Wortlaut: Kardinal Német zu Kirche in Ungarn
"Der Politik hingegen haben wir uns sehr nahe kommen lassen"
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Budapest/Belgrad, 15.5.2026 (KAP-ID) Nach dem politischen Machtwechsel in Ungarn hat Kardinal Ladislav (Laszlo) Német die katholische Kirche im Land zu einer ehrlichen und selbstkritischen Auseinandersetzung mit der zu großen Nähe zur Politik während der Jahre der Orbán-Regierung auf. "Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Ortskirchen so weit von der seit Jahren pulsierenden Dynamik der Weltkirche und ihrem synodalen Weg entfernt sind, dass es schwer in Worte zu fassen ist - der Politik hingegen haben wir uns sehr nahe kommen lassen", hält der aus Ungarn stammende Erzbischof von Belgrad und frühere Generalsekretär der Ungarischen Bischofskonferenz in einem längeren Gastbeitrag im Online-Portal "Szemlélek" (12. Mai) fest. Der Kathpress-Infodienst dokumentiert den Gastbeitrag in einer Arbeitsübersetzung auf Deutsch:
"Am Rande Wahlen - Wie geht es weiter, ungarische katholische Kirche?"
Von Ladislav Kardinal Nemet SVD
Nach den ungarischen Parlamentswahlen 2026 erscheinen in den sozialen Medien in rascher Folge jene Stellungnahmen, die die Rolle der Kirchen in den vergangenen 16 Regierungsjahren bewerten. Ich lese und höre diese mit Interesse, zumal ich selbst als Glied derselben katholischen Kirche lebe und meinen Dienst wahrnehme - wenn auch nicht innerhalb der Grenzen des sogenannten Mutterlandes (so nennen die Ungarn, die außerhalb der Grenzen Ungarns Leben, Ungarn), sondern in den kirchlichen Strukturen jenseits der Landesgrenzen. Das wirft unweigerlich die Frage auf, mit welchem Recht ich mich in diesem Thema zu Wort melde.
Ich möchte dafür drei Gründe anführen. Erstens habe ich in Ungarn gearbeitet, und zwar in Funktionen, die einen genauen Einblick in die möglichen Modelle der Zusammenarbeit zwischen den ungarischen Kirchen und dem jeweiligen Staat ermöglichten, denn von 2006 bis 2008 nahm ich die Aufgabe des Generalsekretärs der Ungarischen Katholischen Bischofskonferenz wahr.
Zweitens bin ich seit 2010 (auch) ungarischer Staatsbürger. Das bedeutet für mich nicht nur ein Wahlrecht, sondern auch eine Aufgabe. Ich bin zutiefst überzeugt, dass es meine Pflicht ist, die Lage, die Herausforderungen, die Freuden und Schmerzen des Mutterlandes aufmerksam zu verfolgen und mir zu Herzen zu nehmen.
Drittens war ich als Ordensmann drei Jahre lang Provinzial der ungarischen Ordensprovinz der Gesellschaft des Göttlichen Wortes; kirchenrechtlich gehöre ich auch heute zur ungarischen Provinz. Ich stehe in regelmäßigem Kontakt mit meinen Mitbrüdern und Oberen unserer Provinz, wir treffen uns auch persönlich, und ich bin Teil des Informationsnetzes der Provinz, sodass ich aus erster Hand von den alltäglichen Ereignissen und den kirchenpolitischen Entwicklungen erfahre.
Von 2008 bis 2022 war ich Diözesanbischof von Großbetschkerek (Zrenjanin), anschließend habe ich dort fast zwei Jahre lang als Apostolischer Administrator gewirkt, während ich zugleich bereits als Belgrader Erzbischof tätig war. Während meines Dienstes in Großbetschkerek stand ich in fortlaufendem Kontakt mit der ungarischen kirchlichen Leitung und teilweise auch mit staatlichen Institutionen.
Mit Letzteren nur teilweise, weil seit etwa zehn Jahren in der Vojvodina 99 Prozent der vom ungarischen Staat für die Kirchen vorgesehenen Förderungen praktisch nur über die Entscheidungen einer einzigen politischen Partei zugänglich waren.
In dieser Form hielt ich es nicht für richtig, in diese Konstruktion einzutreten und mich daran zu beteiligen; deshalb blieb meine Diözese über lange Zeit von einem erheblichen Teil der Förderungen aus dem Mutterland ausgeschlossen. Die Budapester Regierung, die "jeden einzelnen Ungarn liebt", hat dieses System in der Vojvodina nie infrage gestellt.
Als wäre alles in Ordnung gewesen
Unter den jüngsten kirchlichen Wortmeldungen erscheint mir besonders eigenartig die Behauptung, in den vergangenen 16 Jahren habe es eigentlich keine ernsthafteren Anomalien gegeben und auch keine Phänomene, die seitens der Kirche eine klare und eindeutige Positionierung erfordert hätten; Derartiges komme schließlich auch in der "besten" Familie vor. Wenn ich jetzt von der Kirche spreche, denke ich vor allem an die Leitungsverantwortlichen der katholischen und, weiter gefasst, der christlichen Kirchen - und zähle mich selbst dazu, auch wenn ich nicht im Mutterland im Dienst bin. Und es geht jetzt nicht darum, wie eine kleine katholische Gemeinschaft auf dem Land das richtige Verhältnis zu den örtlichen Abgeordneten bei der Lösung gemeinsamer Angelegenheiten des Dorfes sucht. Das ist nach dem Subsidiaritätsprinzip eine vor Ort zu lösende Aufgabe. Viel mehr stört mich, dass manche aus der kirchlichen Leitung über die vergangenen eineinhalb Jahrzehnte so sprechen, als wären in das System nicht sehr konkrete Erwartungen eingebettet gewesen.
Deshalb verstehe ich nicht, wie diejenigen, die 16 Jahre lang in einer bestimmten politisch-gesellschaftlichen Ordnung gelebt haben und zu den größten Nutznießern des Systems gehörten, nicht bemerkt haben konnten, dass etwas nicht ganz normal funktionierte - weder innerhalb noch außerhalb der Kirche.
Das ist nicht einfach eine Frage persönlicher Eindrücke, sondern eine Frage der Glaubwürdigkeit der Kirche. Viele der kirchlichen Personen, die sich nach den Wahlen 2026 zu Wort meldeten, betonten die Werte der Stabilität, der Ordnung und der Zusammenarbeit, während mehrere zugleich auf jene Wunden hinwiesen, die in der Gesellschaft im Laufe der vergangenen anderthalb Jahrzehnte entstanden sind. Von Unterdrückung zu sprechen ist nicht bloß eine theoretische Frage, sondern setzt die Beschreibung einer in der Gesellschaft tatsächlich erlebten Erfahrung voraus.
Die Unterdrückung der Pluralität
Aufgrund meiner persönlichen Kenntnisse und Erfahrungen muss ich auch zugeben, dass gewisse Erwartungen auch im kirchlichen Umfeld erkenntlich waren. Wegen meiner Offenheit gegenüber dem synodalen Prozess in Ungarn und meiner Unterstützung der Initiative Megújul.hu musste ich in den vergangenen Jahren verschiedenen Formen von Ausgrenzung und Übergehung begegnen. Diejenigen, die in bestimmten Projekten mit mir zusammenarbeiteten, versuchte man dezent und "stilvoll" auch unter Druck zu setzen, es kam aber auch vor, dass man einzelne Personen aus ihren Stellen entfernen wollte - mit mehr oder weniger Erfolg.
Das waren nie spektakuläre, sozusagen offizielle Sanktionen, sondern weit subtilere und doch sehr reale und wirksame Mechanismen - Mundtotmachen, Drängen in ein mediales Vakuum (etwa in der "offiziellen" ungarischen katholischen Presse), Misstrauen, finanzielle Entziehung.
In der heutigen Situation des sogenannten Mutterlandes und der Diözesen jenseits der Grenze müsste die Debatte um das Kirchenbild von zentraler Bedeutung sein. Die Synodenversammlungen von 2023 und 2024 haben klar gezeigt, dass die Kirche vor allem die Gemeinschaft der Getauften ist, ein lebendiger Leib, in dem jede und jeder die Berufung hat, die vom Geist empfangenen Gaben zu entfalten, und zwar zum Wohl der ganzen Gemeinschaft. Diese ekklesiologische Sichtweise bringt eine Haltung mit sich, in der Initiativen nicht stets von oben kontrolliert werden und die Beteiligung der unteren Ebenen sehr wohl erwünscht und unterstützt ist und nicht nur eher geduldet wird.
