Gute Entscheidungen treffen, Teil 3 mit Melanie Wolfers
Von Bällen und Brocken

Melanie Wolfers ist Salvatorianerin, Philosophin, Theologin, Seelsorgerin, gefragte Referentin und Bestsellerautorin. Sie leitet „impulsleben“, ein Projekt für junge Erwachsene.
  • Melanie Wolfers ist Salvatorianerin, Philosophin, Theologin, Seelsorgerin, gefragte Referentin und Bestsellerautorin. Sie leitet „impulsleben“, ein Projekt für junge Erwachsene.
  • Foto: Robert Maybach
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Um zu einer guten Entscheidung zu finden, gilt es nicht allein, die Scheinwerfer nach innen zu richten und sich zu fragen: Was kann ich? Und was will ich? Vielmehr gilt es zugleich, die Augen für die konkrete Realität zu öffnen und sich zu fragen: Was will die Situation von mir? Was soll ich?

Denn die konkreten Gegebenheiten geben den Spielraum vor, was möglich ist. Und was nicht. Daher braucht es eine gute Balance zwischen dem, was man anstrebt, und den Möglichkeiten, die sich anbieten. Und dies ist alles andere als selbstverständlich! Dies zeigt sich etwa dann, wenn jemand – getrieben von Ehrgeiz – Luftschlösser baut und irgendwann erbarmungslos abstürzt. Ein gesunder Realismus hingegen gibt Boden unter den Füßen.

Ein Zweites: Die Wirklichkeit, der wir begegnen, hat uns etwas zu sagen! Sie spricht an, irritiert, lädt ein, fordert heraus ... Vielleicht kennen auch Sie Erfahrungen, in denen das Leben Ihnen etwas zuruft. Da werden Ihnen unverhofft Bälle zugespielt oder Brocken vor die Füße geworfen und Sie merken: „Da will, ja da muss ich Position beziehen und mich kümmern. Das darf ich nicht links liegen lassen!“ So ging es etwa jener Frau, die gebeten wurde, für den Betriebsrat zu kandidieren. Sie hörte sich um, wo ihren Kolleginnen und Kollegen der Schuh drückt. Und als sie die Probleme sah, zauderte sie nicht länger, sondern beschloss, sich zur Wahl aufstellen zu lassen. Für eine solch dialogische Begegnung mit der Wirklichkeit braucht es die Bereitschaft zu hören. Zu sehen. Sich berühren zu lassen.

Die Augen öffnen.
Die biblischen Autoren sind davon überzeugt: Gott kommt uns in jenen entgegen, die uns brauchen. Menschen, die am Rand stehen, die bedrängt und heimatlos sind. Jesus lebt aus dieser Gewissheit. Entsprechend lehrt er eine „Mystik der offenen Augen“ (Johann Baptist Metz). Deren Leitsatz lautet: „Aufwachen! Die Augen öffnen!“ In biblischer Sicht gibt es eine unbedingte Pflicht, die Probleme und Nöte anderer an sich herankommen zu lassen und zu lindern.Doch ein nüchterner Blick ins eigene Leben und in die Welt zeigt: Die Augen zu öffnen und wirklich sehen zu wollen braucht Mut. Es gibt so etwas wie eine hartnäckige Angst vor dem genauen Hinsehen. Vor jenem Blick, der mich ins Gesehene verstrickt und nicht einfach unbeteiligt weitergehen lässt. Andreas Knapp verdichtet dieses innere Ringen in einem Gedicht, einer originellen
Deutung der biblischen Geschichte vom blinden Bartimäus, der sich von Jesus Heilung erhofft:

bartimäus

überlege es dir gut
ob du wirklich sehen willst
viel schreckliches kennst du
bislang nur vom hörensagen

willst du wirklich
fremdes leid mit ansehen
und der ungerechtigkeit der welt
ins auge blicken
sehen will ich Herr
augenblicklich
dich anschauen
und mit dir im blick
fürchte ich nicht
alles zu sehen

Gedicht aus: Andreas Knapp, Heller als Licht. ­Biblische Gedichte, © Echter Verlag Würzburg, 4. Auflage 2018.

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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