„Theologischer Preis“ an P. Klaus Mertes
Hochschulwochen würdigen Lebenswerk

Zur Aufdeckung und Aufarbeitung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg trug Klaus Mertes maßgeblich bei.
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  • Foto: RB/pro/Norbert
  • hochgeladen von Ingrid Burgstaller

Für sein Lebenswerk erhält Klaus Mertes den diesjährigen Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen. Der Jesuit deckte vor elf Jahren Missbrauchsfälle im Berliner Canisius-Kolleg auf und setzt sich seitdem für Aufklärung und Prävention ein. 

von Alexandra Hogan

RB: Sie haben zahleiche Missbrauchsfälle aufgedeckt. Wie kam es dazu, dass diese bekannt wurden?
Mertes: Als ich Schulrektor am Canisius-Kolleg in Berlin war sprachen mich eines Tages drei ehemalige Schüler an. Das war kurz vor der Feier ihres 30-Jahr-Abitur-Jubiläums. Sie wollten sicher gehen, dass zwei ehemalige Lehrer, die auch Jesuiten waren, nicht zur Feier eingeladen werden. Die drei waren Opfer von Missbrauch und ich vermutete, dass es noch viel mehr Opfer geben muss.

RB: Wie gingen Sie dann weiter vor?
Mertes: Ich schickte einen Brief an mehrere Jahrgänge, mit der Bitte, dass Betroffene sich melden sollen. Von einer bis heute mir unbekannten Person wurde das Schreiben dann an die Presse weitergeleitet. So wurden die Missbrauchsfälle dann publik.

RB: Welche Emotionen löste das Bekanntwerden im Kolleg aus?
Mertes: So etwas hat eine spaltende Wirkung. Aufklärung spaltet, weil sie nicht nur das Aufdecken von Missbrauchstaten bedeutet, sondern auch von Wegschauen und Ignorieren handelt. Zum Beispiel kam heraus, dass ein Schüler einen hoch angesehenen ehemaligen Schulleiter auf das Verhalten eines Paters angesprochen hatte. Er meinte darauf, dass es so etwas in unserem Haus nicht gebe. Dieser Direktor war eine Ikone. Im Selbstverständnis vieler Lehrer war er unantastbar – und genau diese Ikone wurde beschädigt. Als die Fälle an die Öffentlichkeit kamen, brach eine Lehrerin zusammen und rief laut: Was tut Pater Mertes uns an!

RB: Konnten Sie diese Reaktion verstehen?
Mertes: Natürlich. Man wacht da aus einem tiefen Schlaf der subjektiv empfundenen Unschuld auf. Problematisch wird es aber erst dann, wenn man den Schmerz der Aufklärung vermeidet und in Verleugnung fällt.

RB: Was braucht es, damit die katholische Kirche das Thema Missbrauch generell aufarbeiten kann?
Mertes: Erstens ist weiter Aufklärung notwendig. Die Betroffenen brauchen die Zusicherungen der jeweiligen Institutionen, dass ihnen geglaubt wird. Zweitens muss man den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen – in Form von Zeit für Gespräche, Therapiezahlungen oder Schmerzensgeld. Drittens ist das Thema institutionelle Prävention wichtig und damit die Frage: Was müssen wir an uns verändern, um besser hören zu können, wenn Kinder und Jugendliche versuchen von Missbrauch sprechen?

RB: Worin sehen Sie die Ursachen dafür, dass Missbrauch auch in der Kirche so ein großes Thema ist?
Mertes: Man muss da zwei Aspekte im Blick behalten – die Tat der Täter und das Vertuschen durch die Obrigkeiten, die Ordensoberen, Äbte und Bischöfe. Dass es Missbrauch gibt, ist nicht überraschend; das ist nicht nur ein Problem der Kirche. Aber die Fallhöhe ist hier aufgrund der moralischen Ansprüche höher. Es geht auch um Strukturfragen.

RB: Zum Beispiel?
Mertes: Wenn ein Schüler seinen Eltern von Missbrauch durch einen Priester erzählt und sie antworten: So spricht man nicht über einen Geistlichen! Hier ist das überzogene Priesterbild problematisch. Wichtig wäre auch, Probleme der kirchlichen Sexualmoral in den Blick zu nehmen, die Missbrauch begünstigen und Schwerhörigkeit verstärken.

RB: Das Thema der diesjährigen Hochschulwochen ist: „Was hält uns noch zusammen?“ Was ist Ihre Antwort darauf? Wie kann die Gesellschaft wieder zusammenfinden?
Mertes: Indem sie anfängt, über Ängste zu sprechen, und zwar so, dass nicht manche Ängste als böse und andere als gut dargestellt werden. Es gibt zum Beispiel Menschen, die Angst vor der Corona-Impfung haben, weil wir unbestritten in einer globalen Testphase sind. Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dieser Angst umzugehen. Entweder man hört auch diese Leute an und kommt ins Gespräch oder man macht ihnen von vornherein den Vorwurf, dass sie durch ihre Angst andere Menschen gefährden.

Zur Person

Klaus Mertes wurde 1954 in Bonn geboren. 1977 trat er in den Jesuitenorden ein, 1986 folgte die Priesterweihe. Im Schuldienst in Hamburg, Berlin und St. Blasien arbeitete er von 1990 bis 2020. Seit 2021 ist Klaus Mertes Superior der Jesuitenkommunität in Berlin-Charlottenburg, außerdem ist er Mitglied der Redaktion „Stimmen der Zeit.“ Sein neuestes Buch „Den Kreislauf des Scheiterns durchbrechen. Damit die Aufarbeitung des Missbrauchs am Ende nicht wieder am Anfang steht“ ist im April in der Patmos Verlagsgruppe erschienen.

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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