Im Gespräch
Nachdenken, was wirklich zählt

Ein Hoffentlichkeitsbuch veröffentlichte der Theologe und Philosoph Clemens Sedmak im Tyrolia-Verlag – gerade einmal zwei Monate nach dem Corona-Lockdown. Im Werk mit dem Titel „hoffentlich. Gespräche in der Krise“ nahm er den aufgezwungenen Stillstand als Anstoß zum Innehalten, Nachdenken und zum Dialog „mit anderen und mit sich selbst“.

RB: Sie haben in Ihrem aktuellen Buch fiktive Gespräche mit Menschen in unterschiedlichen Berufen geführt. Da sprach eine Therapeutin, eine Katastrophenforscherin, eine Mysterikerin, eine Theologin, ein Historiker, ein Dichter mit Ihnen. Gibt es in den Antworten Gemeinsames?
Clemens Sedmak: Das Gemeinsame sind wohl die Botschaften: Wir alle sind hier mit unserer Lebenskraft und unserem Erfindungsgeist und unserem sozialen Gespür gefragt, jede Perspektive zählt und als Gemeinschaft, die zusammenhält, werden wir das schaffen. Wir schaffen das! Aber nur, wenn wir uns auch ändern, maßvoller leben. Jetzt ist hier wirklich eine Chance, darüber nachzudenken, was wirklich zählt.

RB: Vieles mag man Ihnen zuschreiben, Stillstand wohl nicht. Wie reagierten Sie auf den Lockdown? Was fiel weg? Was vermissten Sie? Worauf wollen Sie jetzt in Zeiten der Lockerungen freiwillig verzichten?
Clemens Sedmak: Am schwersten ist mir das Wegfallen des persönlichen Unterrichts gefallen und die unkomplizierten sozialen Kontakte; hier ist eine Unbeschwertheit abhanden gekommen, fast wie eine Vertreibung aus einem Paradies. Festhalten will ich auch nach den Lockerungen an den neuen Kontakten, die entstanden sind, verzichten will ich auf unnötigen Konsum und unnötiges Reisen. Und die Erfahrung, dass doch vieles von den eigenen vier Wänden aus gemacht werden kann, lässt so manche Reise weniger dringlich erscheinen.

RB: Sie schreiben von einer Zeit kreativer Neuaufbrüche und sind für billigen Trost und billigen Optimismus nicht zu haben. Welche Perspektive hat ein 55-Jähriger, der jetzt seine Arbeit verloren hat? Wohin bricht die Wirtin auf, die vor einem Schuldenberg steht?
Clemens Sedmak: Wir werden, wie auch Papst Franziskus deutlich gemacht hat, unsere gesellschaftliche Solidarität neu aufstellen und eine Existenzabsicherung einführen müssen; die Idee eines Grundeinkommens ist neu auf dem Tisch. Die Perspektive muss von uns allen getragen werden. Daneben kann keinem Menschen die Freiheit genommen werden, die eigene Einstellung zu auch dunklen und bitteren Situationen zu gestalten. Äußere Absicherung und innere Freiheit schenken Zukunft.

RB: Nicht nur die Friday-for-Future-Bewegung nahm wahr, wie schnell sich die Um-welt während des Lockdowns erholte. Wie lässt sich das bewahren?
Clemens Sedmak: Die Kunst des maßvollen Lebens ist mehr gefragt denn je – wie auch die Frage, was an Produktion und Mobilität wirklich notwendig ist; als Frage auch für den eigenen Alltag. Die ermutigenden Bilder aus smog-befreiten Städten sollten uns hier Mut geben.

RB: Wenn wir die von Ihnen beschriebene Hoffnung als Gemeinschaftsgarten sehen: Wie können hier dann wirklich alle ernten? Wer kommt Ihrer Meinung nach beim Ernten immer zu kurz?
Clemens Sedmak: Menschen, die benachteiligt sind, werden es in und nach einer Krise noch schwerer haben; hier gilt das so genannte Matthäusprinzip („Wer hat, dem wird gegeben“) in seiner Grausamkeit. Wir müssen deshalb auf diejenigen achten, die am Rand des Gemeinschaftsgartens stehen – oder gar vor dem Zaun. Da sind diejenigen, die besonders privilegiert sind, sehr gefragt. Besonders privilegiert sind Menschen, die große Lebenssicherheit haben; aus dieser Sicherheit heraus lässt sich auch ein Beet im Garten abgeben.

RB: Wie beenden Sie den Satz „Hoffentlich ...“
Clemens Sedmak: Hoffentlich wächst die Kraft in uns, damit wir aus einem „Weniger ist mehr“ heraus leben können.

Christina Repolust

Buchtipp: Clemens Semak. Gespräche in der Krise, Tyrolia-Verlag, Innsbruck–Wien 2020, 160 Seiten, 14, 95 Euro, ISBN 978-3-7022-3885-8; auch als E-Book erhältlich, ISBN 978-3-7022-3886-5, 9,99 Euro.

Foto: RB/Tyrolia-Verlag

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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