Zu Besuch bei den Tertiarschwestern
„Wir sind ein bisserl Aussteigerinnen.“
- Provinzoberin Sr. Notburga Maringele (li.) und ihre Vorgängerin
Sr. Gertrud Schernthanner im Garten des Provinzhauses in Hall. - Foto: Kaltenhauser
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Sie sind zwei gestandene Frauen, die das große Ganze nie aus dem Blick verlieren: Ein Gespräch mit der neuen Provinzoberin Sr. Notburga Maringele und ihrer Vorgängerin, Sr. Gertrud Schernthanner, von den Tertiarschwestern in Hall.
Sr. Gertrud, Sie waren zwölf Jahre Provinzoberin. Was waren in dieser Zeit die Highlights, was die schwersten Momente?
Sr. Gertrud: Das Schönste war der barrierefreie Umbau unseres alten Gebäudeteils, so dass die alten Schwestern länger bei uns bleiben können. Das Schwierigste war, auch Geschäftsführerin des Klaraheims zu sein. Ich war für alles verantwortlich, hatte aber keine Ausbildung dafür. Wie alle Orden tragen wir uns selbst und finanzieren uns nicht, wie viele glauben, vom Kirchenbeitrag. Sehr positiv war dann, dass wir das Altenheim an die Stiftung Liebenau übergeben konnten.
Sr. Notburga, im Sommer wurden Sie zur neuen Provinzoberin gewählt. Wie läuft die Wahl ab?
Sr. Notburga: Das ist in unseren Konstitutionen ganz transparent und demokratisch geregelt. Auch wenn jede Form von Wahlwerbung verboten ist, besprechen wir uns vorab in Gruppen. Es wird ja auch der Provinzrat gewählt und da muss Vieles bedacht werden.
Wie war es dann, nachdem die Wahl auf Sie gefallen ist?
Sr. Notburga: Ich habe befürchtet, dass ich gewählt werde und muss gestehen, vor der Wahl war ich etwas niedergeschlagen. Denn ich sehe mich eher als Typ für die 2. Reihe. Als Lehrerin war ich schon in Pension und habe meine verschiedenen Aufgaben sehr gemocht. Aber jetzt mach‘ ich das Beste daraus und weiß vor allem, ich bin nicht allein, wir entscheiden im Team. Und ich spüre so viel Wohlwollen und Dankbarkeit, das trägt mich.
Was wünschen Sie sich für Ihre Amtszeit?
Sr. Notburga: Einerseits, dass die alten Schwestern gut versorgt sind und andererseits, dass wir auch offen für junge Leute bleiben und sie mit ihrer Spiritualität und Lebensweise da sein dürfen. Und dass wir uns weiterhin gesellschaftspolitisch zu Wort melden!
Wie kommt denn Ihr politisches Engagement bei den Mitschwestern an?
Sr. Notburga: Sr. Gertrud war meine Oberin, als ich damit angefangen habe (beide lachen),
sie war auch oft mit bei den Demonstrationen. Manchen Schwestern ist das eher fremd, sie sagen, unsere Aufgabe ist vor allem das Beten. Da sage ich: Tu das Eine, ohne das Andere zu lassen! Viel ist es ja nicht, was ich mache, aber ich falle halt auf. Und das nütze ich auch für die Anliegen, die mir am Herzen liegen. Für mich ist es ein religiöses Anliegen, sich für mehr Gerechtigkeit und Klimaschutz einzusetzen.
Im Sommer war das Generalkapitel in Assisi. Erzählen Sie ein bisschen davon?
Sr. Gertrud: Dort kommen der Mitgliederanzahl entsprechend die Delegierten aus allen Provinzen zusammen. Und das ist immer richtig schön! Wir haben über WhatsApp Kontakt, aber sich zu sehen, ist einfach etwas Anderes. Und gerade die Afrikanerinnen haben sehr viele junge und gut ausgebildete Schwestern, expandieren nach Mailand, Milwaukee und Marokko. Dann wird die Generalleitung gewählt und wir beraten gemeinsam, wie wir weitergehen wollen – durch und durch demokratisch.
Was inspiriert Sie an den Schwestern in Kamerun und Bolivien?
Sr. Notburga: In Bolivien vor allem die Nähe zu den Armen, und wie geholfen wird, auch über die eigenen Kräfte hinaus. Wie glücklich und aufgeweckt die Kinder sind und wie eifrig die jungen Leute in den Pfarren dabei sind – ein Werktag mit 20 Ministranten ist dort normal...