Dieses Phänomen betrifft besonders unseren bischöflichen Dienst. Die Wahrung der Einheit darf nicht zur Unterdrückung der Pluralität werden. Der Bischof ist nicht bloß Aufseher, sondern einer der wichtigsten Wahrnehmenden und Förderer jenes Geistes, der in der ihm anvertrauten Gemeinschaft wirkt. Wenn diese sensible und unterstützende Dimension des bischöflichen Dienstes in den Hintergrund tritt, verengt sich die Kirche leicht zur bloßen Institution, und wir selbst ersticken die prophetische Stimme der Kirche. So wird die Kirche selbst unterdrückend. Daher können wir der Selbstkritik nicht ausweichen. Oft bemerken wir Bischöfe schlicht nicht, dass sich unser Weltbild und unser pastoraler Horizont verengt haben, und so haben wir auch nicht gesehen, wann wir in den vergangenen Jahrzehnten hätten sprechen müssen. Hätten wir es getan, stünden wir vielleicht heute auch gesellschaftlich nicht dort, wo wir stehen.
Der lokale politische und kulturelle Kontext kann uns in einem Maß beeinflussen, dass wir nicht mehr die Fülle der katholischen Universalität repräsentieren, sondern nur noch jenen Teil, der für uns noch komfortabel ist; und wir schließen jene aus, die uns einen Spiegel vorhalten könnten. Das schwächt langfristig die Katholizität und die prophetische Sendung der Kirche. Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Ortskirchen so weit von der seit Jahren pulsierenden Dynamik der Weltkirche und ihrem synodalen Weg entfernt sind, dass es schwer in Worte zu fassen ist - der Politik hingegen haben wir uns sehr nahe kommen lassen.
Sprechen oder Schweigen?
In diesem Zusammenhang verdient die Frage des Schweigens besondere Aufmerksamkeit. Die "Kunst des Nicht-Sprechens" kann zuweilen tatsächlich weise und notwendig sein. Wenn aber das Schweigen systemisch wird und 16 Jahre lang keine substanzielle Wortmeldung erfolgt zu gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, zur Verrohung des öffentlichen Diskurses, zur Institutionalisierung von Hassrede, zur grassierenden Korruption, zur systemischen Stigmatisierung von Menschen, zu ihrer Ausgrenzung und Aufhetzung gegen sie, dann ist das keine Tugend mehr, sondern eine schwere Unterlassung. Die Aufgabe des Hirten besteht nicht nur darin, die Herde zu bewachen, sondern auch darin, Gefahren zu erkennen und beim Namen zu nennen, denn wir haben das Evangelium der Kleinen zu verkünden - gelegen oder ungelegen.
Mein Eindruck ist, dass ein Teil der kirchlichen Stellungnahmen nach den Wahlen darauf abzielt, die Vergangenheit zu relativieren, und nicht auf eine kritische Auseinandersetzung. Zugleich gibt es Stimmen - von Priestern, Ordensleuten und Laien -, die offen über die Gefahren einer übergroßen Nähe zwischen Kirche und politischer Macht sprechen. Diese Stimmen sind Zeichen der Hoffnung und zeigen, dass innerhalb der ungarischen Kirche die Sehnsucht nach Erneuerung lebt, dass auch die kirchliche Erneuerung Kapital, einen Kairos hat, den es zu nutzen gilt.
Es gibt grundlegende christliche, katholische Werte, die weder unter politischen noch unter kulturellen Gesichtspunkten relativierbar sind. Das Lehramt - besonders das Pontifikat von Papst Franziskus - benannte klar die großen Prüfsteine unserer Zeit, etwa das Eintreten für soziale Gerechtigkeit, das konsequente Vorgehen gegen Korruption, die dem Evangelium entsprechende Haltung gegenüber Migranten und Flüchtlingen sowie den Schutz der Schöpfung. Das sind keine wählbaren, sondern aus dem Evangelium folgende verbindliche Themen. Und ich wünsche mir, dass uns künftig viel mehr die Lehre des Papstes beschäftigt als die Bestrebungen unserer Politiker, denn nur so können wir unsere gesellschaftliche Rolle wahrhaftig erfüllen.
Auch die Lehre Papst Leos XIV. stärkt diese gesellschaftliche Rolle weiter, indem sie die prophetische Sendung der Kirche betont. Die Kirche darf sich nicht darauf beschränken, ein stabilisierender Faktor der gesellschaftlichen Ordnung zu sein. Es ist ebenso ihre Aufgabe zu erkennen, wann sie einen kritischen Spiegel vorhalten und die Wirklichkeit im Licht des Evangeliums beurteilen muss - auch dann, wenn dies unbequem ist. Die Situation nach den Wahlen 2026 kann nicht nur ein politischer Wendepunkt sein, sondern auch ein Kairos für die kirchliche Erneuerung und Umkehr. Eine Gelegenheit, unsere Rolle neu zu durchdenken, zurückzufinden zu jenem synodalen Weg, der in der Weltkirche seit Jahren beschritten wird, und unsere prophetische Stimme zu stärken. Dafür braucht es Mut - Mut zur Selbstkritik, zum Aussprechen der Wahrheit und auch dazu, sich nicht an einer politischen Macht, sondern an Christus auszurichten. Mit der ehrlichen Auseinandersetzung muss begonnen werden, jede und jeder im eigenen Namen. Deshalb bitte ich um Verzeihung für mein Schweigen damals, als unsere Mitmenschen Ausgrenzung und Hass erfahren mussten.
