Lebensgeschichte von Sr. Hedwigis Vent
Liebe und Wärme in der kalten Welt
- Sr. Hedwigis wuchs unter schwierigsten Bedingungen auf. Als Ordensfrau erfuhr sie erstmals herzliche Liebe – und gab sie weiter.
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Sr. M. Hedwigis Vent feiert wie viele Ordensleute der Diözese heuer Jubiläum. Dem Tiroler Sonntag hat sie aus ihrem schweren und schönen Leben erzählt.
„Wir haben Spuren Gottes festgestellt“, heißt es in einem neueren Kirchenlied, „Liebe und Wärme in der kalten Welt, Hoffnung, die wir fast vergaßen“. Wer nach solchen Spuren sucht, dem sei die Lebensgeschichte von Sr. Hedwigis Vent ans Herz gelegt.
Aufwachsen ohne Liebe
„Ich hatte nichts gelernt, niemand hat mich gefördert. Ich war mir selbst ausgesetzt“, erzählt sie, ruhig und unsentimental. 1941 ist sie als lediges Kind in Inzing geboren, ihr Taufname war Annemarie. Die Mutter war nicht in der Lage, sie aufzuziehen. So kam sie zur Großmutter. Doch auch diese war eine schwer geprüfte Frau, in einer Erziehungsanstalt aufgewachsen, der Mann alkoholkrank. Als Annemarie 12 Jahre alt war, starb die Oma. „Ich war so deprimiert“, erinnert sie sich. „Herzliche Liebe habe ich nie gespürt.“ Sie kam zu einer Pflegefamilie nach Zirl, arbeitete in einer Fabrik. „Ich war eine Ruhige“, beschreibt sie sich selbst, „zufrieden, dass ich ein Zuhause und eine Arbeit hatte.“ Als ein Priester sie überraschend anspricht, was sie mit ihrem Leben vorhabe, weiß Annemarie keine Antwort. Er habe sie mit einem durchdringenden Blick angeschaut und gefragt: „Hast du nie darüber nachgedacht, Schwester zu werden?“ – „Ich war ja ein lediges Kind, da habe ich gedacht, es geht nicht.“ Der Priester macht ihr Mut, nachzufragen. „Aber es hat erst noch reifen müssen“, so Sr. Hedwigis. Im August schließlich ging Annemarie zum Vorstellungstermin in Zams – und wurde aufgenommen. Am 7. September 1963 um 14 Uhr trat sie ins Kloster ein, sie erinnert sich auf die Minute genau.
Welch großen Einschnitt – im positiven Sinne – dies für ihr Leben bedeutet haben muss, lässt sich nur erahnen: „Die Mutter Bernardina hat mich aufgenommen, auch wenn ich eine Einfache war und keine gute Schülerin. Von ihr habe ich das erste Mal in meinem Leben mütterliche Liebe erfahren.“ Sie spricht es aus und lächelt, dankbar. Sr. Bernardina Außerhofer, Generaloberin von 1949-1985, war selbst als uneheliches Kind unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen. „Mutter Bernardina war bei den Schwestern geachtet und geliebt“, heißt es in ihrer Lebensbeschreibung, „sie war durchdrungen von Liebe und Güte.“ Spuren Gottes tun sich auf – wenn ein Mensch mit liebloser Kindheit anderen mit dem gleichen Schicksal jene Wärme schenkt, die ihnen gefehlt hat.
„Du gehörst uns“
Und auch Sr. Hedwigis gab diese Liebe weiter. Nach der Ordensausbildung kam sie nach Mils, um eine Gruppe von 15 schwerbehinderten Buben im Alter von 12 bis 18 Jahren zu betreuen. „Erst dachte ich, das schaff ich nicht“, erinnert sie sich. Und dann hat sie es 44 Jahre lang getan. Viele Jahre lang ohne einen freien Tag. Sie hat mit den Buben gelebt, war immer da – so sehr, dass einer zu ihr sagte: „Du gehörst uns.“ Woher hat sie diese Liebe genommen? „Ich bin in Gott geborgen, dann kann kommen was will, dann ist Ruhe im Herz“, meint Sr. Hedwigis. Sie habe ganz viel Liebe geschenkt und auch ganz viel Liebe zurückbekommen.
Später wechselt sie noch in den Weidachhof nach Schwaz, betreut intensiv eine schwer demente Frau, von der sie immer wieder „Mama“ genannt wurde. Ohne Mutter aufgewachsen, wurde sie selbst vielen Menschen zur „Mama“.
Seit 2019 lebt Sr. Hedwigis in Zams auf der Pflegestation. „Einfach jeden Tag das Gute für die Menschen tun“, ist ihr Motto. „Schwester sein ist Lebenserfüllung und Lebensfreude.“ Sie strahlt, wenn sie es sagt. „Und ich habe ein ganz großes Vertrauen in Gottes Vorsehung. Warum soll ich mir Sorgen machen? Er weiß es.“
Autor:Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag |