Vieles kann schiefgehen – aber auch gut ausgehen. Sich darauf zu konzentrieren, rät Barbara Coudenhove-Kalergi
Konzentriert auf das Gute

Barbara Coudenhove-Kalergi ist eine prominente Zeugin der Nachkriegsgeschichte.
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  • Foto: Kollektiv Fischka
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Barbara Coudenhove-Kalergi war dreizehn, als sie mit ihrer Familie aus Prag vertrieben wurde. Im Interview spricht die später bekannte Journalistin und Osteuropa-Korrespondentin über Erfahrungen ihres Lebens.

Sie haben 1945 als Kind die ­Vertreibung der Tschechoslowakei erlebt. Wie hat diese Erfahrung Ihr Leben geprägt?
Ich war und bin das, was die Amerikaner ein „Third Culture Kid“ nennen: Jemand, der in jungen Jahren von einer Kultur in eine ­andere transferiert wurde und aus der alten und der neuen Kultur eine dritte gemacht hat, die eigene. Wenn’s gelingt – und das war bei mir der Fall –, ist das Resultat eine Bereicherung. Wenn’s nicht gelingt, wie das bei manchen Migrantenkindern geschieht, ist der oder die Betreffende heimatlos und scheitert. Meine Familie und ich hatten das Glück, in Österreich auf viel Hilfsbereitschaft und Verständnis zu stoßen, obwohl damals alle arm waren und selbst Sorgen hatten. Entscheidend für ein „Ankommen“ in einem anderen Land und einer anderen Kultur ist nach meiner Erfahrung, dass man dem Neuankömmling gestattet, an seinen Wurzeln festzuhalten, und ihn nicht zu einer „Integration“ zwingt, die eigentlich eine Assimilation ist und die Verleugnung der eigenen Identität beinhaltet.

Was wog für Sie und Ihre Familie damals schwerer: der Verlust von Hab und Gut – oder der Verlust an ­Beziehungen, „Heimat“?
Der Verlust der Heimat ist immer schwer. Aus Hab und Gut macht man sich als Kind und als Jugendliche nicht viel. Für mich war entscheidend, dass meine Eltern bei mir ­waren und mir auch auf der Flucht ein Gefühl der Geborgenheit geben konnten.


„Zuhause ist überall“ haben Sie Ihre Erinnerungen in Ihrem Buch im Jahr 2015 genannt, als ganz Europa
die Dramatik von Flucht erlebt hat. Mit welcher Intention?

Den Satz „Zuhause ist überall“ habe ich vom Kaplan in Tamsweg im ­salzburgischen ­Lungau aufgeschnappt, wo wir nach der Flucht aus der Tschechoslowakei gelandet waren. Dieser bezog sich auf ein ­Gebets­zitat, „Herr, meine Heimat sind ­deine Altäre“, und meinte damit, dass Christen eigentlich keine territoriale Heimat brauchen, weil ihre eigentliche Heimat woanders liegt. Der Verlag hat diesen Satz dann als Titel für mein Buch gewählt.

Beunruhigen Sie die politischen Entwicklungen, wenn Sie auf Europa und die Welt schauen?

Ja.

Nämlich?
Weil in vielen Ländern plötzlich demokratische Defizite zutage getreten sind, die wir noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten.

Wenn Sie aus den Erfahrungen Ihres Lebens jungen Menschen etwas ans Herz legen möchten: Was wäre das?
Meine Erfahrung ist, dass im Leben eine ­Menge schiefgehen kann, aber auch eine Menge Dinge gut ausgehen. Es kann nicht schaden, wenn man sich auf die guten ­Erfahrungen konzentriert und dafür ­dankbar ist.

... und wenn Sie an Menschen, die ­heute „mitten im Leben“ stehen, ­denken?
Wer heute „mitten im Leben“ steht, hat sehr viel zu tun. Viele demokratische Errungenschaften, die wir alle für selbstverständlich hielten, sind plötzlich in Gefahr. Jeder und jede hat die Aufgabe, diese Errungenschaften zu verteidigen. Und jeder und jede hat auch die Möglichkeit dazu.

Sie sind als Kolumnistin nach wie vor aktiv. Mit einer bestimmten ­Ziel­setzung?
Wenn man eingeladen wird, am öffentlichen Diskurs mit einer Kolumne teilzunehmen, sagt man ja. Manchen Lesern gefällt, was ich schreibe, anderen nicht. Damit muss man leben.

                                                                                                             

Zur Person
Barbara Coudenhove-Kalergi (geb. 1932) wurde in Prag geboren. Als Deutschsprachige wurde sie 1945 mit ihrer Familie aus der Tschechoslowakei vertrieben. Sie wurde Journalistin bei verschiedenen Zeitungen, bekannt wurde sie vor allem als Journalistin der Osteuroparedaktion des ORF.
2015 veröffentlichte sie ihre Erinnerungen im Buch „Zuhause ist überall“(Zsolnay-Verlag). Als freie Journalistin ist sie heute Kolumnistin in „Der Standard“. Coudenhove-Kalergi ist Mitbegründerin der Initiative „Land der Menschen“.

Interview: Matthäus Fellinger mit Barbara Coudenhove-Kalergi

Autor:

Kooperation Kirchenzeitungen aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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