Interview mit Erzbischof Franz Lackner
"Sie haben 1000 Fragen"

Loslassen ist für Erzbischof Franz Lackner ein Weg nach vorn. | Foto: Erzdiözese Salzburg
  • Loslassen ist für Erzbischof Franz Lackner ein Weg nach vorn.
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Die Kirche und besonders die franziskanische Familie gedenkt heuer dem 800. Todesjahr des heiligen
Franz von Assisi. Sie haben gesagt, die Kirche müsse wie Franziskus Gott an die erste Stelle setzen.
Tut sie das heute zu wenig?

Erzbischof Franz Lackner: Gott ist da, er ist unter uns. Ich glaube, wir haben dafür ein bisschen die Aufmerksamkeit verloren. Franziskus erinnert uns daran, Gott wieder ins Zentrum zu stellen.

Das Wachhalten der Frage nach Gott ist im Leitbild der Erzdiözese Salzburg verankert. Hat sich die Gottessuche oder auch der Umgang mit Zweifeln persönlich mit dem Alter verändert?
Lackner: Früher war vieles klarer, man hatte auf fast alles eine Antwort. Heute ist weniger Gewissheit
da, dafür mehr Tiefe. Was sich durchhält, ist die Sehnsucht. Die Sehnsucht, für Gott und für die
Menschen da zu sein.

Sie begegnen im Alltag vielen Menschen. Wie oft geht es in den Gesprächen um Zweifel an Gott?
Lackner: Sehr oft. Bei den Visitationen in den Pfarrgemeinden besuche ich auch Schulen und begegne
jungen Menschen. Sie haben tausend Fragen. Ich entdecke darin immer existenziell gelebte Wahrheit.
Hier kann ich gut andocken. Ich sage nie: Das ist falsch. Wir bleiben im Gespräch – auch im Dissens. Und oft spüre ich eine Sehnsucht nach etwas, das ihnen fehlt, obwohl Religion im Alltag weniger präsent ist.

Wo hat Gott Sie in Ihrem Leben am meisten überrascht?
Lackner: Mit meiner Berufung. Ich war 23 Jahre alt und als UNO-Soldat auf Zypern. Das war völlig
unerwartet. Später folgten die nächsten Überraschungen: Ich wurde Franziskaner, dann Bischof. Das
konnte nicht von meiner eigenen „Festplatte“ kommen. Ja, Gott hat mich immer wieder überrascht.

Dankbar für meine Berufung

Zurück zum heiligen Franziskus. Er erlebte eine Gesellschaft und eine Kirche im Umbruch. Gibt
es hier Parallelen zu heute?

In kleinen Ansätzen könnte man schon sagen, dass es so ist. Es war damals eine Zeit, In
der es religiösen „Wildwuchs“ gab. Franziskus hat einen Weg gefunden: mit der Kirche und für die Menschen.
Wir sprechen von der „Sana Doctrina“ (lateinisch für „gesunde Lehre“), die gesund ist in jeglicher
Hinsicht – für den Menschen, aber auch für unseren Glauben und für unser Gottesverständnis. Wir brauchen
heute eine gesunde Mitte, die nicht ins Extreme abgleitet.

Welche Rolle spielt die franziskanische Haltung des Loslassens, wenn Sie auf Ihren Weg zurückblicken?
Lackner: Loslassen gehört für mich zu den wichtigsten geistlichen Haltungen. Es ist oft viel schwerer,
als man denkt. Ich habe das einmal sehr konkret erlebt: Beim Abseilen von der Murbrücke in Graz habe ich
mich lange nicht getraut, wirklich loszulassen. Ich habe mich festgehalten, obwohl die Sicherung da war. Irgendwann habe ich die Hände geöffnet und konnte mich den Leuten, die mich gesichert haben, „überlassen“
– und plötzlich war da ein Gefühl von Freiheit und Vertrauen. So ist es auch im Glauben und im Älterwerden.
Man muss lernen, Sicherheiten, Rollen und das eigene Wissen nicht festzuhalten, sondern Schritt für Schritt abzugeben. Das Loslassen führt zurück zu einer Haltung, die Franziskus geprägt hat: Gott vertrauen,
sich anvertrauen, und nicht alles selbst kontrollieren wollen. Das bleibt für mich ein lebenslanger Weg.

