Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Das letzte Wort
„Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß...“: Ein bekanntes Gedicht von Rainer Maria Rilke über die dankbar-melancholische Stimmung im Herbst.
Für viele war der Sommer wirklich sehr groß: Das Wetter war wochenlang wie aus dem Bilderbuch, es wurde gebadet, gegrillt, Urlaub gemacht, das Leben genossen. Wenn zwischen hinein Nachrichten von Klimawandel und Dürre zu hören waren, verdrängte man sie leicht. Für mich war der Sommerurlaub von einer eigenartigen Stimmung geprägt, wusste ich doch, dass eine liebe Freundin ihre letzten Tage auf dieser Erde verbrachte. Während wir im Meer badeten und das Leben genossen, lag sie auf dem Sterbebett. Unwirklich fühlte es sich an. Zum Begräbnis waren wir zurück, Gott sei Dank. Weil sie so ein lebensfroher Mensch war, wurde um farbenfrohe Kleidung gebeten. Gelb war ihre Lieblingsfarbe. Die Farbe des Sommers. So groß wie der Sommer war, ist nun die Trauer um sie. Die Gleichzeitigkeit von so Unterschiedlichem ist oft schwer zu ertragen. Und zugleich ist sie ein Trost: Tod und Trauer haben zwar viele Worte, und die dürfen auch sein. Aber sie haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort ist nicht schwarz. Vielleicht ist es gelb, gelb wie der Sommer.
Autor:Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag |