Erfolgsgeschichte in Rot-Weiß-Rot

Ziegel für Ziegel und Schritt für Schritt gelang in Österreich der politische und wirtschaftliche Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.
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In Zeiten der Corona-Krise drängt sich die Erinnerung an 1945 förmlich auf. Doch der Zusammenbruch des NS-Systems und der Kollaps der Wirtschaft waren auch eine Chance für den Neubeginn und für einen Gründerboom. Die Chance wurde genutzt. Wirtschaftshistoriker Roman Sandgruber beschreibt den Aufbruch vor allem am Beispiel Oberösterreichs.

Österreich erlebte im Jahr 1945 eine dreifache Befreiung. Als Erstes die ­Befreiung durch die alliierten ­Truppen, die die nationalsozialistische totalitäre Diktatur niederrangen. Aber die Öster­reicher selber haben auch ihren Teil beigetragen, durch die Neuetablierung des parlamentarischen Systems, durch die ­Gründung demokratischer Parteien, eines überparteiischen Gewerkschaftsbundes und die Wiedererrichtung der Kammern. Das kam in den ersten Parlamentswahlen vom 25. ­November 1945 zum Ausdruck, als sich die Wähler eindeutig gegen den internationalen Trend für eine freie Demokratie entschieden und den Erwartungen Stalins, in Österreich ähnlich wie in anderen besetzten Staaten eine kommunistische Diktatur etablieren zu können, eine verheerende Nieder­lage bescherten.

Die dritte Befreiung erfolgte durch die internationale Hilfe, die nach 1945 ganz anders als nach 1918 Österreich in großem Maße zuteil wurde. Österreich hat in den ersten zehn Nachkriegsjahren Auslandshilfe in der Höhe von 1.585 Millionen Dollar (= 3,2 Milliarden Euro auf Wertbasis 1955) erhalten. 87 Prozent davon leisteten die USA. Im Vergleich zur Genfer Anleihe 1922/23 war dies die sechsfache Summe, aber nicht als hoch verzinste Kredite, ­sondern als Geschenke.

Der Wirtschaftsinfarkt fiel 1945 ähnlich dramatisch aus wie nach dem Ersten Weltkrieg. Es gab aber einen signifikanten ­Unterschied. Es gelang erfolgreicher als nach dem Ersten Weltkrieg, einen ­Optimismus des Wiederaufbaus und eine neue Gründerzeit zu etablieren.

Flüchtlinge belebten die Wirtschaft. Entscheidend wurde neben der Verstaatlichung und Weiterführung zahlreicher Großbetriebe die Neugründung vieler Klein- und ­Mittelbetriebe. Aus der Kriegswirtschaft war ein gewaltiger Schub an „learning by doing“ gekommen, an eigenständigem Improvisations- und Organisationstalent. Zu Kriegsende gelangten mit den zurückflutenden Truppen und Flüchtlingen viele unternehmerische Personen und abgebaute Maschinen nach Österreich. Eine weitere Welle folgte mit den Vertreibungen der ­Deutschsprachigen aus Jugoslawien und der Tschechoslowakei. Fast ausschließlich ­drängten diese Vertriebenen und Geflüchteten in die amerikanische Zone. Es ist auffällig, wie viele der heute zu den erfolgreichsten Betrieben zählenden Unternehmungen besonders in Oberösterreich auf Gründungen von Flüchtlingen und Vertriebenen zurückgehen.
Vorerst kam die Wirtschaft nur sehr langsam in Gang. Es herrschte nicht nur Mangel an Rohstoffen und Energie, sondern auch an Arbeitskräften. Hauptaufgabe war das Reparieren, Improvisieren und Aufräumen. Die VOEST erzeugte Eggen und Most­pressen, die Steyr-Werke Feuerzeuge, Bügeleisen, Kochlöffel und Kochtöpfe, die Stickstoffwerke Düngekalk. Mitte 1946 wurde die Produktion in den Linzer Stickstoffwerken wieder aufgenommen. Bei der VOEST wurde der erste Hochofen 1947 wieder angeblasen. In ­Lenzing wurde eine Kunstseidefabrikation angedacht und eine Folienerzeugung initiiert, daneben aber die Zellwolle­erzeugung weiter ausgebaut. Dem Aluminiumwerk Ranshofen wurden ein Walzwerk und eine Strangpressanlage ­angegliedert. Die VOEST erhielt mit dem neu entwickelten LD-Verfahren eine leistungsfähige Stahlerzeugung.

Grundlegend für die Nachkriegsentwicklung war einerseits die Entscheidung zur ­Weiterführung der Schwerindustrie‑­gründungen der NS-Zeit, andererseits die ­Ansiedlung zahlreicher neuer Klein- und Mittelbetriebe, von den Werkstätten der ­Gablonzer bis zur Glashütte Wolf & Co. in den Gebäuden der ehemaligen Malzfabrik. Neu waren die Textilmaschinenfabrik G. Josephy’s Erben, die ebenfalls aus Bielitz ­stammende Maschinenfabrik Ochsner, die Leichtmetallgießerei Mandl & Berger, die Elektro­maschinenfabrik Hitzinger, das ­Metallwerk Gebauer und ­Griller oder der ­heutige Weltmarktführer bei ­Bahnbaumaschinen Plasser & ­Theurer. Auch Traditionsunternehmen, die schon lange im Linzer Raum beheimatet waren, etwa der Lösch­geräteerzeuger ­Rosenbauer, die Textil­maschinenfabrik ­Fehrer, der Industrie­ofenproduzent Ebner oder der Erzeuger elektrischer Messgeräte Sprecher & Schuh konnten eine spektakuläre Ausweitung und Neuausrichtung ihrer Produktion erzielen und wurden Teil der oberösterreichischen Erfolgsgeschichte.

Erfolgsgeschichten. Einige dieser Neugründungen von Vertriebenen und Geflüchteten sind inzwischen in die vorderste Linie oberösterreichischer Betriebe aufgerückt. Der Bühnentechniker Ludwig Engel war 1944 aus Belgrad geflüchtet und begann mit einigen Werkzeugmaschinen, die die Donau herauf evakuiert worden waren, in Schwertberg mit der Reparatur von Kraftfahrzeugen und landwirtschaftlichen Maschinen, verlegte sich aber rasch auf das Zukunftsprojekt der Kunstharz- und Plastikverarbeitungsmaschinen.

Der Elektroingenieur Günter Fronius war zu Kriegsende aus Siebenbürgen geflüchtet und begann im Juni 1945 in Pettenbach mit der Reparatur von Radios und Autobatterien, mit der Erzeugung von Batterieladegeräten. Aus dem Einmannbetrieb ist ein weltweit agierender Konzern im Bereich Elektroschweiß-, Photovoltaik und Solartechnologie geworden.

Auch die aus dem Sudetenland gebürtigen Brüder Wilhelm und Anton Anger landeten nach der Flucht in Bad Hall und begannen in Traun mit der Fertigung von Brillen. Es war der Anfang einer Wirtschaftswunder-Erfolgsgeschichte, die Anger bis zur vorübergehenden Weltmarktführerschaft bei Schmuck-, Mode- und Sportbrillen führte. Erster Mitarbeiter von Wilhelm Anger war der ebenfalls geflüchtete Arnold Schmied, der später die eigene Brillenfabrik Silhouette gründete.

Die Gründungswelle von 1946 bis 1952 wurde zur wichtigsten Phase in der Wirtschaftsgeschichte Oberösterreichs. ­Innerhalb von fünf Jahren erhöhte sich die Zahl der Industriebetriebe um ein ­Viertel. Bereits 1955 zählte das bis dahin recht agrarische Oberösterreich zu den bedeutendsten Industrieregionen des Bundes­gebietes.

Roman ­Sandgruber war von1988 bis 2015 ­Universitätsprofessor für Wirtschafts- und Sozial­geschichte an der ­Johannes Kepler ­Universität Linz. Sein Interesse gilt ­besonders auch der Alltags- und Kultur­geschichte. ­Sandgruber ist Autor von rund 30 Büchern. Er ist auch als Kolumnist ­tätig.
  • Roman ­Sandgruber war von1988 bis 2015 ­Universitätsprofessor für Wirtschafts- und Sozial­geschichte an der ­Johannes Kepler ­Universität Linz. Sein Interesse gilt ­besonders auch der Alltags- und Kultur­geschichte. ­Sandgruber ist Autor von rund 30 Büchern. Er ist auch als Kolumnist ­tätig.
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Roman Sandgruber

Ziegel für Ziegel und Schritt für Schritt gelang in Österreich der politische und wirtschaftliche Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.
Roman ­Sandgruber war von1988 bis 2015 ­Universitätsprofessor für Wirtschafts- und Sozial­geschichte an der ­Johannes Kepler ­Universität Linz. Sein Interesse gilt ­besonders auch der Alltags- und Kultur­geschichte. ­Sandgruber ist Autor von rund 30 Büchern. Er ist auch als Kolumnist ­tätig.
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