Krankenhausseelsorgerin in Corona-Zeiten
Zwischen Abstand halten, zuhören und begleiten

Gerade in der gegenwärtigen Situation werde das Zuhören und Begleiten „als entlastend erlebt“, sagt Michaela Koller, die als Seelsorgerin im Diakoniewerk Salzburg zwischen Abstand halten und da sein ihren Arbeitsalltag lebt.

RB: Wie hat Corona die Seelsorge verändert?

Koller: Wie die allermeisten Seelsorgerinnen und Seelsorger kann ich nicht mehr ins Se-niorenheim, da die Ansteckungsgefahr für die alten Menschen zu groß wäre. Der Kontakt mit den Mitarbeitenden ist aufrecht. Ich bin unlängst mit der Pflegedienstleitung und einem Techniker – natürlich mit Abstand – beisammen gestanden und wir waren uns einig: Wir Menschen sind soziale Wesen und auch wenn wir keine Kuscheltypen sind, die physische Nähe geht ab. Im Krankenhaus ist die Situation angespannt, weil alle die Katastrophe befürchten und gleichzeitig hoffen, dass sie nicht eintritt. Ich selbst gehe nicht mehr von Zimmer zu Zimmer. Bei Notfällen und Krisensituationen bin ich natürlich da oder wenn ich von den Stationen angefragt werde.

RB: Was wollen sich die Menschen von der Seele reden?

Koller: Die Coronakrise ist schon das zentrale Thema. Manche Leute entschuldigen sich sogar, dass sie im Krankenhas liegen, weil bei ihnen „nur“ eine Routinebehandlung vorgenommen wurde. Andere machen sich Sorgen um den Arbeitsplatz, wobei es oft gar nicht sie betrifft, sondern Familienmitglieder.

RB: Wie geht das Krankenhauspersonal mit der Situation um?

Koller: Alle leisten hervorragende Arbeit. Doch jede Phase hat ihre Herausforderung. Anfangs ging es darum, den allgemeinen Betrieb und geplante Operationen herunterzufahren, um für den Notfall gerüstet zu sein. Als Seelsorgerin merke ich, die Leute sind dankbar für jedes Gespräche. Da müssen von mir gar keine besonders frommen Worte kommen. Oft reicht das Dasein. Vor Kurzem habe ich dem ärztlichen Leiter des Krankenhauses eine Osteraufmerksamkeit übergeben. Ich hab erst in der Situation registriert, dass es gerade sehr stressig ist und noch gesagt: „Tut mir leid, das ist gerade ungünstig.“ Er aber meinte: „Nein, für Ostergrüße ist nie der falsche Zeitpunkt.“ Solche kleinen Begegnungen tun gut.

RB: Wie wichtig ist es, dass bei allen Bemühungen, die Pandemie einzudämmen, die seelischen Bedürfnisse nicht vergessen werden?

Koller: Das ist sehr wichtig. Krisenintervention ist etwas, das mich neben der Krankenhausseelsorge sehr beschäftigt. Ich denke hier vor allem an die psychisch belasteten Menschen. Und ich denke an pflegende Angehörige, die es bisher gerade so geschafft haben und die aktuell keine Außenhilfe bekommen. Ich kenne einen Fall, da ist früher öfter einmal die Nachbarin eingesprungen und bei der dementen Mutter geblieben, damit die Tochter einkaufen konnte. Das fällt jetzt weg. Die Pflegedienste und Einrichtungen nehmen auch niemanden mehr auf – aus Sicherheitsgründen, damit sie die bereits vorhandenen Patientinnen und Patienten schützen.

RB: Sie sind damit konfrontiert, dass Menschen derzeit sehr einsam sterben müssen, ohne ihre Angehörigen.

Koller: Noch am Anfang der Coronakrise habe ich eine Frau im Sterben begleitet, der die katholische Kirche immer sehr wichtig war. Es konnte noch ein Priester zu ihr und die Krankensalbung erteilen.Ich bin sehr froh, dass das möglich war. Persönlich habe ich momentan viel mit Angehörigen zu tun. Ich telefoniere hauptsächlich und versuche sie vorzubereiten, wenn der Tod absehbar ist. Wenn sich jemand nicht persönlich verabschieden kann, ist da ein hoher Redebedarf. Sie wollen wissen wie war das Sterben für meinen Lieben?

RB: In Italien mussten Ärztinnen und Ärzte entscheiden, wen sie mit den viel zu wenigen Maschinen beatmen. Ist das gerecht? Jedes Leben ist gleich viel wert.

Koller: Das ist theologisch und ethisch eine haarsträubende Situation. Wir müssen über das Geschehene auf jeden Fall reflektieren. Es ist ein Horrorszenarium, wenn wir aus Frankreich hören, dass Covid-19-Patienten ab einem gewissen Alter keine Beatmung, sondern nur Schmerzmittel oder Morphium erhalten. Da stellt sich die Frage der palliativen Sedierung und wie weit sie eingesetzt werden darf. Tatsache ist, wir hatten noch nie eine solche Situation, das hat niemand geübt. Es sind wirklich schwierige Entscheidungen.

RB: Wir stehen vor Ostern, das trotzdem stattfindet, wenngleich ganz anders.

Koller: Ich habe schon öfter gehört: Wie soll das gehen? Ostern ohne Liturgie und ohne Gemeinschaft? Das Zusammenkommen hat eine andere Bedeutung erhalten, weil wir es jetzt vermissen. Andererseits rücken das persönliche Gebet und die Meditation in den Vordergrund. Ich merke bei mir und anderen: Daraus können wir Kraft schöpfen.

RB: Wie kommen wir alle gut durch diese schwierige Zeit? Haben Sie eine Mutbotschaft?

Koller: Zuversichtlich machen mich die Solidarität, das Engagment und die Anteilnahme der Menschen: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Und Gott ist anwesend – in den heiligen und ergriffenen Momenten und genauso in den alltäglichen Begegnungen. Die jetzige Form von Gemeinschaft hat etwas Intensives. Wir wissen, das ist etwas Besonderes und Kostbares. Obwohl wir Distanz halten müssen, reden wir mehr miteinander und fragen den anderen wie es ihm geht. Das macht Mut.

Foto: Dr. Michaela Koller wirkt seit vielen Jahren in der Krankenhausseelsorge. Die Theologin ist von der Erzdiözese Salzburg angestellt für die Bereiche Privatklinik Wehrle Diakonissen und Diakoniewerk.

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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