EIN_BLICK
Das Kreuz und seine Botschaft
- Gekreuzigter mit Rosshaarperücke, Maria Weinberg.
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Erwiderung und Klärung von Jozef Niewiadomski in einer zentralen Frage christlichen Glaubens
Mit der Holzhammermethode bearbeitete Peter Trummer in der Ausgabe des Martinus_ vom 19. März die zentralen Geheimnisse des christlichen Glaubens. Und verstörte dadurch viele Gläubige. Auch mir stockte bei der Lektüre des Beitrags „Jesus starb für sein gütiges Gottesbild“ öfters der Atem. Die hin und wieder verletzenden, bei einigen Details gar unrichtigen Aussagen sollen nicht unwidersprochen bleiben.
Verletzend sind zuerst die saloppen Urteile über den jahrhundertealten Glauben an die Bedeutung des Kreuzes als stellvertretende Sühne. Der Autor spricht vom „völligen Missverständnis“, vom „frommen Irrtum“, von der „verrückten Idee“, gar von „Gotteslästerung“. Mit seiner Ablehnung dieser Deutung des Todes Jesu steht er natürlich nicht alleine da.
GOTTES SOHN?
Viele Menschen tun sich schwer mit einem Gottesbild, bei dem Gott von seinem Sohn das Opfer des Todes zur Tilgung unserer Sünden fordert. Sie ringen mit diesem Gott, genauso wie Jesus im Ölgarten mit seinem Vater gerungen hat, als er betete: „Möge dieser Kelch an mir vorübergehen.“
Die Menschen ringen vor allem dann, wenn sie von einem Schicksalsschlag getroffen werden und sich fragen, warum Gott ihnen so etwas zumutet. Trummer ringt nicht mehr. Er ist sich seiner Anschauung längst sicher. Übertrifft gar seine Kritik am Sühnegedanken mit einem klaren Urteil: Jesus war kein Gottessohn! Vielmehr war er der „begnadetste Mensch“. Das Dogma von der Gottessohnschaft habe das Konzil von Nizäa auf Druck des Kaisers Konstantin beschlossen. So hat die kirchliche Tradition uns – die wir ja 1800 Jahre später leben – „völlig falsche Ideen, die eines Gottes nicht würdig sind“ aufgebürdet. Falsch sind in diesem Kontext allerdings nur die Aussagen des Autors. Sprichwörtlich geurteilt: Mit seiner Kritik an einem bestimmten Gottesbild schüttet er das Kind mit dem Bade aus. Und verabschiedet sich so mit einem Schlag vom kirchlichen Glauben.
An einem Punkt widerspreche ich dem Autor nicht. Dass Jesus „für den liebenden Gott“ gelebt hat. Mehr noch: dass er „aus Überzeugung für den bedingungslos gütigen Gott gestorben“ ist. Und dass dies von Bedeutung ist für unseren Umgang mit Schuld.
UNSER UMGANG MIT DER SCHULD
Warum ist Jesus gestorben? Leider stellt Trummer diese Frage nicht. Unsere kirchliche Antwort auf die Frage nach diesem Grund setzt bei der Karfreitagsliturgie an. Als Lesung wird dort das „Lied vom Gottesknecht“ vorgetragen. Nachdem der „Knecht“ von der Meute getötet wird, erkennen die Täter was geschehen ist und sagen: Wir meinten er sei „von Gott geschlagen“, doch im Grunde waren es wir. Gott aber „ließ ihn treffen die Schuld von uns allen“. Vom „Knecht“ sagt dieser Text, er habe sein Leben „als Schuldopfer“ (eben als „Sühne“) hingegeben. Und Gott fand Gefallen an dieser Haltung der Hingabe. Ich übersetze mir das so: Menschen machten den „Knecht“ zum Opfer. Gott ließ das zu, machte diese Viktimisierung auch nicht ungeschehen, verwandelte sie aber zu etwas Gutem. Aufgrund seiner Haltung konnten die Täter ihre Schuld einsehen. Fazit: „Er trug die Sünden der Vielen und trat für die Verbrecher ein“. Was sagt nun dieser Text über den menschlichen Umgang mit Schuld? Schuldbeladen beschuldigen wir andere, hin und wieder sogar Gott. So machen wir sie zu Opfern, waschen damit unsere Hände in Unschuld. Provozieren aber bei den Opfern oft Rachegefühle. Auch bei Gott? Genau an diesem Punkt setzt das zentrale christliche Geheimnis der Erlösung an.
JESUS, EIN SUPERMENSCH?
Jesus unterbricht Strategien zur Abschiebung der Schuld, spricht auch nicht von der Rache Gottes, bezeugt stattdessen seine vergebende Liebe. Denn nur diese macht den Neuanfang möglich. Hat er aber damit Erfolg gehabt? Nein! Er wurde mit seiner Botschaft abgelehnt und als Gotteslästerer verurteilt. Am Kreuz betete er jedoch: „Vater, vergib ihnen denn sie wissen nicht, was sie tun“. Was hat nun dieses Geschehen mit uns, die wir 2000 Jahre später leben, zu tun? Betrifft es uns nur deswegen, weil Jesus ein lieber Mensch, gar ein Supermensch, war? Der christliche Glaube steht und fällt bei der Antwort auf diese Frage mit dem Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes. Er ist demnach nicht nur der „begnadetste Mensch“, sondern ein Mensch durch den Gott selber unser menschliches Leben geteilt hat. Und dies nicht nur als einer der Mitmenschen für seine Zeitgenossen damals.
„VATER, VERGIB!“
In seiner Menschwerdung hat sich der Sohn Gottes mit jedem Menschen verbunden. So etwas kann auch der größte Superman nicht tun. Das kann nur Gott.
Nur als Sohn Gottes konnte Jesus also sagen: „Alles, was ihr dem Geringsten getan oder nicht getan habt, habt ihr mir getan.“ Aufgrund dieser seiner Identifizierung stehe ich als Täter in seiner Passion auf der Seite der Gegner Jesu. Und zwar so, wie wir das im Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ singen: „Ich habe es verschuldet, was du gelitten hast“. Er trägt meine Schuld und betet: „Vater vergib, den er/sie weiß nicht, was sie tun“. Deswegen ist auch sein Tod so etwas wie „Schuldopfer“, oder eben „Sühne“: etwas, das das Böse zum Guten wandelt. Aufgrund seiner Identifizierung bin ich aber als Opfer von meinen Sünden und fremden Untaten jemand, mit dem sich Jesus gleichsetzt. Und auch in meinem Namen um Vergebung für die Täter bittet.
Nur als Sohn Gottes kann Jesus auch mit jenen, die in die radikale Verzweiflung abstürzen, solidarisch bleiben und sie buchstäblich in die „Hölle“ ihrer Verzweiflung begleiten. Diese Identifizierung steigerte Jesus am Abend vor seinem Leiden, als er sein kommendes Geschick mit den Zeichen von Brot und Wein deutete. Und diese als „seinen Leib, der für uns hingegeben sei“ und als „sein Blut, das für uns vergossen wird“ uns allen, die wir in seinem Geschick zugleich Opfer und Täter sind, zum Essen und Trinken reicht. Damit wir das „Geheimnis des Glaubens“ regelrecht „verdauen“ und es so zum Teil unserer menschlichen Existenz machen.
JOZEF NIEWIADOMSKI, EM. UNIV.-PROF. F. DOGMATIK
Ertragen und getragen
Eine Meditation im Zugehen auf die Karwoche
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. (Viertes Lied vom Gottesknecht: Jes 53,11a)
Ich begegnete vor nicht allzu langer Zeit einem Mann, den ihr kennt, auf einer Straße, die ihr kennt. Auf ihr seid ihr schon gegangen und gefahren, hinauf und hinunter durchs Dorf. Mit ihm habt ihr schon gesprochen, vielleicht nur grüßend. Die Straße trug mich, wie ich auf ihr dahinschritt und dann bei dieser Begegnung stehen blieb. Ebenso ertrug sie den Mann mir gegenüber.
ES GEHT SCHON
Ich fragte den Mann, wie es ihm so gehe. Ich redete wie man halt so redet. Und wie floskelhaft es scheint, muß es gar nicht sein. Er fühle sich ... – nein, so schnell sagte er das gar nicht, sondern zuvor, dass es schon gehe. Das ist die uns wohlbekannte und von uns oft vorgeschobene verlegene Antwort, wenn man über etwas nicht sprechen will. Diese Antwort ist lauwarm und schal, schmeckt gar nicht gut. Mir ekelt vor diesem Gefühl, vor der Situation, die ich so gut kenne, wenn auch ich so sage und nicht zu sagen wage, wie elendiglich ich mich fühle.
TRAGEN UND ERTRAGEN
Er fühle sich ... – ein zweites Mal nahm er förmlich mit sich ringend Anlauf, um den begonnenen Satz weiterzusprechen – nicht getragen. Hier? – Ja, und nicht getragen von den Leuten im Ort, für die er da sei, da sein sollte, oder wie immer man das bezeichnen wolle. Darf und kann er das überhaupt erwarten? – Nein, und doch ist es für das eigene Tun wichtig, sich getragen zu wissen, wenn es auch und gerade für andere getan, um nicht nur ertragen zu müssen, was einem aufgetragen. Ich verstand den Mann gut und war ihm dankbar für das Wort, das er mir anvertraut hatte. Es ehrte mich. Ich hatte ihn gefragt, dann zugehört und schließlich meinen Weg fortgesetzt. Zu einer Entgegnung fehlten mir die Worte. Bei mir trug ich den Gedanken, von wem ich mich getragen fühle.
TONI MASCHER
aus einem wort
tragen und ertragen was aufgetragen zu tragen austragend zutragend was nicht abträglich aber angetragen beizutragen und ohne zu übertragen fortzutragen was hingetragen und hergetragen fast unerträglich dafür mitgetragen damit vertragen was vorgetragen einträglich durchgetragen
TONI MASCHER
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
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