Partnerdiözese San Ignacio
Hier waren Engel am Werk

Erbe der Jesuiten: Die restaurierten Missionskirchen im bolivianischen Tiefland – im Bild San Miguel – sind  Weltkulturerbe.                  | Foto: RB/ibu
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  • Erbe der Jesuiten: Die restaurierten Missionskirchen im bolivianischen Tiefland – im Bild San Miguel – sind Weltkulturerbe.
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Die Jesuiten bauten Ende des 17. und im 18. Jahrhundert in Bolivien Kirchen – aber nicht nur. Sie haben zahlreiche bis heute sichtbare und vor allem lebendige Spuren hinterlassen. „Wir sind tief mit der katholischen Kirche verwurzelt. Unsere Kultur, unser Miteinander, unser ganzes Leben sind kirchlich geprägt“, sagt der Bürgermeister von San Rafael, einer Gemeinde in der Partnerdiözese San Ignacio de Velasco. Als er über den Kirchenbau spricht, meint er: „Es waren sehr einfache Menschen, die unter der Anleitung der Jesuiten die Kirche errichteten. Für mich waren es Engel, die hier am Werk waren.“

Die Chiquitania in Bolivien hat ihren Namen von den ersten Bewohnern dieser Region erhalten. Sie hießen Chiquitos oder Chiquitanos. Im zweiten Teil des 17. Jahrhunderts begann hier die Geschichte der Jesuiten. Sie kamen als Missionare und mussten gleichzeitig als Baumeister oder Musiker ihr Können unter Beweis stellen. 1991 ernannte die UNESCO die Jesuitenmissionen zum Weltkulturerbe. Zu ihnen gehören: San Francisco Javier, Concepción, Santa Ana, San Miguel, San Rafael und San José de Chiquitos.

Der Besuch einiger dieser Kirchen steht am Programm der Delegation aus der Erzdiözese, die vor kurzem mit Weihbischof Hansjörg Hofer an der Spitze in Salzburgs Partnerdiözese unterwegs war. Ein Höhepunkt war der Besuch in Santa Ana. Wie alle Gotteshäuser der Region hat Santa Ana ein tief heruntergezogenes Dach, das von hölzernen Säulen getragen wird. Der mit Schnitzereien üppig verzierte Kirchenraum ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Gemeinde begeht das Patrozinium. Drei Tage dauern die Feierlichkeiten an. „Die Familien leben den Glauben auch sonst authentisch. Sie feiern etwa die Heiligen daheim in ihren Häusern“, berichtet Pfarrer Raphael. In seinem Pfarrgebiet, zu dem acht Gemeinden gehören, leben zwischen 2.300 und 3.000 Menschen. Die meisten von ihnen arbeiten in der Landwirtschaft.

Gegründet hat Santa Ana im Jahr 1755 P. Julian Knogler aus Gansheim – eine an der Kirche angebrachte Tafel erinnert daran. Überhaupt waren es viele deutschsprachige Patres, die einst nach Südamerika und nach Bolivien aufbrachen.

Der Glaube blieb bestehen

Die Reduktionen sind Siedlungen, die einst zur Missionierung und zum Schutz vor Versklavung und Ausbeutung errichtet wurden. Das Bemerkenswerte ist, dass die Jesuiten eine Vielzahl indigener Einflüsse beibehielten. In der Musik oder in der Architektur vereinigten sich so indigene und barocke Kultur miteinander. Daraus bildete sich eine eigene Identität der Chiquitanos. Die Kirchen befinden sich in einem erstaunlich gutem Zustand. Zu verdanken ist das dem Schweizer Architekten Hans Roth, der in den 1970er Jahren mit der Restauration begonnen hat. Davor und bis in die Gegenwart sind es aber die Menschen in den Gemeinden, die das Erbe der Jesuiten lebendig halten. Sie waren es, die sich so stark mit dem christlichen Glauben identifizierten, dass sie trotz widriger Bedingungen selber für den Fortbestand der Kirchen sorgten.

Nach der Ausweisung der Jesuiten aus Lateinamerika (1767) waren die Chiquitanos auf sich gestellt. Doch die verwaisten indigenen Gemeinschaften hielten am Glauben fest und pflegten das kirchliche Leben. Auch in Santa Ana gab es keinen Geistlichen mehr. Doch die Bewohner der Mission blieben und bauten ihr Gotteshaus alleine weiter.  

Auch die Schnitzkunst hat die Jahrhunderte überdauert. In der Pfarre San Miguel gibt es eine eigene Schnitzwerkstatt in der selbst Diözesanbischof Robert Flock für die Kathedrale in San Ignacio Arbeiten in Auftrag gibt. Ein Auge auf die Werkstatt hat nach wie vor eine Osttiroler Tertiarschwes-ter. Sr. Eva Maria Staller aus Huben, die in Bolivien seit beinahe 60 Jahren eine Heimat gefunden hat. Nach jedem Urlaub in Tirol, so erzählt sie lachend, habe sie einige Schnitzmesser nach San Miguel im Gepäck gehabt.