Sie feiern am 14. Juli Ihren 70. Geburtstag. Wie erleben Sie das Älterwerden? Und wie gehen Sie mit
den Grenzen der eigenen Kraft um?

Lackner: Ich versuche, es hinauszuzögern: durch Training und gesundes Essen. Noch wichtiger wird das
Frommsein, das Gebet. Das trägt im Alter. Aber ich spüre das Alter schon sehr deutlich in meinem Alltag.
Meine Mitarbeitenden sind meist viel jünger. Ich spüre, dass die Zeit, in der Impulse von mir ausgehen,
langsam zu Ende geht. Die jungen Menschen müssen mehr in den Vordergrund treten. Und ich merke,
dass man im Alter dorthin zurückkehrt, wo man herkommt – zu einer gewissen Armut und zur Einfachheit.

Wofür sind Sie dankbar?
Lackner: Für die zweite Chance in meinem Leben durch meine Berufung. Für den Glauben. Für meine
Herkunft. Und zunehmend auch für meine Schwächen, denn sie halten mich bodenständig.

Glaube kommt vom Hören

Was gibt Ihnen Hoffnung für die Kirche von morgen – gerade jetzt, wo Sie als Vorsitzender der Österreichischen
Bischofskonferenz wiedergewählt wurden?

Lackner: Hoffnung gibt mir vor allem, dass die Kirche geistgeführt ist. Jesus hat zugesagt, dass er mitten
unter uns ist, wenn Menschen zusammenkommen und diese Zusage trägt. Hoffnung geben mir zudem die Männer und Frauen, die sich engagieren und der Kirche wohlwollend gegenüberstehen. Gemeinsam können wir die Kirche dort stärken,´wo sie gebraucht wird. Ich glaube, es steht der Kirche sehr gut an mit Herzensaufmerksamkeit bei den Menschen zu sein, die arm sind – materiell wie innerlich. Wir leben in
einer Zeit, wo es an allen Ecken und Enden brennt, wo Frieden gefährdet ist. Kirche ist mit allen Menschen
und mit allen Religionen koalitionsfähig, die guten Willens sind.

Was bedeutet geistliche Führung für Sie in einer Zeit, in der Autorität oft überhaupt in Frage gestellt wird?
Lackner: Geistliche Führung heißt für mich vor allem: hören. Auf Gott und auf die Menschen. Wer wirklich
hört, kann nicht einfach wegschauen oder nichts tun. Und Hören führt zu Verantwortung. Es bedeutet, das
eigene zurückzustellen, über den Tellerrand zu blicken und gemeinsam zu suchen, statt nur die eigene
Sicht durchzusetzen. Paulus sagt: Der Glaube kommt vom Hören. Deshalb möchte ich ein hörender Bischof bleiben – still werden, aufmerksam und offen sein für die Menschen und den Heiligen Geist. Wir sind oft zu sehr
mit uns selbst beschäftigt, wenn der Heilige Geist spricht.

Was wünschen Sie sich zum Geburtstag: für sich, für die Erzdiözese und für die Weltkirche?
Lackner: Für mich persönlich wünsche ich mir mehr Zeit für das Kontemplative, für das Lesen, für schöne Musik und wie schon erwähnt für das Hören: das Hören auf die Menschen und vor allem auf Gott. Unsere Erzdiözese hat viele gute Kräfte. Ich spreche häufig mit Pfarrgemeinderätinnen und -räten, die selber ihren Glauben sehr pflegen, die mir gleichzeitig sagen, wie schwierig es ist, das an die junge Generation weiterzugeben. Ich wünsche mir, dass es gelingt, dass der Glaube weitergetragen wird – zum Wohle der Menschen und zur Ehre
Gottes. Und weltweit wünsche ich mir, dass die Kirche in einer Zeit voller Herausforderungen die Menschen weiterhin erreicht.

Das Interview führte Ingrid Burgstaller, Chefredakteurin der Kirchenzeitung der Erzdiözese Salzburg "Rupertusblatt". Wir danken herzlich für das Zurverfügungstellen!

Autor:

Gilbert Rosenkranz aus Tirol | TIROLER Sonntag

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