Schüler schreiben dem Vatikan
Homosexuelle: Was denken Jugendliche?

Die 8b-Klasse des Paulinum – hier zu sehen auf dem letztjährigen Klassenfoto – schrieb an die Glaubenskongregation einen Brief.
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Schüler am Paulinum haben sich mit einer Stellungnahme der vatikanischen Glaubenskongregation beschäftigt. Diese hatte die Möglichkeit abgelehnt, Paaren aus Personen des gleichen Geschlechts einen Segen zu erteilen.
„Die Schüler wussten natürlich schon Bescheid“, erzählt Kidane Korabza, Schulseelsrorger und Religionslehrer am Bischöflichen Gymnasium Paulinum, der die Frage im Religionsunterricht der 8b-Klasse thematisierte. „Wir haben die Meinungen ausgetauscht und uns dann entschieden, einen Brief an die Glaubenskongregation zu schreiben. „Ich sage immer: Wir sind alle Kirche. Wir können sie selber gestalten. Aufgeben, austreten ist keine Lösung“, so Korabza. Im Brief der 8b-Klasse heißt es unter anderem: „Von Nächstenliebe kann man nicht sprechen, wenn es eindeutig eine Form von Liebe ist, die abgelehnt wird, und wenn Menschen aufgrund ihrer Liebe zu ´Sündern´ erklärt werden.“

Der Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Präfekt Kardinal Ladaria,

als Schülerinnen und Schüler des Bischöflichen Gymnasium Paulinum Schwaz möchten wir im Folgenden unsere Meinung zur Untersagung des Segnens von homosexuellen Paaren, die von Ihrer Kongregation verkündet wurde, darlegen. Allem voran ist uns wichtig, einen differenzierten Blick auf die Thematik zu fordern sowie die Grundlagen des Glaubens und der Kirche neu zu hinterfragen und in Bezug auf zeitgemäße Verhältnisse zu verstehen.

Wenn der Ausschluss einer gesamten Gruppe durch Bibelstellen gerechtfertigt wird, sollte dabei keineswegs der Rest des Buches, der auch zu großen Teilen von Nächstenliebe und Akzeptanz handelt, vergessen werden. Besonders jüngeren Generationen wird mit Kundgebungen wie dieser ein Widerspruch zu grundlegenden christlichen Werten vermittelt, der dem Glauben und der Kirche als Institution schadet. Junge Menschen werden von der Kirche ferngehalten, da auch von ihnen viele aufgrund ihres Seins benachteiligt werden, anstatt an einer ermutigenden, guten Gemeinschaft teilhaben zu können, die sie auf ihrem Glaubensweg bestärkt. Toleranz allein, die hier und da erwähnt wird, genügt nicht: Die Kirche muss allen Menschen Akzeptanz entgegenbringen, sie annehmen und ihnen einen sicheren Raum zur Entwicklung bieten.
Es darf in einer Institution, die in ihren Grundlagen positive Werte vertritt, nicht um bloße Identitätskonturen wie Geschlecht oder Sexualität gehen, sondern der Mensch an sich und die Menschlichkeit müssen im Zentrum stehen. Die katholische Kirche hat in ihrer Kundgebung jedoch eine Reduzierung des Menschen auf oberflächliche, natürliche und unveränderliche Merkmale ausgelegt, was kein gutes Beispiel darstellt und unserer Meinung nach zurecht von vielen als veraltet erklärt wird. Und Menschen – wer auch immer sie sein mögen – sollten doch immerhin eine größere Berechtigung gesegnet zu werden erhalten als beispielsweise Tiere oder sogar Gegenstände. Mit der verkündeten Weigerung zur Segnung Homosexueller wird deren Wert unter jenen von Dingen gestellt. Es bleibt sich zu wundern, wie dies vertretbar sein kann; Menschlichkeit liegt offensichtlich fern.
Auch von Nächstenliebe kann man nicht sprechen, wenn es eindeutig eine Form von Liebe ist, die abgelehnt wird, und wenn Menschen aufgrund ihrer Liebe zu „Sündern“ erklärt werden. Zum Glück haben Homosexuelle in unserer heutigen Gesellschaft die Möglichkeit, ihre Sexualität offen auszuleben und zu lieben, wen sie lieben. Die Kirche muss dieser Veränderung im gesellschaftlichen Denken folgen, wenn Kirchenzugehörigkeit sich nicht bald zum Widerspruch gegen Liebe und Freiheit entwickeln soll. Bei allem Hervorheben von Bibelstellen, die zweitausend Jahre alt sind, darf die Welt, in der wir gegenwärtig Leben, nicht außer Acht gelassen werden; denn diese schreitet voran, auch wenn die katholische Kirche gerne einen Schritt in die andere Richtung macht.

Wir wissen, dass an Entscheidungen wie dieser keineswegs die Kirche als Ganzes schuld ist, denn die „Kirche“ meint natürlich nicht nur Rom. Vor allem in den hohen Rängen muss sich jedoch zukünftig etwas ändern, denn die Institution ist im Begriff, sich mit Verkündungen und Geboten, die aus einigen Ecken zu hören sind, den allgemeinen Ruf einzufangen, von ihren eigenen Glaubensgrundsätzen abzurücken. Dies kann verhindert werden, wenn der Glaube anstelle von Macht zur Priorität wird und Entscheidungen mit einem differenzierten Blick getroffen werden, während aber keine Differenz bestehen soll, wenn es um den Wert von Menschen und um Menschlichkeit geht.

Wir hoffen, dass unsere Ansichten ernstgenommen und von Ihnen berücksichtigt werden.
Mit freundlichen Grüßen

8B-Klasse des Bischöflichen Gymnasium Paulinum 2020/21

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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