Wofür wir dankbar sein können
Zugleich ist es wichtig auszusprechen, dass in den vergangenen 16 Jahren auch vieles Gute geschehen ist. Auch in der Beziehung zwischen Staat und Kirchen gab es zahlreiche Initiativen und Entscheidungen, für die wir der jeweiligen ungarischen Regierung aufrichtigen Dank schulden - die Unterstützung der Schulen, der sozialen und karitativen Dienste, die Stärkung der Religionsfreiheit und der verfassungsrechtlichen Stellung der Kirchen. Diese Dinge sind heute in der Welt nicht überall selbstverständlich.
Ein eigenes Kapitel verdiente die Frage der Renovierung von Kirchen und kirchlichen Einrichtungen. Viele wissen, dass ich diesbezüglich kritisch bin. Ich denke hier an die weise Verordnung des heiligen Stephan, wonach "in je zehn Dörfern eine Kirche" stehen solle. Hinter der Entscheidung des ersten ungarischen Königs stand keine romantische Vorstellung, sondern ein sehr nüchternes, auch sozial durchdachtes Kirchenbild. Zehn Dörfer sollten eine Kirche errichten, sie mit den nötigen Gütern und mit Personal ausstatten; für den Priester und die Bücher habe der Bischof zu sorgen. Diese Verordnung brachte schon damals zum Ausdruck, dass zur Kirche eine lebendige liturgische Gemeinschaft, ein tragfähiger wirtschaftlicher Hintergrund und eine stabile pastorale Präsenz gehören und dass sie nicht bloß ein Gebäude ist.
Heute sehen wir vielerorts gerade die umgekehrte Lage. Nicht zehn Dörfer erhalten eine Kirche, sondern ein Priester versucht 10 oder gar 28 Dörfer und ebenso viele Kirchen zu versorgen. Die Lösung können wir gerade im Geist des heiligen Stephan suchen, sodass auch wir die Tragweite historischer Prozesse erkennen - Bevölkerungsrückgang, Abwanderung, Säkularisierung, Priestermangel - und erkennen, wenn sich die kirchlichen Strukturen heute nicht mit der nötigen Geschwindigkeit an die neue Wirklichkeit anpassen.
Da die Zahl der Priester sichtbar zurückgeht, läuft in mehreren Diözesen bereits oder beginnt gerade die Zusammenlegung der Pfarreien, eine "Verschlankung" des Pfarrnetzes. Sowohl in Ungarn als auch jenseits der Grenze ist die Erfahrung, dass der Staat erhebliche Unterstützung für Kirchenrenovierungen gewährt. Das ist zugleich eine große Chance und eine ernste Gefahr.
Leicht wird der maßgebliche Gesichtspunkt, dass "jetzt Geld für das Dach da ist", und die Frage tritt in den Hintergrund, ob es dort langfristig Gemeinde und Priester geben wird. Deshalb wäre es in jeder Diözese wichtig auszusprechen, dass materielle Mittel nur dann verantwortlich verwendet werden, wenn sie mit der pastoralen Strategie übereinstimmen, die immer aus der Begegnung von Evangelium und erfahrener Wirklichkeit erwächst. Nicht jede Kirchenrenovierung ist gleich dringlich - auch dann nicht, wenn gerade dieses Gebäude "förderfähig" ist und der Priester oder gar sein Vorgesetzter über gute Beziehungen verfügt.
So stößt die Frage der Kirchenrenovierung notwendig auf das bereits erwähnte tieferliegende Problem des Kirchenbildes. Die neue Lage im 21. Jahrhundert verlangt vor allem nicht nur eine strukturelle, gleichsam in Mauern eingemeißelte Antwort, sondern eine pastorale und spirituelle Umkehr, die dann freilich auch zur organisatorischen Erneuerung führt. Wir müssen jene innere Freiheit an uns heranlassen, dass es auch anders gehen kann, als ich es mir bisher vorgestellt habe. In diesem Prozess könnte das Schlussdokument der 16. Ordentlichen Bischofssynode eine große Hilfe sein. Der Text behandelt gerade durch das Prisma der Umkehr die Aufgabe und Berufung jedes Getauften an der Verwirklichung der Kirche, stets im Blick auf den jeweiligen lokalen Kontext und unter ernsthafter Beachtung der "Zeichen der Zeit" - das drastische Schrumpfen einer Ortskirche, die demografischen Herausforderungen, die Abwanderung, die Urbanisierung und viele weitere Faktoren.
Zugleich legt er großes Gewicht auf einen transparenten Entscheidungsprozess, der Priester, Ordensleute, Pastoralräte und Laienexpertinnen und -experten in das gemeinsame Suchen einbezieht. Nur so werden auch die Gläubigen verstehen, warum die eine Kirche erneuert wird und die andere nicht. Sie werden es verstehen, weil die Entscheidung nicht über ihre Köpfe hinweg gefallen ist.
Ohne politische Erwartungen
Ich bin überzeugt, dass es künftig noch mehr eines politischen und gesellschaftlichen Klimas sowie einer rechtlichen Ordnung bedarf, in denen Staat und Kirchen im Dienst des Gemeinwohls, in gegenseitiger Achtung und in transparenten Rahmen zusammenwirken. Es bedarf eines Modells, das die christlichen Wurzeln Ungarns und die unersetzliche Rolle der Kirchen in der Bildung, in der Unterstützung der Familien, in der sozialen und gesundheitlichen Versorgung sowie in der Pflege der Kultur und der verschiedenen Nuancen nationaler Identität berücksichtigt, das aber zugleich den weltlichen Charakter des Staates und die innere Autonomie der Kirchen klar wahrt.
Das bedeutet, dass der Staat die lehrende und seelsorgliche Sendung der Kirchen ernstnimmt und sie nicht für parteipolitische Ziele instrumentalisieren will und dass die Kirchen ihrerseits nicht nach politischer Macht streben, sondern mit prophetischer Freiheit, als Gewissen der Gesellschaft, zum öffentlichen Leben sprechen - und dies, wie etwa die katholische Kirche, in größerer Übereinstimmung mit dem jeweiligen Heiligen Vater tun. In einem solchen Modell bedeutet staatliche Unterstützung keine Privilegien, sondern das gemeinsame Tragen öffentlicher Aufgaben, und zwar auf der Grundlage klarer und überprüfbarer Vereinbarungen, sodass die Kirchen nicht in materielle oder politische Abhängigkeit von irgendeiner Regierung geraten.
Ich hoffe, dass sich in Ungarn und in den Diözesen jenseits der Grenze in der kommenden Zeit ein solches Vertrauensklima und ein solcher Dialog zwischen Staat und Kirchen herausbildet, in dem beide Seiten die wechselseitige Abhängigkeit bewusst vermeiden, der Staat von den Kirchen nicht "als Gegenleistung" politische Loyalität erwartet, und die Kirchen ihrerseits die Erfüllung ihrer Sendung nicht von der jeweiligen Macht erhoffen, sondern frei, im Licht des Evangeliums, den Menschen dienen, weil sie dies auch von Jesus Christus gesehen haben. So kann die Beziehung von Staat und Kirche in Ungarn zu einer echten Partnerschaft werden, die dem Frieden der Gesellschaft, der Stärkung der Familien und dem Schutz der Bedürftigsten und Ausgegrenzten dient, ohne dass es zu Unterordnung oder Auslieferung einer der Seiten käme.
Abschließend möchte ich noch einmal das Schlussdokument der Bischofssynode 2021-2024 erwähnen. Dieser Text ruft nicht nur zur Umkehr, sondern legt uns ans Herz, dass die Glieder der Ortskirchen und Gemeinschaften einander zuhören, offen sind für den Heiligen Geist und gemeinsam für die Zukunft der Kirchen, der ganzen großen Menschheitsfamilie und unseres gemeinsamen Hauses, der Schöpfung, arbeiten. Ich vertraue darauf, dass die vielfach zerrissene und gespaltene ungarische kirchliche Wirklichkeit zu einem echten synodalen Dialog fähig sein wird - nach innen, aber auch nach außen, mit der Gesellschaft, in der sie lebt. Das wird jedoch nur gelingen, wenn nicht bloß wir Bischöfe versuchen, auch dies zu lösen, sondern wenn wir die Priester, die Ordensleute, Frauen und Männer sowie die Jugend einbeziehen. Mit einem Wort, das ganze Volk Gottes.
Katholische Presseagentur KATHPRESS
Autor:Franz Josef Rupprecht aus Burgenland | martinus |