss, soll sie mit Augenmaß erfolgen und nicht durch Unverhältnismäßigkeit eine Spirale aus Kränkung, Hass und Rache eröffnen.
Die edelste Form des Umgangs mit der Rache ist aber sowohl aus religiöser als auch psychotherapeutischer Sicht das Verzeihen. Durch Verzeihen der Schuld beweist man nicht nur persönlich Stärke, Gelassenheit und Güte, sondern verzeiht auch sich selbst: indem man sich befreit von Verletztheit, Grübelei, Zwang, Depressivität – und von neuer Schuld.

Schuld und Vergebung
Serie in der Fastenzeit
Teil 5 von 7

Reinhard Haller nähert sich dem Phänomen „Schuld“ aus psychologischer Sicht, geht den Wurzeln der Schuldgefühle auf den Grund und erklärt, wie man sie überwinden kann.

Autor:

Kooperationsredaktion aus Burgenland | martinus

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