Sr. Gertrud: In Kamerun, wie sie das Leben und die Liturgie feiern – die Gottesdienste mit so viel Musik und Tanz, das ist gewaltig! Und auch der Mut, den sie in der Flüchtlingsarbeit beweisen, wie sie sich um Traumatisierte kümmern, sich gegen Frauenhandel einsetzen.
Viele Orden leiden unter Nachwuchsmangel. Warum würden Sie Ihre Lebensweise jungen Frauen empfehlen?
Sr. Notburga: Es ist wirklich ein gutes Leben. Wir sind ein bisserl Aussteigerinnen. In einer Welt, in der es um immer Mehr geht, sagen wir: Wir haben genug mit dem, was wir haben. Und in einer Welt, die Gott vergisst, leben wir gottverliebt.
Sr. Gertrud: Es ist anders, in einer Gemeinschaft zu leben als allein. Es wird einem viel aufgetragen und zugetraut – das ist eine große Herausforderung, kein Rückzug. Wenn ich nicht in den Orden gegangen wäre, hätte ich viel weniger gewagt und erlebt. Unser strukturierter Tagesablauf mit Gebet, Arbeit und Erholung holt uns immer wieder zurück zum Wesentlichen. Viel Zeit fürs Gebet zu haben, ist eine große Stütze, auch die jährlichen Exerzitien. Und selbst wenn ich im Gebet mal in Gedanken abdrifte, kommen mir oft da die besten Ideen – mir kommt schon vor, das ist der heilige Geist!
Ihr Leben ist sehr intensiv. Was tun Sie, um sich zu erholen?
Sr. Notburga: Wir haben auch Urlaub. Da fahren wir gern auf unsere Hütte im Außerfern. Da leben wir ganz franziskanisch-schlicht, ohne Strom, schleppen alles hinauf, was wir brauchen. Da ist Zeit zum Wandern, Lesen, Schwammerln suchen, auch mal in der Sonne liegen.
Sr. Gertrud: Ich gehe auch gern in den Garten oder in den Wald. Es ist ein gutes Leben, das wir führen, und es gibt viel Kraft.
Kurz gefragt...
Mein Lieblingsgebet...
Sr. Gertrud: „Höchster, glorreicher Gott“ – das Gebet von Franziskus in San Damiano
Sr. Notburga: Momentan „Du bist das Brot, das den Hunger stillt“.
Dieses Buch bedeutet mir viel...
Sr. Gertrud: „Beten ist menschlich“ von Ermes Ronchi
Sr. Notburga: „Judas, der Freund“ von Christoph Wrembeck
Das macht mir Angst...
Sr. Gertrud: Ausgrenzende, rechte Politik
Sr. Notburga: Zerbröckeln von Menschenrechten und Völkerrecht
Darauf hoffe ich...
Sr. Gertrud: Dass der Einsatz so vieler Menschen für Frieden, Umwelt... überwiegt.
Sr. Notburga: Gottes Kraft ist die Liebe. Der Gegenpol ist Angst, die ist schwach. Und letztlich wird die Gotteskraft siegen!
Menschen auf der Suche rate ich...
Sr. Gertrud: Aufs eigene Gespür vertrauen.
Sr. Notburga: Das wollt‘ ich auch sagen!
Das wünsche ich der Kirche...
Sr. Gertrud: Viel Heiligen Geist!
Sr. Notburga: Frauenpower!
An Franziskus fasziniert mich...
Sr. Gertrud: Er hat sich damals für ein Leben eingesetzt, das noch heute gültig ist.
Sr. Notburga: Vor allem die Gewaltlosigkeit.
Wenn ich noch einmal 17 wäre...
Sr. Gertrud: Ich tät‘s wieder gleich machen!
Sr. Notburga: Mit 17 hab ich null an Kloster gedacht. Aber es war die beste Entscheidung meines Lebens und ich bin einfach dankbar!
Die Tertiarschwestern des Hl. Franziskus:
Um 1700 beginnt Maria Hueber (Bild) – als „Mutter Anfängerin“ verehrt – in Brixen mit Regina Pfurner ein Leben in klösterlicher Gemeinschaft. Heute zählt die Gemeinschaft ca. 400 Schwestern in Süd- und Nordtirol, Kamerun, Bolivien und im Generalat in Rom. Die Schwestern sind in der Erziehung, Altenpflege, Seelsorge und dem Einsatz für Benachteiligte weltweit tätig, leben in Einfachheit und schöpfen Kraft aus dem gemeinsamen Gebet. Weitere Informationen: www.tertiarschwestern.at
Autor:Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag |