Indigene Völker
Land und Leben sind bedroht

Die indigenen Völker Amazoniens kämpfen um ihre Rechte, ihr Land und ihre Lebensgrundlage. Das Bild zeigt einen Indio bei einer Demonstration in Brasilia.
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  • Die indigenen Völker Amazoniens kämpfen um ihre Rechte, ihr Land und ihre Lebensgrundlage. Das Bild zeigt einen Indio bei einer Demonstration in Brasilia.
  • Foto: RB/Guilherme Cavalli/Cimi
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Indigene. Keinen Millimeter Land werde es in seiner Präsidentschaft geben, „versprach“ Brasiliens Jair Bolsonaro zu seinem Amtsantritt 2018. Die Folgen dieser Politik und die Bedrohung durch Corona beschreibt der Häuptling der Tupinambá. Kazike Babau sprach zum Welttag der Indigenen Völker am 9. August mit dem Rupertusblatt.

RB: Wie ist die aktuelle Situation? Wie wirkt sich die Pandemie aus?
Babau: Wir sind bisher nicht von Corona betroffen, weil wir sehr zurückgezogen im Regenwald leben. Insgesamt gehören 22 Dörfern zumTupinambá-Gebiet. Wir waren sehr vorsichtig, wobei wir bei den Präventionsmaßnahmen auf uns alleine gestellt waren. Der Staat hat bis zu den Impfungen nichts unternommen. Mittlerweile sind die Menschen in den Dörfern geimpft. Trotzdem bleiben wir weiter in Selbstisolation.

RB: Ist die Gesundheitsversorgung in den indigenen Dörfern ausreichend?
Babau: Es gibt einen eigenen Gesundheitsdienst für indigene Völker. Doch die Regierung hat die Gelder gekürzt. Die Gesundheitsposten und die Infrastruktur sind völlig vernachlässigt und totgespart. Wenn zum Beispiel das Auto des medizinischen Personals einen Platten hat, der Autoreifen kaputt ist, kann er nicht ersetzt werden.

RB: Gibt es Dörfer die von Hunger betroffen sind?
Babau: Wir in unserem Dorf Serra do Padeiro pflanzen Bananen, Maniok, Ananas und vieles mehr. Wir haben auch Hühner, Schweine, Rinder und Milchkühe. Wir holen nichts von außerhalb. Doch nicht alle Dörfer können sich ausreichend selbst versorgen. Besonders jene, die vom Jagen und Fischen leben, haben Probleme. Vom Staat kommt nichts.

RB: Was hat Präsident Jair Bolsonaro verändert? Er strebt die Öffnung der indigenen Gebiete für wirtschaftliche Nutzung an.
Babau: Es spitzt sich zu. Die Aggressionen und Drohungen Bolsonaros treffen uns alle. Er hat die Funai (Fundação Nacional do Índio ist das staatliche Organ für die Angelegenheiten der indigenen Bevölkerung) zerstört. Sie kommt ihren juristischen Aufgaben nicht mehr nach. Sie unterstützt die Indigenen in der Landfrage nicht mehr. Die landwirtschaftlichen Projekte der indigenen Völker werden nicht mehr finanziert. Die Regierung stellt sich gegen die Demarkierung von Land (Anm.: die offizielle Anerkennung ihrer Gebiete und rechtliche Absteckung der Grenzen).

RB: Dabei ist das Recht auf Land für die Indigenen in der Verfassung von 1988 verankert.
Babau: Die Demarkierung ist seit 2009 fertig. Nur die Unterschrift fehlt. Großgrundbesitzer haben Einspruch erhoben. Der Oberste Gerichtshof hat ihn abgewiesen und den Staat aufgefordert die Demarkierung zu unterzeichnen. Doch er hat uns das Land nicht übertragen. Seither sind wir im Schwebezustand.

RB: Immer wieder kommt es in Landfragen zu Gewalttaten. Wie ist das derzeit? Es hat bereits Anschläge gegen Sie gegeben.
Babau: Die Bedrohungen gegen mich als Kazike und meine Familie sind nach wie vor da – sie kommen von Abgeordneten oder auch von der Polizei. Dabei bin ich eigentlich im staatlichen Personenschutzprogramm. Das heißt, die Polizei sollte mich schützen. Wir Tupinambá verwalten uns zu einem guten Teil selbst und sind so nicht voll vom Staat abhängig. Wir haben eine starke interne Organisation und betreiben Landwirtschaft. Es ist diese Unabhängigkeit und unsere Autonomie die nicht jedem passen.

RB: Sie haben vor kurzem das Ehrendoktorat einer renommierten Universität in Brasilien erhalten. Was bedeutet das für Sie?
Babau: Das ist wichtig – nicht so sehr für mich, sondern für die Sache. Ich habe auch die Ehrenbürgerschaft des Bundesstaates und den Chico-Mendes-Preis für Menschenrechte. Es hilft politisch, innerhalb des Dorfes ändert es nichts.

Hintergrund

Brasilien hat 1.298 indigene Gebiete erfasst. 469 davon sind als Schutzgebiete ausgewiesen. Sie sind schon länger bedroht. Immer mehr Goldsucher, Holzfäller, Bergbau- und Agrokonzerne dringen auf der Suche nach Profit in ihr Land ein. Die Folge: Konflikte, Gewalttaten und Morde nehmen zu – bereits 2018 waren 135 dokumentiert. Cimi, der Rat der Brasilianischen Bischofskonferenz für die indigenen Völker, ist die wichtigste Einrichtung zum Schutz der brasilianischen Indios. Durch die weltkirchliche Unterstützung wie SEI SO FREI und der Dreikönigsaktion aus Österreich kann Cimi unabhängig die Rechte der Indios einfordern. Infos: www.seisofrei.at

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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