Mehr als ein Instrument spielen

Musik war eine der Säulen in der Mission der Jesuiten. Sie brachten Werke europäischer Barock-Komponisten in die Reduktionen und schufen eigene Stücke. Im Jahr 2022 ist diese Musik bei Gottesdiensten und Konzerten präsent. Musikschulen eröffnen Kindern aus armen Familien neue Perspektiven. Eine besonders erfolgreiche Musikschule ist „Paz y Bien“ in San Ignacio. Die Philosophie: Kinder lernen nicht nur ein Streichinstrument spielen. Das gemeinsame Musizieren soll ihre Konzentration fördern, sie in Teamarbeit schulen und das Wichtigste:
Sie sind in der Gemeinschaft mit ihren Problemen nicht alleine. Alle zwei Jahre findet in den Missionskirchen der Chiquitania ein mittlerweile weltweit bekanntes Barockmusikfestival mit lokalen und ausländischen Chören und Orchestern statt. „Paz y Bien“ hatten hier schon einen Auftritt.

Tradition im heute

Gastkommentar von Lucia Greiner, Seelsorgeamtsleiterin und Vorsitzende der Diözesankommission für Weltkirche und Entwicklungszusammenarbeit (DKWE)

Am Fest der heiligen Anna und am Ignatius-Fest konnten wir in den gleichnamigen Pfarren teilnehmen. Beide Patrozinien mit ihren festen Ritualen waren richtig große Volksfeste, die ihren Ursprung noch in der Mission der Jesuiten haben. Eine Novene wird vor dem Fest in der Kirche gehalten. Die Staue der hl. Anna wie auch des hl. Ignatius besucht jeweils alle Gemeinden, die zur Pfarre gehören. Nach dem Gottesdienst gibt es eine Prozession rund um den Hauptplatz des Ortes mit Musik und Gesang, bevor mit großzügigem Essen und Kirtag weitergefeiert wird.

Bei diesen Festtagen wie auch bei der Feier der Karwoche zeigen die Cabildos öffentlich die Verantwortung für die Gemeinschaft, die sie während des Jahres tragen. Cabildos sind indigene Räte, ihre Vorsteher Kaziken. In der letzten Zeit beteiligen sich Frauen stärker, manchmal übernimmt auch ein Paar die Rolle des Kaziken. Sie erweisen bei der Wandlung dem erhobenen Brot und Wein Ehre durch knien in der Gruppe und geneigte Stäbe und Bänder. Die Mitfeier der Karwoche rührt von einer intensiven Kreuzverehrung, von der Verbindung ihres Leids mit dem Leiden Christi.

Aus indigener Sicht handeln alle Lebewesen, Menschen, Tiere, Pflanzen, Berge und Flüsse. Alles ist mit verschiedenen Kräften beseelt und hat Wirkungen, gute oder schlechte, auf alle anderen. Damit sind die Menschen vielfältig verbunden – in unseren Worten – mit Mensch und Umwelt. Dass der christliche Glaube dem Guten Kraft verleiht und Leid nicht sinnlos bleibt, stärkt die Menschen in ihren schwierigen Lebensverhältnissen. Sie haben den Glauben nach der Vertreibung der Jesuiten von sich aus mit ihren Ritualen durch die Jahrhunderte getragen.

Bischof Robert Flock erweist dem Cabildo von San Ignacio bei den rituell stattfindenden Begegnungen im Bischofshaus seine Wertschätzung, indem er sie wie die staatlichen Würdenträger der Stadt bewirten lässt. Da es sich um einfache, oft materiell arme Leute handelt, musste er dafür einstehen, sie mit Wertschätzung zu empfangen. Bischof Flock hat mehrfach auf ihre Glaubensstärke, Verlässlichkeit und Unabhängigkeit vom politischen Tagesgeschäft hingewiesen.

Die Jesuiten haben für die Mission in der Chiquitania, so heißt die Region in Bolivien, ihre besten Kräfte geschickt. Sie waren sehr gut ausgebildet, theologisch, in Landwirtschaft, Architektur und Musik, und nicht zuletzt tiefgläubig und menschenfreundlich. Noch heute hat jede Pfarre, die auf sich hält, ein Orchester aus Streichinstrumenten für die Sonntagsmesse, die mit alten und neuen Gesängen gestaltet wird.

Das Leben mit den Menschen zu teilen und darin den Glauben schön und schlicht lebendig werden zu lassen, ist auch heute ein guter missionarischer Ansatz.

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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