Katholische Soziallehre
Es geht auch heute um die Würde

Helmut P. Gaisbauer

130 Jahre alt wird die von Papst Leo XIII. verfasste Enzyklika „Rerum Novarum“ am 15. Mai. Mit dem Schreiben setzte er den Anfang für die Katholische Soziallehre. Wofür diese sich einsetzt und warum sie noch immer aktuell ist, erklärt Politikwissenschafter Helmut Gaisbauer.

RB: Warum hat die katholische Kirche eine eigene Soziallehre entwickelt?
Gaisbauer: Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, gleichzeitig aber auch zur Verelendung der breiten Bevölkerung. Viele Menschen mussten unter schlechten Bedingungen in Großindustrien und Bergwerken arbeiten. Angesichts dieser Zustände hat sich die Kirche bemüht, Prinzipien zu erarbeiten, die allen Menschen dienen sollten, nicht nur den Bessergestellten. Den Anfangspunkt dafür setzte Papst Leo XIII. mit seiner Enzyklika „Rerum Novarum“.

RB: Was sind die wichtigsten Eckpfeiler der Katholischen Soziallehre?
Gaisbauer: Im Zentrum stehen Personalität, Solidarität und Subsidiarität. Personalität meint, dass jeder Mensch einmalig ist und die Gesellschaft dem Individuum auch Raum zur persönlichen Entfaltung geben soll. Solidarität steht für die Bemühungen um ein gutes Miteinander in der Gesellschaft. Das Subsidiaritätsprinzip zielt auf das Gemeinwohl ab. Will heißen: Jede Person hat seinen Beitrag für das große Ganze zu leisten. Gleichzeitig müssen auch Hilfestellungen geleistet werden, damit der Einzelne seine Aufgaben bewältigen kann.

RB: Warum braucht es diese katholische Gesellschaftsethik auch 130 Jahre später noch?
Gaisbauer: Nach wie vor steckt viel Potenzial in der christlichen Sozialethik. Sie zeigt, wie man die Wirtschaft zähmen kann, so dass sie nicht zu einem Selbstzweck wird, wo Profitmaximierung im Vordergund steht.

RB: Papst Franziskus hat bereits mehrfach den Kapitalismus kritisiert. Wie hat er die Umsetzung der Soziallehre bisher geprägt?
Gaisbauer: Er schöpft ganz stark aus seinem Blick für die Menschen, denen es am schlechtesten geht. Als Südamerikaner ist er durch die Befreiungstheologie geprägt. Das ist ein theologischen Ansatz, der sich besonders für die Armen einsetzt. Er ist kritisch, wenn es um Profitgier geht und hat vor allem auch die Klimakrise und das Ringen um die Bewahrung der Schöpfung in den Blick der Kirche geholt.

RB: Was hat denn die Bewahrung der Schöpfung mit der Soziallehre zu tun?
Gaisbauer: Die Soziallehre setzt sich mit den Nöten der Menschen in der jeweiligen Zeit auseinander. Da liegt es auf der Hand: Wir müssen die Wirtschaft anders organisieren, damit wir den Planeten und die Schöpfung retten können. Damit verbunden ist auch die Idee des sozialen Ausgleiches und einer besseren Gesellschaft, die auf die Schwächsten Rücksicht nimmt.

RB: Welche Auswirkungen hatte die Lehre in den letzten 130 Jahren?
Gaisbauer: Geschichtlich gibt es zahlreiche Ereignisse, in die die Soziallehre hineingespielt hat. Aber wenn man auf das große Ganze blickt, kann man sagen: Sie hat die Sensibiliserung für einen Ausgleich zwischen Individuum und gesellschaftlichen Organisationen hervorgebracht. Die Kirche betont, dass alle Organisationen für den Menschen da sein sollen und nicht umgekehrt. Die Würde eines Einzelnen darf nicht geopfert werden.

RB: Das heißt, es soll eine Balance zwischen Gemeinwohl und dem einzelnen Menschen geben.
Gaisbauer: Richtig. Und schließlich hat die Kirche in Sachen Soziallehre immer betont, dass eine Gesellschaft nicht ohne die Idee der Caritas, der Nächstenliebe funktionieren kann. Die Würde des Einzelnen ist immer der Testfall an dem sich die Menschenfreundlichkeit einer Gesellschaft entscheidet.

Alexandra Hogan

Helmut Gaisbauer ist promovierter Politikwissenschaftler und arbeitet seit 2011 am Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg. Von September 2017 bis Februar 2021 leitete er außerdem das internationale Forschungszentrum Salzburg. Seine neueste Publikation, gemeinsam mit Wilhelm Blum und Clemens Sedmak verfasst, gilt dem Subsidiaritätsprinzip: „Subsidiarität. Tragendes Prinzip menschlichen Zusammenlebens“, Verlag Friedrich Pustet: Regensburg, 2021.

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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